Dietrich Pietsch

Die drei Besucher

Der Mann und die Frau standen am Straßenrand. Im Dunklen. Denn in dieser Gegend gab es keine Straßenlaternen. Nur wenn ein Auto näherkam, fiel etwas Licht auf ihre müden Gesichter. Die Frau stützte sich auf eine Mülltonne, als hätte sie Mühe, sich auf den Beinen zu halten. Der Mann streckte die Hand aus, den Daumen nach oben. Der Wagen fuhr vorbei und spritzte seine Hose nass. Knöcheltief stand der Matsch auf der Straße. Der Schnee war in Regen übergegangen.

Dann hielt ein kleiner, klappriger Abschleppwagen. Die Beifahrertür wurde aufgerissen. Ein Kopf erschien.

Wohin willst du?

Erst jetzt sah der Fahrer, dass sie zu zweit da draußen im Regen standen. Zwei Schwarze. Ein Mann und eine Frau. Er bereute es, angehalten zu haben. Überlegte, ob er nicht einfach Gas geben sollte.

Wir wollen raus aus der Stadt, sagte der Schwarze und half der Frau in den Wagen.

Der Fahrer legte den Gang ein und fuhr los.

Warum hab' ich die zwei nur mitgenommen, überlegte er.

Die Scheinwerfer tasteten sich durch den Regen. Der Schwarze, der ganz rechts an der Tür saß, hielt eine Plastiktüte zwischen seinen Beinen und hustete. Der Scheibenwischer quietschte über das Glas.

Verdammt ungemütlich da draußen, meinte der Fahrer, als sie ein Stück gefahren waren. Er warf einen kurzen Blick auf die Frau, die unmittelbar neben ihm saß und ihrer Hände in den Taschen ihres weiten Mantels vergraben hatte. Die nassen Haare hingen in ihr Gesicht. Der Fahrer glaubte etwas sagen zu müssen.

Hab' einen Anruf bekommen. Sollte einen Wagen abschleppen. War aber niemand da. Bin also bei diesem Mistwetter ganz umsonst rausgefahren, fuhr er fort.

Er konzentrierte sich wieder auf die Fahrbahn. Nur selten kamen ihnen Fahrzeuge entgegen, denn es war schon spät. Als er wieder einen Blick auf die Frau warf, sah er, dass sie zitterte.

Bist du krank? fragte er sie.

Sie schüttelte den Kopf

Sie erwartet ein Kind, sagte nach einer Weile der Schwarze.

Der Fahrer starrte mit aufgerissen Augen auf die Frau.

Du solltest auf den Verkehr achten, meinte ihr Begleiter, als ihnen ein Fahrzeug entgegenkam. Ein LKW fuhr dröhnend an ihnen vorbei.

Das hat mir noch gefehlt, brummte der Mann am Steuer vor sich hin. Sie bekommt ein Kind! Womöglich noch in meinem Wagen! Er fischte sich eine angebrochene Schachtel Zigaretten aus der Brusttasche und tastete auf dem Armaturenbrett nach einem Feuerzeug.

Als er sich die Zigarette anzündete, sah man, daß sich kleine Schweißperlen auf seiner Stirn gebildet hatten.

Ich muss sie so schnell wie möglich loswerden! sagte er sich.

Wo wollt ihr eigentlich hin? fragte er. Zu Freunden? Oder Verwandten?

Er erhielt keine Antwort.

Das Gespräch war ins Stocken geraten. Und je länger des Schweigen anhielt, um so schwieriger schien es dem Fahrer, einen Satz zu finden, mit dem es sich wieder aufnehmen ließ.

Hin und wieder stöhnte die Frau leise, krallte ihre Finger in den Mantel, der ihren Bauch bedeckte. Der Fahrer hatte sich eine weitere Zigarette angezündet.

Plötzlich verringerte er die Geschwindigkeit, bog nach rechts ab, und nach einer Weile tauchte im Scheinwerferlicht ein hoher Zaun aus Maschendraht auf. Vor einem Tor hielt der Wagen.

Endstation sagte der Fahrer, ohne die beiden anzublicken.

