Derufin Denthor Heller

Rosalia - Die schönste Mumie der Welt

Rosalia

»Hör doch auf zu weinen.« Liebevoll tätschelte Mario die Stirn seiner Tochter und wischte die schweißnasse Strähne zur Seite, die sich aus der goldgelockten Haarpracht gelöst hatte.

Nur zu gerne hätte er Rosalias Locken im Spiel frisiert und das wunderbare Lächeln des Kindes gesehen, das ihn seit dem Tag ihrer Geburt verzaubert hatte.

Wie einfach war es für sie gewesen, seine Liebe zu gewinnen. Rosalia war sein Schicksal.

Nach dem Tod der Mutter waren die feinen Linien ihres Gesichts das Einzige, was ihm als Andenken an die schönen Stunden mit seiner Frau geblieben waren.

Er hatte sie alleine großgezogen und er liebte sie abgöttisch. Für nichts auf der Welt hätte er Rosalia hergegeben.

Doch heute Nacht plagten ihn große Sorgen. Es war kein Geheimnis, dass eine Plage die Stadt befallen hatte. Eine heimtückische Krankheit, die Frauen und Männer gleichermaßen befiel. In kürzester Zeit raffte sie das Leben dahin. Seit Tagen hörte er das Wehklagen der Trauernden in den Straßen.

Rosalia gab ein keuchendes Geräusch von sich. Das sichere Zeichen dafür, das sich ein weiterer Hustenanfall ankündigte. Er spürte, wie die Nässe ihres Auswurfs den Stoff an seiner Schulter tränkte, doch er störte sich nicht daran.

Rosalias kleiner Körper brannte förmlich. Die Hitze, die sie ausstrahlte, war so stark, dass er meinte, eine heiße Kerze in den Armen zu halten. Tapfer hatte sich das Kind gegen die schmerzende Brust gewehrt, doch die Krankheit war zu weit fortgeschritten. Rosalia hatte jede Kraft verloren. Ihre anfänglich lauten Schreie waren zu einem schwachen Stöhnen verkümmert, das sie weinend nach Luft schnappend zwischen den Zähnen hervorpresste.

Mario bewunderte, wie tapfer seine Tochter die Krankheit ertrug. Ihre Augen waren im Halbschlaf geschlossen. Er war sich sicher, sie hätte tief und fest geschlafen, wenn der Husten sie nicht alle paar Minuten aus ihren fiebrigen Träumen gerissen hätte.

Was konnte er nur tun?

Tränen der Verzweiflung rannen über seine Wangen. Seit Stunden hielt er Rosalia auf dem Arm, redete ihr gut zu und versuchte vergeblich das Fieber zu senken.

Seine Mühen waren nicht belohnt worden.

Im Gegenteil. Das rasselnde Atemgeräusch, das sich seit ein paar Minuten zeigte, verhieß nichts Gutes.

Er wusste sich nicht zu helfen. Tatenlos musste er mitansehen, wie sich der Zustand seiner Tochter von Stunde zu Stunde verschlechterte.

Wenigstens für den Moment schien Rosalia ein wenig Ruhe zu finden. Friedlich schlummerte sie an seiner Schulter und doch war das Zittern des kindlichen Körpers allgegenwärtig. Tränen kullerten über ihre Wangen.

Blasses Mondlicht blitzte durch die Scheiben in die Stube des Wohnhauses.

Mario sah hinaus in die Dunkelheit. Obwohl die Nacht erst angebrochen war, zeigten sich die Straßen wie leer gefegt. Die Bevölkerung der Stadt hatte sich zurückgezogen und verließ die Häuser nur noch, wenn es absolut notwendig war.

Ein Schatten huschte vorbei. Für einen Moment dachte er, es wären die Bewegungen der Frau, die er einst geliebt hatte, doch dann wurde ihm bewusst, dass er sie niemals wieder sehen würde. Tot und begraben ruhte sie seit zwei Jahren auf dem Friedhof.

»Warum nur hast du mich allein gelassen?«

Mario schluchzte.

