Klaus Mattes

Eine Apothekerin der schönen Bücher / 6642



Anfang des Jahres stand fest, das Amt schickt mich in zwei Monate Praktikum, aus dem eine Lehre werden soll. Zwecks neuem Beruf, da der alte nichts mehr bringt. Es wurde die Buchhandlung Magali Rot, Fauststadt Knüllingen und Großprelud.

Mit beinahe Mitte vierzig sah ich mich der Aufforderung gegenüber, einen Beruf zu nennen, in dem ich mich gerne ausbilden lassen wollte. Da sagte ich Fotograf oder vielleicht Buchhändler. Somit hatte ich mich dem Verfahren nicht von vorne herein entzogen, setzte heimlich aber darauf, dass mich die Fotografen und Buchhändler gar nicht nehmen wollten für die nächsten drei Jahre. Jedoch gab es eine Frau draußen in einem Landstädtchen, die genau dieses in den letzten Jahren mehrfach schon gesucht hatte: einen, der wie ein fertiger Buchhändler mit Berufserfahrung aussah, sie jedoch nur das Geld eines Auszubildenden kostete.

Frau Rot war erst 48 Jahre alt, aber kurz zuvor war sie schlohweiß geworden. Sie führte es auf vielerlei Sorgen zurück, die ständig auf sie einprasselten. Je länger ich sie kannte, desto unglaublicher erschien ihre Herleitung, denn Sorgen waren vor allem, was Frau Rot den von ihr abhängigen Menschen ihres Umkreises bereitete.
„Wenn“, sagte sie, „es nicht Bücher wären, sondern beliebige Handelswaren, wären wir nur noch bessere Tante-Emma-Verkäufer. So aber sind wir die Apotheker dieser Kultur.“

Allerdings war sie, nicht nur in der Arbeit, sondern eigentlich immerdar, unfähig, sich auf ihre Mitspieler einzustellen. Die Lösung ihrer Schwierigkeit bestand darin, dass sich alle anderen superpingelig nach den etwas schwankenden Wünschen der Frau Rot auszurichten hatten, die dabei ihre Zähne bleckte und ein, freundlich gesagt, somnambules Grinsen an den Tag legte. Es gibt solche Menschen. Ihr Heil liegt darin, Kontrollfunktionen zu besetzen und von allen dasselbe Engagement einzufordern, dass sie selbst ständig aufwenden. Solange man sich ihnen fügt, erreichen sie sehr viel und kommen ziemlich weit.

Der spezielle Witz bei Frau Rot lag darin, dass sie mit ihrem kleinen Körper, ihrem merkwürdigen Lächeln, ihrer leise singenden Sprechweise, dem besternten Blick und der weißen Haarkrause wie eine fragile, frierende Fee erschien, dabei auf Gedeih und Verderb davon abhing, ihre Macht unerbittlich auszuüben. Sie stritt nie, sie wiederholte nur automatenhaft ihre Ansichten, wenn auch die übrige Welt gerade einstürzen mochte, stellte sich stocktaub für jedes Gegenargument, bis schließlich wieder mal gemacht wurde, was sie wollte, damit es wenigstens irgendwie weitergehen konnte.

Gefragt war in dieser Bücherklause ein Auszubildender, der vier Mal am Tag die von ihr so genannten Wägen raus oder rein rollte, Geschenke hübsch einwickelte, Verpackungen aufschnitt und den Müll entsorgte, Hunderte Posten von den sich stapelnden Rechnungen abstrich, Zahlenkolonnen mit dem Taschenrechner nachprüfte, die von ihr fortlaufend ausgemisteten Remittenden nach Preisklassen sortierte, weil man auf diese Weise die einst zu viel, aber den Verlagsrabatten förderlichen Neuerscheinungen fristgerecht doch noch zurückschicken und also wieder versilbern konnte, allerlei Formulare ausfüllte, die Böden aufwischte und den vorlauten Blagen der fast durchweg weiblichen Kundschaft schöntat. Ein wenigstens summarischer Überblick über möglichst alle Titel vom Schlage „Glücklich durch vernünftiger Leben“ wäre dazu auch noch sehr vorteilhaft gewesen.

Frau Rots eigenes Lieblingsbuch, auf das sie öfters anspielte, war seit langem Michael Endes Jugendroman „Momo“. Sie las allerdings nicht mehr, weil sie die Zeit schlicht nicht erübrigen konnte. Fiel dann doch mal ein wenig Zeit für ihr Privatleben ab, verlebte sie diese in ihrem schönen Garten. Ganz selten las sie vielleicht auch noch mal eine kleine Fibel, zum Beispiel über die Effekte heilender Steine beim Feng Shui.
Zerzaust streckte sich die wollige Weißheit ihres Kopfes, wenn sie morgens seligen Gesichts von einer kleinen Gehmeditation vor den Toren Knüllingen herbeisprang und den neben einer Tiefgarage gelegenen Laden aufschloss. Schon wenig später, als mit der Kasse alles in Ordnung war, brühte sie sich ihren Tee auf und hing ihrer neuesten Vision nach. Diese Frau wurde beständig von Visionen heimgesucht. Und man musste ihr alle paar Tage Bescheid geben, welche eigene Vision man jüngst entdeckt hatte und wie man das anstehende Projekt jetzt zu meistern gedenke.

