Heinz Lechner

Ein Wiedersehen

Die lange Rolltreppe am Hbf.
Es ist Hauptverkehrszeit. Er befindet sich auf der Rolltreppe abwärts zur U Bahn. Die emporfahrende Rolltreppe ist voller Passanten.
Sie blicken alle nach oben. Das ist ja ganz natürlich, aber trotzdem hat er den Eindruck sie starren ihn an. Einige tun das in einer so aufdringlichen Weise, so direkt, fordernd und frech, dass er wütend werden möchte. Man könnte sie anspucken oder ihnen bei der Vorbeifahrt eine Ohrfeige geben, denkt er, und sie wären nicht imstande sich zu wehren.
Sie eint ein unruhiger, genervter Blick. Von Terminen gejagte Menschen die sich hetzen lassen im täglichen Kreislauf. Mit toten, nichtssagenden Kuhaugen starren sei einen an. Und er weiß nicht, was sie ihm sagen wollen.

"Rechts steht man, links geht man",ein Gesetz dass allen Kunden öffentlicher Verkehrsmittel bekannt sein dürfte. Nein, nicht allen. Einer muss links stehen geblieben sein, - ein Unwissender. Die direkt hinter ihm Stehenden getrauen sich nicht ihn aufzuklären und so müssen alle nachkommenden die in Eile sind und gehen wollen warten. Einige blicken teils ungeduldig, teils genervt mit langen Hälsen nach vorn und erkennen, daß es zwecklos ist, die Vorderleute zu bitten, Platz zu machen.
Für sie ist diese Zwangspause lästig. Sie verlieren wertvolle Sekunden. Da sich der größte Teil dieser Menschen wohl auf dem Weg zu ihrer Wirkungsstätte befindet, wird gewiss bei Einigen die Angst vorhanden sein, bei Zuspätkommen von ihrem Arbeitgeber eine Rüge zu erhalten oder noch schlimmeres.
Er blickt in die Gesichter dieser Menschen und plötzlich erkennt er eines. Es ist dass einer früheren Arbeitskollegin. Mindestens zehn Jahre haben sie sich nicht mehr gesehen. Sie starren sich an. Im ersten Moment ist er sich nicht sicher. Ist sie es wirklich? Er wollte ihr zurufen, sie begrüßen. Er hatte vor, freudig überrascht zu schauen. Haben uns ja schon seit Jahren nicht mehr gesehen! Und auch sie will etwas sagen. Beide blicken sehr erstaunt. Man kann sagen, fassungslos. Aber sie sehen sich nur an. Ist sie es wirklich? Sie muss ähnliche Gedanken haben wie er. Wenn sie nicht zu lächeln beginnt, wenn sie nichts sagt, wird es wahrscheinlich eine Verwechslung sein, denkt er und sie sicher auch. Er weiß aber doch, dass sie es ist. Sie blicken sich dennoch nur sprachlos staunend an. Jeder auf die Reaktion des anderen wartend. Mehr nicht.
Als sie vorbei ist, blickt er sich nicht um. "Am Ende der Rolltreppe angelangt, könnte ich hochfahren, denn sie wird oben sicher warten." So denkt er einen Augenblick, verwirft diesen Gedanken aber sofort wieder.
"Wie geht es dir?" hätte man fragen können. Sich die Hände reichen vielleicht. Überrascht und freudig sich aneinander drücken."Treffen wir uns mal wieder?" fragen. "Essen gehen, - vielleicht?"
Er versucht sich zu erinnern, wie das letzte Zusammensein ablief. Damals, als sie die Arbeitsstelle teilten, hatte er sich ihre Sympathie erworben. Sie hatte eben erst mit ihrem Freund Schluß gemacht und befand sich deshalb auf der Suche nach einem Ersatz. Sie war eine kleine, gut gebaute - aber noch nicht mollige - wirklich attraktive Frau, sehr hübsch und begehrenswert. Ihre Aufforderungen habe er wohl verstanden und wäre er wie man so sagt „schwanzgesteuert“, hätte sein Leben eine andere Richtung genommen. 
Aber sie hatte eine Art, die ihm nichts Gutes verhieß. Sie konnte sehr dominant und resolut sein, hatte eine laute Aussprache und ein scheinbar einfaches Wesen. Wundersamer Weise war das Balletttanzen ihr Hobby, was nicht in das Bild passte, welches er von ihr hatte. Er hatte kein gutes Gefühl bei dem Gedanken mit dieser Frau eine feste Bindung einzugehen. Bei einer Machtprobe hätte er unweigerlich den Kürzeren gezogen. Es entspricht seinem Naturell klein beizugeben, empfindet dies jedoch als positiven Wesenszug da er Konflikte wenn möglich gerne vermeidet. Ebenfalls dagegen sprach, dass sich seinerseits keine Verliebtheit einstellen wollte. Und für ein kurzes Abenteuer mit ihr hielt er sich nicht abgebrüht genug. Also blieb es immer nur bei einer guten, platonischen Freundschaft bis sie ihre Kündigung erhielt und sich trotz gegenseitiger Beteuerung Freunde zu bleiben, ihre Wege trennten.
Ihr fragender Blick, damals auf der Rolltreppe ist ihm im Gedächtnis geblieben."Warum begrüßt du mich nicht "? hatten ihre Augen gesagt und er verhielt sich wie ein Arschloch und glotzte sie nur blöd an.
Vielleicht ist diese Charakterisierung doch zu voreilig gewählt. Es trifft wohl zu, dass seinerseits kein Interesse bestand mit dieser Frau wieder in Kontakt zu treten und da sie ein sehr einnehmendes Wesen hat, fürchtete er neue Komplikationen.
Um diesen aus dem Wege zu gehen hielt er es für besser, durch sie hindurch zu sehen, sie scheinbar nicht erkennen zu wollen. Man kann natürlich einwenden, daß es der Anstand gebiert, wenigstens eine alte Bekannte zu grüßen. Auch ist es einfach nur feige und zeigt von einem schlechten Charakter. Aber es passt zu ihm. Er will eben seine Ruhe haben und etwaigen Komplikationen aus dem Wege gehen.
Es ist, als hätte er genau in dem Moment des Aufeinandertreffens erkannt, dass Gefahr im Anzug ist für ihn, dass sein sich in geordneten Bahnen befindendes Leben ins Wanken kommen könnte.
Und so beruhigt er sich und lobt sich für seine wie er meint, weise Voraussicht. Er, - der zufrieden verheiratete Mann und seine kleine Tochter über alles liebende Vater.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.12.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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