Rosalias Körper schüttelte sich, als ein neuer Anfall ihre kranken Lungen befiel.

»Ja, ich weiß. Es tut weh«, sagte er leise und drückte ihr einen Kuss auf die heiße Stirn.

Was nutzten all die Versuche, Rosalia zu beruhigen?

Er war nur ein kleines Licht. Es lag nicht in seiner Macht, seine Tochter vor der Seuche zu bewahren, die schon Hunderte anderer dahingerafft hatte.

Was, wenn er sich selbst ansteckte?

Wenn Rosalia überlebte und er am Ende selbst wie ihre Mutter am Friedhof enden würde?

Rosalia eine Vollwaise? Ein fürchterlicher Gedanke. Was hatte er nur verbrochen? Warum hatte ihm Gott solche Prüfungen auferlegt?

»Wo bleibst du nur alte Frau?«

Behutsam legte Mario seine Tochter in das Kinderbett. Es wurde langsam kalt im Raum. Das Feuer im Kamin war schon weit heruntergebrannt. Ein paar Scheite würden es erneut entfachen.

»Bald hast du es wieder wohlig warm Rosalia.« Seine Stimme schien die Kleine zu beruhigen.

Ihre Haut war gerötet und doch zeigte sich eine kränkliche Blässe. Als sie für einen kurzen Moment die Augen öffnete, sah er den fiebrigen Glanz, der sich nur dann einstellte, wenn die Körpertemperatur weit über der normalen Gradzahl lag.

»Wann kommt nur endlich diese verdammte Quacksalberin?«

Schon vor Stunden hatte er nach der Kräuterfrau schicken lassen. Die Wundermittel und Tinkturen waren seine letzte Hoffnung.

Ein Geräusch riss ihn aus seinen Gedanken.

Waren das Schritte?

War die Quacksalberin endlich gekommen?

Das leise Quietschen der Tür kündigte sie an. Die alte Frau hielt es nicht für notwendig, zu klopfen oder zu grüßen.

Wortlos trat sie ein und näherte sich vorsichtig dem Bett seiner Tochter.

Sie war von kleiner Gestalt und in einen weiten Mantel gehüllt. Eine Kapuze bedeckte ihren Kopf und die Hälfte der vogelartigen Maske, die sie als Schutz vor der Gefahr auf dem Gesicht trug.

Mario zitterte.

Das mysteriöse Aussehen der Quacksalberin ängstigte ihn und doch war er froh, sie endlich zu sehen.

»Ich danke dir, dass du gekommen bist.« Es war nur ein Flüstern, das über seine Lippen kam. Er wischte sich Tränen aus dem Gesicht. »Ich brauche dringend Hilfe«, fügte er hinzu.

»Wie lange ist sie in diesem Zustand?« Die Stimme der Quacksalberin klang dumpf unter ihrer Maske hervor. Es war eine melodische Stimme. Vielleicht war sie jünger, als er angenommen hatte. Sie hatte freundlich gesprochen, doch der traurige Unterton war ihm nicht entgangen.

War es bereits zu spät?

»Seit etwa einem halben Tag. Ich habe versucht, das Fieber mit nassen Tüchern zu senken, aber es ist mir nicht gelungen. Die Krankheit scheint ihre Lungen befallen zu haben, denn es ist ein grausamer Husten, der sie plagt.«

»Atemnot?«

»Sie röchelt und ich denke, manchmal setzt die Atmung aus. Das Rasseln hört ihr ja selbst. Bitte helft ihr, ich zahle euch, was ihr verlangt.«

Die Quacksalberin schüttelte den Kopf.

»Ich wünschte, ich könnte euch etwas anderes sagen, aber ich habe den Tod zu oft gesehen. Ich fürchte, meine Kräuter sind hier machtlos. Eure Tochter ist ein hübsches Kind, aber ich würde lügen, wenn ich euch sagen würde, dass sie diese Nacht überleben wird.«

Mario fühlte, wie Schwäche in seine Glieder fuhr.

