Elke Müller

Amerika...

Ein grober Strick lag um ihren Hals, welcher an einem Sattel befestigt war. Die Hände waren zur Sicherheit ebenfalls zusammengebunden. Ihre Bewegungen zeugten von Erschöpfung und ihre Lippen waren von Rissen durchzogen. Trotz Hunger und Müdigkeit zogen die feindlichen Indianer schweigend und gnadenlos mit ihrer Beute, fast ohne ein Geräusch zu machen, seit Stunden weiter. Immer auf der Hut, entdeckt zu werden. Es mangelte an Proviant und um etwas Schutz vor den kalten Nächten zu haben, bereitete man ein Nachtlage unter schützenden Bäumen ein. Weit und breit war hier draußen nichts anderes zu sehen, sie waren allein. Mit gedämpften aufgeregten Stimmen unterhielten sich die kampferprobten und wettergegerbten Krieger an einem kleinen Feuer. 
Für Ashley lief die Zeit wie an einer langen Kette vorbei. Sie wusste nicht, weshalb man es auf sie abgesehen hatte. Auf dem Weg zum Fort gerät sie mit ihrer kleinen Gruppe von Kriegern in einen Hinterhalt von feindlichen Indianern und Soldaten. Nur wenige überleben, sie wird gefangen genommen und verschleppt. Was geschehen ist, ist nun für sie gleichgültig geworden. Sie hatte gelernt Schmerzen und Hunger zu ertragen, aber gegen den quälenden Durst musste sie etwas unternehmen. Kurz schloss Ashley die Augen und schluckte die Tränen hinunter, musterte und belauerte ihre Feinde, um eine Lösung vielleicht zur Flucht zu finden. Trotzdem war Vorsicht geboten. Ein falsches Wort, und… Aber man hatte Ohren zum hören, Augen um zu sehen. Sie hatte niemandem etwas getan. Was stand ihr bevor? War sie eine lästige Zeugin des Vorfalls geworden. Wollte man sich an ihr vergreifen, bitte, ihr bleibt keine Wahl. Was hatte sie sich vorgestellt? Immerhin würde sie das Ende hinauszuzögern wissen. Ein schwacher Windhauch spielte mit ihrem Haar. Er brachte den leichten Geruch nach Feuchtigkeit mit. Sie erschrak, als sie meinte, jemand würde sie beobachten. Ließ ihren Blick umherschweifen. Dann schüttelte sie den Kopf und hatte Glück. In einer Senke stand etwas Wasser.

