Saskia Egli

Nachts

Das gelbe Licht der Strassenlampen wirft Schatten auf Bürgersteig und Gebäude, während ich auf dem Heimweg vom Bahnhof bin. Ich habe mich mit meinen Freunden in der Stadt getroffen, wo wir nach einem gemeinsamen Abendessen, komplett mit dem für uns üblichen Küchenchaos, noch gezockt haben. Etwas länger als geplant, weshalb es auch schon stockdunkel um mich herum ist. Dichte Wolken verbergen die Nachtgestirne vor meinem Blick, dafür treibt eine frische Brise ein paar braune Blätter vor sich her. Ich zupfe kurz meinen Schal zurecht, es ist doch schon Spätherbst und entsprechend kühl. Obwohl, die Brise hat aufgehört, wo kommt die Kälte her?

Noch während ich nach der Ursache suche, bemerke ich beiläufig etwas, das mich erstarren lässt. Die Blätter und auch die Hauswand haben ihre Farben verloren, sie erscheinen stattdessen in den verschiedensten Grautönen, beschienen von den weissen Strahlen der Laternen. Nun weiss ich, was hier geschieht. Ich habe schon davon gehört, aber bisher ist es mir immer erspart geblieben: Ein Grauer Führer steht hinter mir. Nervös schliesse ich die Augen.

Sie waren früher zahlreicher, diese Wesen der Nacht, doch heute sind sie selten geworden. Nichtsdestotrotz haben sie nichts von ihrer Macht eingebüsst, denn wer einem Grauen Führer in die Augen sieht, verliert all seine Erinnerungen, und zwar für immer. Ihn zu ignorieren und abzuwarten, bis er von selbst verschwindet, bedarf sehr viel Geduld; erst die Morgensonne sorgt für seinen Rückzug. Und ich werde es nicht stundenlang mit geschlossenen Augen hier draussen aushalten. Mir bleibt also nur die Möglichkeit, mich auf den Grauen Führer einzulassen.

Langsam strecke ich meine rechte Hand aus und warte, bis kühles Fell dagegen streicht. Ich taste mich empor und spüre einen mächtigen Schulterknochen, umhüllt von geschmeidigen Muskeln und feinem Pelz. Leider kann ich nicht erahnen, welche Gestalt mein Grauer Führer hat. Wölfe und Katzen sind üblich, aber es gab auch Begebenheiten mit Ratten, Füchsen und sogar Wildschweinen. Fotografien sind nämlich kein Problem, zum Glück, sonst würden wir uns vermutlich ein Monster ohnegleichen vorstellen.

Ich denke fest an mein Haus und hoffe, dass das Bild deutlich ist. Das ist es schliesslich, was ein Grauer Führer tut; er führt die Menschen, die ihm begegnen, wohin sie wollen und bewahrt sie vor Gefahren. Allerdings hat dieser Begleitschutz einen Preis, den einer Erinnerung. Und des gesamten Gedächtnisses, wenn man Pech hat und im ungünstigen Moment die Augen öffnet.

Wir bewegen uns in meinem üblichen Tempo die Strasse entlang, nur das Geräusch meiner Schritte dringt an meine Ohren. Tiere scheinen zu wissen, wenn ein Grauer Führer unterwegs ist, und meiden ihn. Nun, das kann ich ihnen nicht verdenken. Gedanklich folge ich unserem Weg, um herauszufinden, wo wir ungefähr sind. Überascht stelle ich fest, dass wir gleich bei meinem Haus ankommen müssten. Das ging fix. Tatsächlich ertaste ich wenig später unser Gartentor und öffne es erleichtert.

Doch bevor ich die wenigen Treppen zur Tür erreiche, stupst mich der Graue Führer in die Seite. Natürlich, die Erinnerung. Ob er als Wesen der Nacht schon die Wärme der Sonne zu spüren bekommen hat? Einen Versuch ist es wert, und ich gebe die Erinnerung an die kräftigen Strahlen auf meinem Rücken frei. Abermals werde ich angestupst. Hmm, dann kennt er das wohl schon. Ich krame in meinen Gedanken und fische schliesslich den Geschmack einer Kaki hervor, die haben meine Freunde und ich nämlich zum Dessert verspeist, während wir auf Orks eingedroschen haben.

Das Fell unter meiner Hand verschwindet und die Kälte weicht von mir, diese Erinnerung akzeptiert er also. Erleichtert erklimme ich die Stufen und fische meinen Schlüssel aus der Tasche, nach ein paar Versuchen erwische ich das Schloss und entriegle die Tür. Die Sicherheit liegt nur einen Schritt vor mir, und doch - bevor ich mir die Sache gründlich überlegt habe, öffne ich die Augen. Das Glas in der Tür wirft mein Gesicht und den kleinen Weg hinter mir zurück. Jenseits des Gartenzauns erblicke ich die mächtige Gestalt meines Grauen Führers, der allem Anschein nach ein Bär ist. Er wandert die Strasse entlang, auf der Suche nach einem neuen Begleiter. Ich will mein Glück nicht weiter provozieren und schliesse rasch die Tür hinter mir.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.12.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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