Fast immer sind Buchhändler milde Menschen, die vertrauenerweckend Kultur abstrahlen. Auch wenn sie seit Jahrzehnten den Kampf des goldmachenden Apothekers gegen die in Gestalt des Internets heranstürmende Entbehrlichkeit fechten. Das war bei Magali Rot nicht anders. Weil das meiste Geld mit Taschenbüchern verdient wurde und die allermeisten Taschenbücher von der Gütersloher Verlagssippe kamen, deren Vertreter den kleinen Landbuchhändlern die größten Voraus-Rabattabzüge gewährten, wenn sie Titel wie Petra Schürmanns Bericht über den Unfalltod ihrer Tochter bergeweise orderten, bekamen Frau Rot es vielfach mit Kundinnen zu tun, die angesichts irgendeines 700-Seiten-Frauen-Indien- oder Afrika-Schicksalschmarrens hochnotpeinlich wissen wollten: „Hat das ein gutes Ende?“ Denn, wie offen hinzugefügt wurde: „Sonst kaufe ich es nicht. Das soll ein Geschenk werden.“

Als ich ihr Lehrling geworden war, nämlich nach den zwei Praktikumsmonaten (noch unter dem Schutzschirm des Arbeitsamts) sang-, klang- und nahtlos von ihr übernommen, drängte Frau Magali mir die kostenlosen Vorabexemplare der Herbstnovitäten als Geschenke geradezu auf, um irgendwann später auf ihre sanfte, lieb äugende Art zu gestehen, dass sie diese bis zum Eintreffen der saisonalen Hits von mir gerne gelesen hätte, damit ich die Kundinnen besser beraten und den Umsatz oben halten könnte.

In der Fauststadt Knüllingen, ihrem eigentlichen Wirkungsort, wurde sie von den Stammkundinnen meist sogleich in Beschlag genommen. Dort wirkte ich als hilfreicher Geist im Hintergrund und fiel nicht weiter auf. Und wenn so eine Kundin wissen wollte, wie es zugehe im Buch, dann klimperte Magali Rot mit ihren hellen Augen und seufzte beglückt „Ja, ja!“ und dass es einfach herrlich gut geschrieben wäre, wiewohl sie es natürlich nie gelesen hatte. Ihr schienen alle alles glauben zu müssen.

Wenn ich aber alleine im Ableger ihrer Buchhandlung im Weiler Großprelud Dienst tat, einer ehemaligen Waldensergründung, und eine Kundin mal wissen wollte, ob es gut ausgeht, sagte ich frech: „Ach, wissen Sie, ich kann leider nicht alles lesen, ich muss auch noch arbeiten. Aber diese dicken Frauen-Romane, die gehen doch eigentlich immer gut aus. Meinen Sie nicht auch?“ Schockiert schaute die Kundin mich an, legte das Buch beiseite, schaute sich noch etwas um und kaufte abschließend ein anderes Buch, ohne zu fragen, wie das ausgeht.

Nach einem halben Jahr und als das große Herbst- und Weihnachtsgeschäft noch nicht wirklich angefangen hatte, brach ich die Buchhandelsausbildung ab und ging zurück in meine angestammte Arbeitslosigkeit.
Gemäß dem Prinzip „Fordern und Fördern“, das vor allem der Kanzler jener Jahre hochgehalten hat, war ich gehalten, wöchentlich im Arbeitsamtcomputer alle für mich relevanten Arbeitsstellen vor meinem geistigen Auge passieren zu lassen. Da merkte ich schnell, dass die Knüllinger Buchhandlung praktisch nie für länger als drei, vier Wochen aus den Stellenangeboten verschwand. Schon suchte Frau Rot wieder eine ausgebildete Buchhändlerin für Teilzeittätigkeit oder Minijob. Ihren oder ihre Auszubildende suchte sie kontinuierlich über Monate. Die rapide weniger werdenden Buchhandlungen der Großstadt, in der ich wohnte, schienen es dagegen nicht nötig zu haben, Personal aus dieser Quelle zu beziehen. Die tauchten da drin nie auf.

Immerhin habe ich auf diese Weise erfahren, „Arbeitsort: Knüllingen/Großprelud“ stand immer wieder dort, dass die Rot sich sogar im kleinen Großprelud noch immer wacker hielt, obwohl sie von Anfang an über ihre wirtschaftlichen Zwänge geklagt und sich selbst zugeredet hatte, wenn alle Stricke mal rissen, werde sie einen Internethandel mit wissenschaftlichen Werken über Pilze und Obstbaumokulieren auf die Beine stellen. Dieses wären die Spezialgebiete, mit denen ihr eigener Lehrherr sie dereinst getriezt hätte.

Schon etwas gebrechlich, doch wie eh und je überfordert und verwirrt und also Herrin der Lage, kam sie mir vor, als ich sie Jahre später noch einmal wiedersah, während ihr Gatte und die viel größer gewordene Tochter sie und einen Rollkoffer durch die Unterführung des Hauptbahnhofs meiner Heimatstadt schleppten. Dann, sie war eben erst sechzig geworden, las ich ihre Sterbeanzeige in der Tageszeitung, wo die beiden genannten Anverwandten etwas wie „Alles ist nun endlich gut, wenn wir bedenken, welches Leid sie ertragen musste“ hinzu geschrieben hatten. Für mich klang es einigermaßen nach einer Krebserkrankung, während ich sie irrigerweise schon Jahre vorher für die Einweisung in die Psychiatrie oder den Suizid reif befunden hatte. Wie froh war ich, als ich, wenige Jahre später, meinen eigenen einundsechzigsten Geburtstag halbwegs heil erreichte, wenn auch arm wie eine Kirchenmaus.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.12.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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