Er hörte, wie die Beifahrertür geöffnet wurde. Der Mann und die Frau stiegen aus. Die Tür wurde zugeschlagen, für einen Augenblick tauchten die zwei vor seiner Windschutzscheibe auf. Dann standen sie neben dem Wagen. Monoton scharrte der Scheibenwischer hin und her. Der Regen hatte nachgelassen.

Der Fahrer kurbelte sein Seitenfenster herunter. Feuchte Kälte schlug ihm entgegen.

Wo wollt ihr die Nacht verbringen? fragte er die beiden und bereute im selben Augenblick, die Frage gestellt zu haben. Die Zwei standen frierend draußen. Ihr Atem hing weiß vor ihren Gesichtern.

Der Fahrer glaubte, dass die Frau mit den Schultern gezuckt hatte.

Danke fürs Mitnehmen, sagte der Schwarze.

Der Fahrer starrte auf das Lenkrad vor sich.

Warum gehen sie nicht endlich. Worauf warten sie noch? Er dachte an die Baracke, in der er wohnte. Vermutlich war das Feuer heruntergebrannt. Er würde einige Holzstücke nachlegen, seine Jacke ausziehen und sich vielleicht noch einen Tee kochen. Etwas Rum dazugeben, sich auf sein Bett legen und auf das Knistern im Ofen hören.

Er schaute zum Fenster hinaus, und der Blick der Frau traf ihn. Ein Blick ohne Vorwürfe. Nur Ratlosigkeit spiegelte sich in ihren Augen. Etwas zusammengekrümmt stand sie da, und ihr Begleiter hatte seinen Arm um ihre Schultern gelegt.

Der Fahrer schaltete den Motor ab. Die Scheinwerfer erloschen. Das Kratzen des Scheibenwischers verstummte.

Ganz still war es nun. Dann sagte er: Wenn ihr wollt, könnt ihr diese Nacht hierbleiben.

Er ging voraus. Ein schmaler Weg führte zwischen aufgetürmten Schrottautos zu einer Bretterbude. Hier wohne ich, sagte der Mann im Vorbeigehen. Wenige Meter weiter hielt er vor einem alten Wohnwagen.

Sieht schon übel aus, die alte Kiste, sagte der Mann, aber es regnet nicht rein und läßt sich sogar heizen.

Er öffnete die Tür, die etwas klemmte, ging voran und forderte die beiden auf, ihm zu folgen. Setzt euch dort hinten! sagte er und deutete auf eine breite Liegefläche im hinteren Teil des Wohnwagens.

Muss nur die Heizung einschalten. Geht mit Gas, erklärte er und hantierte am Boden kniend in einem der Wandschränke. Er richtete sich wieder auf und brachte eine Lampe zum Leuchten. Fauchend warf sie ihr Licht in den Raum.

Seid vorsichtig! Mit dem Gas ist nicht zu spaßen! Die beiden nickten.

Dann stand er noch eine Weile unschlüssig da, schaute auf die schmutzigen Töpfe und das Geschirr, das sich in einer kleinen Spüle türmte und meinte dann: Für eine Nacht wird es schon gehen. Er wandte sich um und verließ den Wagen. Die Tür fiel krachend ins Schloss.
 

Es war kurz nach Mitternacht, als sich ein Gesicht an einer der Scheiben für einen Augenblick die Nase plattdrückte, um besser in den Wohnwagen schauen zu können. Die Frau drückte das Kind, das erst wenige Stunden alt war, an ihren Körper.

Da war einer am Fenster, flüsterte sie und deutete zu der beschlagenen Scheibe. Ich werde nachsehen, wer da ist, sagte der Mann.

Es waren drei. Drei ärmlich gekleidete Männer standen vor der Tür. Mit hochgezogenen Schultern standen sie da. Der größere von ihnen, der einen Schal um seinen Kopf gebunden hatte, verlagerte unentwegt das Gewicht seines Körpers von einen Fuß auf den anderen, als könnte er damit verhindern, dass die Kälte an ihm hochkroch.

Wir sahen das Licht. Wir wollten uns nur kurz aufwärmen, sagte er und blies in seine Hände, um sie mit seinem Atem zu wärmen.