Am nächsten Tag erreichte man nach einiger Zeit das Ziel. Die Sonne stand schon hinter den Kronen der Bäume, färbte die Blätter in ein magisches Licht. Eine karge Lichtung tauchte auf. Darauf ein Blockhaus oder eher eine Hütte stand. Sie ähnelte eher einem Verschlag als einem Haus. Mit einem kleinen verwilderten eingezäunten Hausgarten. Zur Versorgung mit Trinkwasser diente ein kleiner Bach der vorbei lief. Siegesgeheul erklang. Sollte sie dort untergebracht werden? Sie atmete tief ein und spürte neuen Mut aufkommen. Stille herrschte. Tala sprang vom Pferd, schob sie robust vorwärts. Hob einige Fichtenzapfen auf und warf diese gegen die Tür. Diese öffnete sich einen Spalt. Ein Gewehrlauf schob sich hervor. Doch dann öffnete ein hagerer Mann. Kommst spät. Es wird bereits dunkel!“ Dann grinste er Ashley an. „ Willkommen.Die kleine Treppe knarrte bei jeden Schritt, unter dem Gewicht der Männer. Tala riss die Tür weit auf, trat ein. Ashley blieb kurz neben der Tür stehen und blickte in den Innenraum. Man bemerkte es deutlich, es herrschte „ dicke Luft „ zwischen den beiden Männern. Die Einrichtung war karg. Ein Herd mit großen Abzug, dem, gegenüber ein gezimmerter Tisch und ein paar Stühle standen, an der anderen Wand lehnte ein Schrank. Es war Wohnzimmer und Küche zugleich. Eine andere offene Tür führte wohl ins Schlafzimmer. Hier, trink einen Schluck. Was war los heute im Wald? Ein abgekartetes Spiel vielleicht?“ fragte nun der Fremde. Tala blieb dicht vor dem Sprecher stehen. Nahm das Glas aus dessen Hand. Giftig lächelte er. „ Alle deine Feinde, die Welt ist böse.“ Drehte das Glas um und schüttete den Inhalt langsam aus. „ Verdammt! … Höflich und trinkt nicht!“ Sog dann hörbar die Luft durch den Mund ein. Sein Blick wanderte zu Ashley, musterte sie skeptisch. Sein Gesichtsausdruck war dabei finster. Sie lächelte bitter. Was soll das, warum bringst du dieses Weib her?“ Tala überlegte kurz. Sie, eine wichtige Aufgabe und auf einer abenteuerlichen Reise, einer heiligen Handlung. Die Dakota wehren sich gegen Vertragsbrüche und die Willkür der Regierung. Keiner kann sagen, was sie vorhaben.“ „ Also gibt es wieder Ärger.“ „ Natürlich. Täglich kommen neue Schiffe mit Massen von Siedler, die auf unserem Land, ungefragt, siedeln wollen. Die Dakota werden ihr Land nicht nehmen lassen und es verteidigen, bis in den Tod.“ „ Dies bedeutet Krieg!“ „ Möglich,knurrte Tala. Auch er war voller Wut auf die ungebetenen weißen Eindringlinge, die in ihre Jagdgebiete eindrangen. Stets mussten sie auf der Hut sein vor weiteren Angriffen. Nun, war man bereit, ihnen gleichfalls das Fürchten zu lehren. Das Kriegshandwerk beherrschten alle Indianerstämme perfekt, so auch die Jagd. Alles wurde ihnen schon im Kindesalter beigebracht. Die Sioux verkörperten große Stärke und hatten einen Freiheitswillen wie kein anderer Stamm. Obendrein waren sie verteufelt hervorragende Bogenschützen. Verbittert, fasst gehässig, lachte Tala plötzlich auf. Für Sekunden zog sich etwas in seiner Brust zusammen. Er war kurz weit weg von hier, vertieft in seiner eigenen Welt gewesen. Er wusste genau Macht hatten Personen und diese Macht hatten Namen, hatten sie früher gehabt und haben sie heute noch. Wer also trug jetzt die Verantwortung. Eine Entscheidung musste endlich fallen. Eine friedliche Lösung wäre für alle Beteiligten, ob rot oder weiß, am besten und würde sicherlich endlich wieder Ruhe einkehren lassen. Sein Blick traf Ashley. Sie stand kerzengerade und ihr langes zerzaustes Haar fiel teilweise im locker geflochtenem Zopf über ihre Schulter und Rücken. Ihr Blick war ausdruckslos und leer, verriet nichts. Eine undurchdringliche Maske. Und… was glaubst du. Weshalb ich gekommen bin,“ sagte Tala. „ Du hast eine Lösung anzubieten?“ „ Natürlich!“ Tala zeigte auf Ashley. „ Sie!“ „ Was? Ist das… dein Ernst?“ „ Ja. Sie eine weiße Frau sein.“ „ Zum Teufel, was soll ich mit so einer…!“ „ Sie ist bei euch unter den Namen Prärieblume bekannt, oder auf indianisch Topsannah. Und… sie ist die Frau von Le Cerf Agile (springenden Hirsch), dem Sohn von Abigail. Einem Lakota- Stamm.“ „ Na fein. Was bitte?Eine Weile blickte Tala prüfend auf sein lauernden Gegenüber, verzog missmutig die Mundwinkel. „ Tja, dann werde ich es dir erklären müssen. Sie ist zwar eine Frau, aber eine Anführerin.“ „ Fuck you! Was soll dieser Blödsinn!“ „ Augenblick! Sämtliche Klans der Stämme kommen aus den entferntesten Winkel der Kontinente um sich zusammen zu schließen. Dabei steht dieser Friedensvertrag im Fort Du Ququesneum im Mittelpunkt. Immerhin müssen alle Stämme durch gezwungene Umsiedlung fernab von fruchtbaren Böden und feuchten Klima, in denen sie gesiedelt hatten, jetzt in Gegenden fernab, auf trockenen und unfruchtbaren Land ein entbehrungsreiches Leben führen. Dieser Friedensvertrag ist darum wichtig, weil das Überleben der Stämme davon abhängt. Aber alles, … ist wohl wieder nur Lug und Trug. An der menschenverachtenden Indianerpolitik der Regierung und Abgebrühtheit von einigen Politiker beißt man sich wohl die Zähne aus.“ „ Ich habe keine Ahnung, ob es dort irgendwelche Verflechtungen gibt. Und was hat es mit dieser Frau zu tun?“ Tala grinste mit einer gewissen Bitterkeit. „ Ihr habt für alles mögliche Mittel. Topsannah kann dabei eine entscheidende Rolle spielen.“ „ So?“ Er macht ein abwehrende Handbewegung und grunzte verächtlich. Hatte er doch fast jede Bewegung von Ashley schon länger argwöhnisch, auf eine unauffällige Weise beobachtet. Ihre stolze und aufrechte Gestalt war sicher bemerkenswert. Ihre noch schmutzige Kleidung zeigte ein, mit bunten Stachelschweinborsten verziertes altes Muster, über Mokassin, Leggins und Kleid verteilt. Es wäre für einen guten und friedlichen Kontakt. Es ist vielleicht unsere einzige Möglichkeit. Wir brauchen ein Recht auf Mitsprache.“ „ Ihr vergießt Tränen und wollt mir erklären, wie schwer ihr es habt. Ich bezweifle das ich helfen kann.“ „ Nur weil ihr Weiße keine Regeln und Wertvorstellungen habt,“ mischte sich plötzlich Ashley unverfroren ein. An Heuchlern und Lumpen wird es daher noch lange Zeit nicht mangeln. Wo immer Soldaten auftauchen, hinterlassen sie eine Spur des Todes und der Verwüstung. Selbst Wölfe kümmerten sich um Ihresgleichen, doch weiße Menschen fallen lieber übereinander her.. “ Tala und der Fremde starrten Ashley erstaunt, mit offenen Mund an. Waren geschlagen mit Sprachlosigkeit. Diese stand hoch aufgerichtet, mit ruhigen Blick, der nichts verriet, was sie dachte oder empfand. Nie hatte sie je den Wunsch verspürt zu fliehen und zu den Weißen zurück zukehren. Sie hatte erkannt, wie demokratisch die Indianer organisiert waren, wie viel Einfluss die Frauen hatten und welche Bedeutung das spirituelle Leben im Alltag besaß. „ Ich glaube, ich habe mich noch nicht vorgestellt.“ Fand der Hagere als erster die Worte. Mit zerschlissenen Jeans befestigt an breiten Hosenträgern, sowohl mit einer Menge Abzeichen am einem ausgewaschenem kariertem Hemd geheftet, stand er nun vor ihr. „ Mein Name lautet Dustu. Ich bin Scouts.“ Von draußen drang Lachen und dann Gesang herein. Noch glaubten sie an ihre Lieder, glaubten an beschwörende Kräfte darin. An ihre Hoffnung auf Leben und … ihre Sehnsucht nach Leben war groß.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.12.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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