Saskia Egli

Jagd

Schreibübung für "Archäologie / Action" in maximal 1000 Wörtern

 

Tessa war fast da, nur noch einmal strecken. Ihre Finger berührten bereits den Felsvorsprung, als ihr Fuss auf dem nassen Gestein ins Rutschen kam. Mit einem Ruck hing sie im Seil und prallte gegen den Berg. Tessa fluchte und suchte sich erneut sicheren Halt, ehe sie sich sich das letzte Stück über die Felskante hievte. Atemlos und erschöpft blieb sie sitzen, ihr rechter Arm schmerzte. Wenigstens hatten ihre dünnen Kletterhandschuhe einige raue Kanten und Griffe erträglich gemacht.

Manqoba hingegen, überhaupt nicht beeindruckt vom schwierigen Abstieg, hatte in wenigen Momenten die grossen Taschenlampen aus seinem Rucksack geholt und angeknipst. Dann reichte er Tessa die Hand und zog sie wieder auf die Füsse. Nur weil sie die Höhle gefunden hatten waren sie noch nicht am Ziel.

Das Donnern des Wasserfalls machte jedes Gespräch unmöglich, darum folgten die beiden Entdecker dem Tunnel ohne Worte.
Moos und sogar vereinzelte Pilze wuchsen an den rauen Wänden. Die Luft roch etwas abgestanden, aber zum Glück nicht modrig. Nur wenige Meter vom Höhleneingang wurde es merklich kühler. Tessa fröstelte in ihren verschwitzten Kleidern und hielt kurz an, um eine Jacke überzuziehen.

Währenddessen war Manqoba weitergegangen und hatte die Stelle gefunden, an der angeblich vor langer Zeit ein Schatz versteckt wurde. Gut 150 Jahre zuvor, während des Zulukriegs, hatten einige Buren die Unruhe der Kämpfe für ihre eigenen Zwecke genutzt und kulturelle Schätze geraubt. Hier in den imposanten Drakensbergen hatten sie ihr Lager und ihre Schatzkammer eingerichtet.

Doch schliesslich wurden sie von britischen Soldaten geschnappt und hingerichtet – bis auf eine. Louisa Retief war schwanger und blieb bis zu ihrer Niederkunft im Gefängnis, ehe auch sie am Galgen hing. Ihr Baby kam in ein Waisenhaus, bis Louisas Schwester es zu sich holen konnte.

Die grobe Schatzkarte auf der Innenseite der Babydecke war fortan eins der bestgehüteten Geheimnisse der Familie Retief. Und nun, Generationen später, wollte Pietr Retief den Schatz für sich haben. Besonderes Interesse hegte er am Herzstück des Schatzes – drei kleine Löwenstatuen, geschlagen aus Diamant.

Also hatte er Tessa beauftragt, die nach monatelangen Recherchen und Vorbereitungen nun endlich die Schatzkammer erreicht hatte. Oder viel mehr, die Tür zur Schatzkammer. In den groben Stein war das Kreuz der Voortrekker-Flagge gemeisselt. Tessa holte ihre Notizen hervor und verglich die Tür vor ihr, um nicht im letzten Moment noch einen Fehler zu begehen. Manqoba indes studierte die Höhle selbst und entdeckte einige Spuren ihrer früheren Bewohner. Eine alte Feuerstelle, verrostete Messer und Löffel, einige Tierknochen.

„Okay, ich kann die Tür öffnen. Lass uns aber vorsichtig bleiben, ja?“ Mit sicheren Fingern fand Tessa die kleinen Hebel neben der Tür und betätigte sie in einer bestimmten Reihenfolge. Ein gewaltiges Knirschen erfüllte die Höhle, dann öffnete sich die schwere Felstür einen Spalt.

„Ausgezeichnet, chérie, wie nicht anders zu erwarten.“
Tessa grinste, ehe sie sich umdrehte. „Sophie, Darling, bist du mir etwa wieder gefolgt? Ich dachte, wir hätten über deine Stalker-Tendenzen gesprochen?“

Die zierliche Französin trat weiter ins Licht der Taschenlampen, dicht gefolgt von zwei kräftigen Männern. Tessa nickte den beiden Schergen zu. „Pietro, Giacomo, wie geht's?“
„Hi Tessa.“
„Ging schon mal besser, zu viel Absturzmöglichkeiten hier.“

Manqoba sah den vier Weissen mit grossen Augen zu.

Sophie warf ihre langen Haare elegant über die Schulter, ehe sie ihre Pistole hob. „So gern ich mit dir plaudern würde, chérie, Zeit ist Geld und mein Kunde ist ungeduldig. Seid also bitte so gut und leistet keinen Widerstand, ja? Ist nichts Persönliches, Tessa.“
„Business vor Vergnügen, ich versteh schon. Und das bei deinem Leben auf der Überholspur mal was auf der Strecke bleibt weiss ich ja“, meinte sie gutmütig, als Pietro ihre Arme hinter ihrem Rücken verschränkte. Sophie trat mit einem Seil dazu und fesselte gekonnt Tessas Handgelenke, ehe sie das Seil ausserdem um den Oberkörper schlang.

„Darling, seit wann kennst du dich denn mit Shibari aus? Hast du etwa heimlich einen Kurs gemacht?“
„Du hast angetönt, dass du Fesselspielchen magst, wie konnte ich da widerstehen?“
„Das macht aber ohne Kleider mehr Spass.“
„Keine Geduld fürs Vorspiel, immer gleich zur Sache, was?“
„Ich komme gern rasch zum Punkt, wenn du verstehst.“ Die beiden Frauen warfen sich knisternde Blicke zu.

„Porca miseria, könnt ihr eigentlich auch mal nicht  flirten bei einem Job? Hallo, ihr seid Rivalinnen? Oder gebt euch endlich einen Ruck und geht aus! Das ist ja nicht mehr auszuhalten“, zetterte Giacomo genervt, während er Manqobas Fesseln prüfte. Schliesslich wollten sie die beiden Entdecker kurzfristig festhalten, nicht verkrüppeln oder umbringen.

„Die Pflicht ruft, chérie, vielleicht beim nächsten Mal, ja?“ Pietro und Giacomo drückten die schwere Tür weiter auf, bis das Trio hindurch passte. Manqoba versuchte sich sofort zu befreien, doch Tessa blieb ruhig und lauschte.

Ein Knirschen, Schreie und ein Platschen verrieten ihr, dass die letzte Falle zugeschnappt war. Kräftige Flüche drangen danach an ihr Ohr, alle drei waren also soweit in Ordnung.

Lachend zog sich Tessa den rechten Handschuh aus und löste den Zeigefinger aus ihrer Prothese. Das kurze Messer war schon mehr als einmal ihr Ass im Ärmel gewesen.

Kurze Zeit später standen Tessa und Manqoba an der Grube und sahen auf ihre Rivalen hinunter, die in knietifem Wasser standen.
„Tessa! Was ist das hier?“
„Das, Darling, ist eine Fallgrube, die aus dem Fluss gespiesen wird, bevor er den Berg hinunterstürzt. Keine Sorge, in ein paar Stunden ist das Wasser so hoch, das ihr hinausklettern könnt.“
„Du hast davon gewusst?!“
„Natürlich. So, wir haben einen Schatz abzuliefern. Tüdeldü, ihr Lieben!“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.12.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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