»Nein. Rosalia. Sie darf nicht sterben. Ich kann das Leben nicht ertragen ohne sie. Ihr dürft sie mir nicht nehmen.«

»Ich kann nichts für euch tun.«

Mario beugte sich über das Bettchen und streichelte Rosalias Wangen. Hemmungslos ließ er seinen Tränen freien Lauf.

»Ich kann es nicht. Ich kann nicht loslassen. Nicht noch einmal möchte ich jemanden auf dem Friedhof verscharren. Dein schönes kleines Gesicht. Für immer will ich es vor mir sehen.«

»Es tut mir leid. Ich muss euch nun verlassen, doch wenn ihr es wünscht, kann ich eure Rosalia vor dem kalten Grab bewahren.«

Mario wandte sich der Quacksalberin zu.

»Wie meint ihr das?«

»Die Asche nicht aller Toten wird im Meer verstreut und nicht alle, die von uns gegangen sind, werden in der Erde vergraben. Seit Jahrtausenden gibt es Techniken, den Leib der Toten zu erhalten.«

»Ihr sprecht von Einbalsamierung?«

»Es gibt neue Erkenntnisse. Wenn ihr es wünscht, so werde ich den Körper eurer Rosalia für die Ewigkeit bewahren.«

»Was würdet ihr mit ihr tun? «

»Großes Geschick und Wissen ist dafür notwendig und ich werde einige Tage Zeit benötigen. Bringt den Leichnam einfach zu mir.«

»Und was genau macht ihr dann mit meiner Rosalia?«

»Zunächst muss der tote Körper von allen Giftstoffen gereinigt werden. Die Körperöffnungen werden mit Wachs verschlossen und die Flüssigkeiten des Körpers ersetzt. Der Körper muss an einem gekühlten Ort aufgebahrt werden. Es ist eine anstrengende Arbeit, aber ich verspreche euch, sie wird euch selbst überdauern.«

»Noch ist sie nicht tot. Ich habe noch Hoffnung.«

Die Quacksalberin seufzte. »Ihr wisst, wo ihr mich finden könnt.«

So schnell, wie sie gekommen war, war sie verschwunden.

Mario blieb allein zurück. Seine Gefühle überwältigten ihn.

Was sollte er nur tun.

Mit aller Macht stemmte er sich gegen die Angst, die ihn befallen hatte.

Es blieb noch Hoffnung. Es musste einfach so sein.

Rosalia würde leben.

Es war zu früh, um den Kampf aufzugeben.

Sachte nahm er seine Tochter wieder an die Schulter und streichelte ihr zärtlich über den fiebrigen Kopf.

Was war das für ein Schatten?

Waren das die Schwingen des Todes, die sich über seiner Tochter Ausbreiteten?

Er spürte, wie der kleine Körper erschlaffte.

Wenigstens war nun ihr Leiden beendet. Still und schnell war Rosalia für immer eingeschlafen. Der Kampf gegen die heimtückische Krankheit war verloren.

Niemals würde er sie wieder lachen sehen.

Er drückte das tote Kind fest an sich und weinte bitterliche Tränen.

Am Morgen traf er eine Entscheidung.

Unaufhaltsam trugen ihn seine Füße durch die kalte Einsamkeit der Straßen. Versteckt hinter einem Vorhang aus grauem Nebel zogen Reihen aus nichtssagenden Häusern an ihm vorbei. Die Gedanken drehten sich. Nur das Ziel, das vor seinen geröteten Augen leuchtete, hielt ihn aufrecht. Als würde er einem unsichtbaren Faden folgen, eilte er durch die Stadt. Ruhelos verfolgte er die vom Nebel feuchten Pflastersteine, die unter seinen Füßen dahinglitten.

Mario spürte die morgendliche Kälte, die an seiner Stirn zerrte. Das Bündel aus Decken, in das er den toten Körper gebettet hatte, wog schwer. Mit hängenden Schultern schlurfte er weiter einen Schritt nach dem anderen.