Aber wir haben ein Kind, versuchte der Mann abzuwehren. Da sagten sie nichts weiter, aber sie drängten doch in den Wohnwagen. Wir sind ganz leise, flüsterten sie und schoben sich durch die schmale Tür. Dann fiel das Licht auf sie. Es waren zwei Schwarze und ein Weißer. Der eine trug einen zusammengerollten Schlafsack unter dem Arm. Einer der anderen hatte eine Flasche in der Hand. Der dritte kaute unentwegt an seinen Fingernägeln. Hin und wieder zuckte seine rechte Wange. Der mit dem Schlafsack sagte, er habe noch Zigaretten. Er schob sich eine zwischen die Lippen, dann bot er den anderen eine an.

Aber nicht hier drin, sagte die Frau.

Da gingen die vier vor die Tür, und ihre Zigaretten glommen als rote Punkte in der Dunkelheit. Sie ließen die Flasche kreisen, bis sie leer war.

Hast du was zu essen, fragte der, dessen Wange vorhin im Licht der Gaslaterne gezuckt hatte.

Wir haben nichts, antwortete der Mann.

Dann traten sie die Zigaretten aus und gingen wieder hinein. Nach einander beugte sich jeder der drei nächtlichen Besucher über das Neugeborene.

Ein Sohn, sagte die Frau, und die drei nickten, als wüssten sie es bereits. Die Besucher setzten sich um einen kleinen Tisch am anderen Ende des Wohnwagens. Der Weiße hatte seinen löchrigen Schlafsack am Boden abgelegt. Einer der anderen hielt seine Hand mit den abgekauten Fingernägeln vor seine rechte Gesichtshälfte, damit niemand sah, wie seine Wange zuckte. Der dritte kramte in den Innentaschen seiner abgetragenen Jacke.

Die Frau hatte das Kind, das in ein graues Tuch gewickelt war, neben sich gelegt. Der Vater, zumindest glaubten die Fremden, dass er der Vater sei, stand in der Nähe der Tür, abwartend und lauernd.

Es war jetzt sehr warm in dem Raum. Die Wände des Wohnwagens knackten.

Draußen die Kälte und hier drin die Hitze, dachte der, von dem sie glaubten, daß er der Vater wäre.

Ihr seid eine richtige Familie, sagte der Weiße.

Der mit dem zuckenden Gesicht nickte dazu.

Der Mann an der Tür hoffte, dass sie bald gingen.

Jetzt hab' ich sie gefunden, meinte der andere, der die ganze Zeit in seinen Taschen gekramt hatte. Er war aufgestanden, hielt etwas in seiner Hand und ging nun mit ausgestrecktem Arm auf den Mann an der Tür zu.

Das möchte ich euch schenken, sagte er. Er hielt eine Ansichtskarte in seiner Hand.

Der Mann, von dem sie glaubten, er sei der Vater, nahm die Karte und hielt sie etwas schräg, damit das Licht der Lampe darauf fiel. Die oberen Ecken waren abgeknickt. An den Rändern war sie abgegriffen, als hätte man sie sehr oft in den Händen gehalten. Sie zeigte einen Strand mit Palmen. Himmel und Meer waren von unnatürlichem Blau.

Wie im Paradies, sagte die Frau, als ihr der Mann die Karte zeigte.

Die drei Besucher waren aufgestanden. Sie strebten der Tür zu. Hier nickten sie noch einmal, dann verschluckte sie die Dunkelheit. Ein Schwall kalter Luft strömte in den Raum, ehe der Mann die Tür schloss.
 

Am nächsten Morgen, der Regen war wieder in Schnee übergegangen, verließ der Mann, dem der Abschleppwagen gehörte, seine Bretterbude und stapfte die wenigen Schritte hinüber zum Wohnwagen. Er fand ihn leer. Etwas enttäuscht ging er wieder zurück in sein warmes Zimmer. Er wollte den beiden sagen, dass sie ruhig noch ein paar Tage hätten bleiben können. Schließlich erwartete die Frau ein Kind. Außerdem war Weihnachten.

 

 

 

 

*




 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.12.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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