Gaby Schumacher

Weihnachtsmann in Not

Es war wenige Wochen vor Weihnachten und im Himmel ging es turbulent zu. Die Postengel stöhnten. Beim Fertigstellen der Pakete war ihnen der Tesafilm ausgegangen. Wie so oft hatten die Vorschulengel den besten Einfall:

„Aber nicht das olle Paketband nehmen! Die bunten Papierstreifen, die man drauf kleben kann, sehen viel hübscher aus!“
„Und wie kriegst Du das alles nach unten?“, fragte das jüngste Engelchen.
„Nikolaus hat doch den Schlitten. Und den ziehen die Rentiere.“, erklärten die Älteren.
Das Kleine guckte Nikolaus mit großen Augen flehend an:
„Duhuuh, darf ich mit, Nikolaus?“
„Nein. Ich werd` die ganze Nacht unterwegs sein. Du bleibst hier und träumst derweil schön!“
„Ooch!“
Nikolaus tat es leid, wie traurig das Kleine guckte.
„Hör zu: Wenn ich zurück bin, erzähl ich Dir, wie es war, ja??“
Stumm nickte der kleine Engel und kletterte auch brav in sein Wolkenbett:
´Abaa nächstes Jahr fahr ich mit!!`

Anderntags befestigte Nikolaus kurz vor der Abreise noch fix das extra große Himmelsnavi am Schlitten, legte den beiden Rentieren, die bereits ungeduldig mit den Hufen scharrten, das Geschirr um, zog seinen dicken roten Wintermantel an, dazu noch die Mütze mit dem Bommel, weiße Handschuhe und kniehohe Gummistiefel. Man konnte ja nie wissen ...
Während seine Tiere also im gestreckten Galopp gen Erde rannten, schwankte eine der Gaben, ein brauner Leinensack, gefährlich hin und her. Obendrein raschelte es in dem verdächtig. Sicherheitshalber mahnte Nikolaus:
„He! Langsamer!“ - ´Nicht, dass noch etwas kaputt geht!`, dachte er.
Nein, dann hätte er bestimmt einen heftigen Anpfiff vom Chef bekommen, denn garantiert hatte jemand eine tolle Idee gehabt und dann tagelang daran gearbeitet.
„Was da wohl drin ist … ? Nee, das muss unbedingt heil ankommen!“
Endlich auf der Erde, glitt der Schlitten in eine kleine Stadt. Anstatt zuerst den schwierigsten Auftrag hinter sich zu bringen, kniff Nikolaus und lieferte erst mal alles Andere ab. Danach aber galt keine Ausrede mehr und er kontrollierte nochmals die Adresse auf dem Navi.
„Stimmt!!“
Kurz darauf hatten sie jenes kleine Haus am Stadtrand erreicht. Erleichtert stieg Nikolaus vom Schlitten:
„Ihr wartet hier!“, klopfte er seinen vierbeinigen Lieblingen den Hals, schulterte ebenjenen Sack und stapfte auf die Haustür zu.
„O je, ist die schmal! Viel zu schmal für mich!`
Jetzt war guter Rat teuer. Zum Glück fiel ihm auf, wie breit der Schornstein war. Er stellte den Sack kurz ab, lief zum Schlitten zurück, griff sich ein mindestens zehn Meter langes Seil und kehrte wieder um.
„Was er mit dem wohl vor hat?“, guckten die Rentiere verständnislos hinter ihm her.
Gespannt beobachteten sie, wie Nikolaus, den Sack vorsichtig in die Höhe ziehend, Dachziegelreihe nach Dachziegelreihe erklomm und dann oben verschnaufte.
„Kein Wunder! Der ist ja längst nicht so fit wie wir!!“
„Und außerdem uralt!“
Mit nur etwa 300 Jahren fühlten sich die beiden Rentiere noch richtig jung.
Aufmerksam sahen sie weiter zu. Nikolaus zurrte jenes Seil um den Schornstein fest, zog dann kräftig daran - es sollte ja auch halten - und band es sich danach dort um, wo er seine Taille vermutete. So also gut gesichert, knüpfte er das andere Seilende um den Hals des Sackes.
„Bis später!“, rief er den Tieren zu, die ihm fest die Hufe drückten, dass alles gutgehen sollte.