Noch immer konnte er den Gedanken nicht ertragen, dass Rosalia nicht mehr am Leben sein sollte. Er hielt den leblosen Körper eng an sich gepresst. Verbittert haderte er mit den Stunden und Tagen, die nun, da er sich dazu durchgerungen hatte, unweigerlich folgen mussten.

Das heruntergekommene Haus war unbeleuchtet. Zwischen zwei großen Herrenhäusern duckte sich das schäbige Gebäude in die enge Gasse. Er hatte keine Erinnerung an den Weg, der ihn zur Wohnstätte der Quacksalberin geführt hatte.

Bilder des Schreckens formten sich in seinen Gedanken. Würmer und Maden, die den Leichnam seiner Tochter bewohnten, sich in Mund und Augen einnisteten und das fahle Fleisch von den Knochen lösten. Grüner Schimmel, der sich wie das Netz einer Spinne über dem leblosen Körper ausbreitete.

Die Bilder in seinem Kopf waren so stark, dass der Geruch von Tod und Verwesung in seine Nase stieg.

Ein Laut der Verzweiflung entwich seinen Lippen. »Nein, ich kann es nicht ertragen, dich so leiden zu sehen«, flüsterte er.

Er konnte der Quacksalberin nicht gegenübertreten. Er war nicht stark genug. Es kostete ihn Überwindung, die kleine Rosalia in ihren Decken vor der Tür abzulegen, aber es gelang ihm.

»Es wird nur für kurze Zeit sein. Bald werde ich dich wiedersehen.«

Dreimal schlug er mit der flachen Hand an die Tür. Dann drehte er sich um und rannte, so schnell in seine Füße tragen konnten.

Hinter sich hörte er, wie die Tür geöffnet wurde. Ein Stein der Erleichterung fiel von ihm ab, doch er sah nicht zurück.

Sein Einfluss endete an der Schwelle des Hauses. Nun lag es an den Künsten der Quacksalberin. Er stellte sich vor, wie ein langes Messer in die kindliche Haut schnitt, um das Blut aus den Adern zu lassen.

Eine grauenvolle Vorstellung. Nein, das wollte er nicht erleben. Schwere Tage warteten auf ihn, aber in einigen Wochen würde er seine Tochter wiedersehen. Heil und schön, wie er sie in Erinnerung behalten wollte.

In der Zwischenzeit mussten einige Vorkehrungen getroffen werden. Die Katakomben der Stadt waren ein guter Ort. Das besondere Klima des Untergrundes bewahrte die Leichname vor dem Verfall. Nicht nur er selbst, sondern jeder, der diese unheimliche Seuche überstanden hatte, konnte Rosalia dort die Ehre erweisen, die sie verdiente.

Vier Wochen später war es so weit.

Der Umschlag, der unter seiner Tür durchgeschoben wurde, war unscheinbar und nur mit seinen Initialen gekennzeichnet. Der Text der Nachricht kurz. Es ist vollbracht, lauteten die geschriebenen Worte.

Schnell eilte er in die Katakomben. Gleich am Eingang war eine Nische frei geräumt worden. Dort lag sie, gebettet in einen steinernen Sarg. Ein schlichtes Kleid aus Leder bedeckte ihren Körper. Der wächserne Schädel war von ihren blonden Locken umrahmt. Jemand hatte ihr eine Schleife ins Haar gebunden, die die sanfte Schönheit unterstrich.

Friedlich lag sie da. Selbst im Tod hatte sie eine strahlende Schönheit, die sich auf jeden Besucher übertrug und ein Lächeln in die Gesichter ihrer Betrachter zauberte.

Wie oft war er bei ihrem Bettchen gesessen und hatte die Schönheit des kindlichen Schlafes bewundert.

Rosalias Schönheit würde die Jahrhunderte überdauern. Wenn er selbst längst in Vergessenheit geraten war, würde sie noch immer die Herzen der Menschen berühren.

Weinend brach er zusammen.

 

In Erinnerung an Rosalia Lombardo – die schönste Mumie der Welt.

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