Saskia Egli

Hunger

Schreibübung für "Horror" in maximal 1000 Wörtern

 

Der warme Sommerwind treibt kleine Wellen über den dunklen See. Es ist ruhig, nur gelegentlich höre ich das Rascheln der Baumkronen oder Tierrufe aus dem Wäldchen. Die Hitze des Tages ist längst vergangen, doch es ist nicht kalt.  Es ist eine perfekte Nacht für die Jagd, keine Wolke hängt am Himmel und der Vollmond strahlt wie ein riesiges Auge auf die Welt herab. In seinem silbernen Licht sehe ich mein Spiegelbild deutlich auf der Wasseroberfläche, während ich meine Finger durch meine hellen Haare gleiten lasse.

In der nahen Kleinstadt findet dieses Wochenende ein Festival statt. Ich erahne den Schein der Festbeleuchtung hinter dem Hügel. Vor einiger Zeit habe ich auch das Knallen des Feuerwerks gehört. All die Menschen, die sich gut gelaunt und dicht gedrängt um die Verkaufsstände verteilen, die sich einen Mitternachtssnack gönnen und trotz ihrer Müdigkeit nicht nach Hause gehen, um nichts zu verpassen. All die unbeobachteten Momente und Gelegenheiten...

Ich warte.

Von meinem Felsen aus habe ich gute Sicht auf meine Umgebung. Auf der Strasse ziehen Autos wie eine Parade von Glühwürmchen vorbei, Reisende auf dem Weg in den Morgen. Woher kommen sie wohl? Weshalb sind sie so spät noch unterwegs?

Reifen knirschen auf dem Kiesweg, der zum Seeufer führt. Grelles Schweinwerferlicht erhellt das Dunkel, ehe es erlischt und der Motor verstummt. Der Fahrer steigt aus. Ich wende mich ihm zu, bleibe aber sitzen. Langsam, ganz ohne Hast, kommt der Mann auf mich zu. „Was macht so ein hübsches Mädchen wie du allein hier draussen im See? Brauchst du vielleicht Hilfe, Schätzchen?“

„Nein danke.“

„Du kommst von diesem Felsen nicht ohne nasse Füsse weg, Kleines. Und wer weiss, was alles im dunklen Wasser lauert, womöglich knabbert ein Fisch deine Zehen ab.“ Der Mann streift seine Schuhe und Socken ab und wirft mir einen eindringlichen Blick zu.
„Siehst du, Schätzchen, ich bin ein Gentleman der alten Schule. Ich lasse Ladies in der Not nicht sitzen, verstehst du? Keine Sorge, bei mir bist du sicher.“

„Danke, aber ich brauche deine Hilfe nicht. Ich habe keine Angst vor dem Wasser.“

Er zieht seine Jacke aus und beginnt an seinem Gürtel zu hantieren. „Na hab dich nicht so, Schätzchen, ich tue dir hier immerhin einen Gefallen. Du könntest dich ruhig ein wenig dankbar zeigen, ich hätte auch weiterfahren können.“ Die Jeans landet auf dem Boden, das T-Shirt folgt.

„Ich habe dich um nichts gebeten und nicht hierher gerufen. Ich schulde dir weder Dankbarkeit noch sonst irgendwas.“

„Sag mal, so behandelt man seinen Wohltäter nicht. Und überhaupt, wieso hockt ein Mädchen wie du mitten in der Nacht allein im See? Dir könnte weiss Gott was passieren, wenn du keinen Beschützer hier hast. Ich würde also an deiner Stelle meinen Tonfall ändern und nicht so unhöflich zu mir sein.“ Der Mann macht einige vorsichtige Schritte ins Wasser hinein, ehe er sicherer wird und sich meinem Felsen nähert.

„Ich bin allein hier, weil ich keine Gesellschaft wünsche.“

„Ja klar. Du setzt dich bei Vollmond gut sichtbar neben die Strasse, weil du auf der Suche nach einem Mann bist, nicht wahr? Nach einem Mann wie mir. Du bist so überirdisch schön. Als ich dich vom Auto aus gesehen habe dachte ich erst, du wärst eine Fee oder ein Engel.“
Er ist mittlerweile weit genug im See, dass er den Boden unter den Füssen verliert und zu schwimmen beginnt. Entschlossen kommt er zu mir.  „Also, Schätzchen, was soll es sein? Kommst du freiwillig zu mir ins Wasser oder muss ich erst böse werden?“

Unter diesen Umständen bleibt mir wohl keine andere Wahl. Ich stehe auf und mache einen Sprung ins dunkle Nass.

„Na geht doch.“ Rasch ist der Mann neben mir und zieht mich in seine Arme. Seine Hände wandern über meinen Körper, zerren an meinem Kleid. Finger ergreifen mein Haar und ziehen daran, bis ich den Kopf in den Nacken lege. Feste Lippen pressen sich an meine, er schiebt seine Zunge in meinen Mund.

Und hält inne, als er meine Reisszähne bemerkt. „Was zum...?“

Ich schlinge meine Arme um seinen Hals und tauche ab, tief hinunter zum Grund des Sees. Er zappelt und versucht sich frei zu kämpfen, doch ich verschränke meine Beine mit seinen und halte ihn fest.

Nach einigen Minuten ist es vorbei, sein Blick ist starr und sein Herz still. Genüsslich beginne ich meine Mahlzeit.

Beiläufig frage ich mich, ob ihn jemand zu mir geschickt hat. Es ist ein offenes Geheimnis in der Gegend, dass ich diesen See bewohne. Wissen, dass sich mehr als eine Person zunnutze gemacht hat, um einen Verfolger oder Angreifer loszuwerden. Gerade bei Festivals kommt es vor, dass auch menschliche Raubtiere sich unter die Leute mischen. Es sind nur wenige im Vergleich zur Besucherzahl, aber es sind niemals keine.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.12.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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