Nikolaus atmete tief ein, sah aber urplötzlich aus wie ein prall aufgeblasener Ballon und ließ erschrocken darüber die Luft frustriert wieder entfliehen. Ein bisschen neues O2 behielt er aber denn doch zurück. Ätzend erkletterte er nun den Schornstein, ließ den Sack in dessen Dunkel verschwinden und tastete sich mit den Füßen hinterdrein, tiefer und tiefer. Doch so hatte er es wirklich nicht vorgestellt: Erstens drohte er ab und zu abzugleiten und zudem ähnelte er bereits nach wenigen Sekunden einem riesigen Dreckspatz. Schwarze Mütze, graue Streifen im Gesicht, der tolle rote Mantel mit Schmutz bedeckt und die Gummistiefel, auf die er so stolz gewesen war, sahen aus wie schwarze Klumpen.
´Mist!! Gut, dass mich niemand sieht! Die schlafen ja alle!`
Fast unten, verlor Nikolaus denn doch noch den Halt und landete mitsamt des Sackes in der Kaminasche.
„Entweder, die haben gestern Abend noch zu viel gebechert oder waren einfach zu faul, hinterher sauber zu machen!“
Typisch Menschen! So etwas wäre im Himmel nie vorgekommen.
Nikolaus klopfte notdürftig Kleidung sowie Gummistiefel ab und verpasste so dem edlen blitzblanken Parkett ein fast genauso apart grau/schwärzliches Muster. Auf Zehenspitzen schlich er im Wohnzimmer herum und lehnte den Sack gegen eine Rundsäule. So war, schien ihm, wenigstens etwas Stil gewahrt.

Noch hatte er Zeit, noch zeigte sich draußen kein Tageslicht. Weil er unbedingt wissen wollte, was eigentlich in dem Sack war und wie jene Gabe wohl ankommen würde, versteckte er sich hinter einem breiten Sofa. Er vermutete richtig: Genau wie ihn selber plagte denn auch einen bestimmten Menschen die Neugierde, hielt nichts mehr im Bett und er lief ins Wohnzimmer. Den Dreck auf dem zuvor gewienerten Fußboden ignorierte er. Vor der Säule entdeckte er den Sack, knöpfte ihn auf und schenkte so zig Streichholzschachteln die Freiheit. Immer mehr purzelten heraus, es nahm kein Ende.
„Hääh??“
Dann aber entdeckte er zuunterst ein Päckchen. Mit hübschem Geschenkpapier umwickelt und mit einer roten Schleife geschmückt. Aufgeregt entfernte er erst die Schleife, dann das Papier. In der Hand hielt er eine Schachtel, klappte sie auf und schaute auf einen Zettel mit einer Nachricht.
„Ich weiß, wie sehr Du Deine Eisenbahn liebst und wie gern Du bastelst. Jetzt hast Du Beschäftigung für mehrere Monate. Ich hab sie gezählt: Es sind 100! Die darfst Du alle anmalen und in Minihäuser verwandeln! Und nun guck`, was Ich Dir noch schenke!“
Unter dem Zettel lag eine wunderschön aus einer größeren Streichholzschachtel gebastelte und sorgfältig bemalte Minikirche mit Turm, Kirchenfenstern und breitem Eingangsportal. Strahlend trug der Mann das kleine Kunstwerk ins angrenzende Zimmer, in dem er unter Glas auf hübsch gestalteter Landschaft ein Streichholzdorf aufgebaut hatte und platzierte die Minikirche etwas erhöht auf einen Hügel. Es sah toll aus.

Nikolaus in seinem Versteck hatte aufmerksam zugeschaut. Von dem Mann unbemerkt schlich er nun fix aus dem Wohnzimmer, diesmal aber durch die nur angelehnte Tür und dann nach draußen. Dort erwarteten ihn schon seine Rentiere, sahen seine frohe Miene und freuten sich prompt auch. Er würde ihnen auf der Heimreise bestimmt alles genau berichten ...


 

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Gaby Schumacher).
Der Beitrag wurde von Gaby Schumacher auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.12.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Die Autorin:

  • Autorensteckbrief
  • tastifixweb.de (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)

  Gaby Schumacher als Lieblingsautorin markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Dämonen im Labyrinth der Lüste - Dämonenlady Band 3 von Doris E. M. Bulenda



Beelzebub hatte diesen riesigen Titan verloren. Irgendwo im Weltenlabyrinth hatte er ihn ausgesetzt, und der Titan war auf und davon.
Und dann bat Beelzebub ausgerechnet mich, die Menschenfrau, den Verlorenen zu finden.
Natürlich würde ich nicht allein gehen, dafür wäre das berühmte Labyrinth viel zu gefährlich. Mein dämonischer Geliebter Aziz würde mich begleiten. Neben der Gefahr würde allerdings auch manche Verlockung auf mich warten, in den Gängen des faszinierenden, gewaltigen Labyrinths hausten viele seltsame Kreaturen.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Weihnachten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Gaby Schumacher

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Nahender Tod von Gaby Schumacher (Trauriges / Verzweiflung)
DER SILBERNE ENGEL von Christine Wolny (Weihnachten)
1a Kundendienst von Reinhard Schanzer (Satire)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen