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KUM BA YAH


Pfarrer Federlein hatte das Christlich Katholische Jungvolk Ückendorf (CKJÜ), 9 Kinder, um sich geschart. Der Pfarrer, etwas durchgeistigt und deutlich gestört, wollte den Kindern zwischen 11 und 15 heute, mitten im Winter, Lagerfeuer-Romantik bieten. Umsichtig und unter allen gebotenen Vorsichtsmaßnahmen entzündete er im Gelände Nordsternpark - im südlichen Teil, aus Richtung Heßler kommend rechts an der Hauptachse zwischen Europator und Kinderland, einen ziemlich großen Feuerkorb und versammelte sein Jungvölkchen drum herum.

 

Das Feuer erhellte die Gesichter. Der Pfarrer erklärte: „Der vom Deutschen Wetterdienst erstellte Waldbrandgefahrenindex (WBI) hat in Nordrhein-Westfalen erstmals in diesem Jahr, leider flächendeckend, die Warnstufe 4 von 5 erreicht. Wir durften hier also gar kein Feuer entzünden. Daher bitte ich Euch alle, Stillschweigen zu bewahren. Es ist nämlich strikt untersagt, wenn der Graslandfeuerindex oder der Waldbrandgefahrenindex des Deutschen Wetterdienstes (DWD) eine Gefahrenstufe größer als drei ausweist. Wir begehen hier eine Straftat. Allerdings zu Ehren des heiligen Pankratius, einer der 5 Eisheiligen. Wir gedenken heute seiner froh und heiter.“

 

Und er holte aus: „Pankratius war der Sohn eines wohlhabenden Phrygiers aus der Gegend von Synnada und wurde der Legende nach als 14-jähriger Waise zu seinem Onkel nach Rom gebracht. Dort wurde er schon bald unter der Herrschaft des Diokletian wegen seines Glaubens enthauptet.“

 

Federlein war stolz auf sein Hintergrundwissen, das er auch sehr gern den Kindern zu vermitteln suchte. Dass der Gedenktag des heiligen Pankratius der 12. Mai ist, wurde von Federlein schlicht ignoriert. Aber, wie bereits angemerkt, der Pfarrer war leicht bis mittelschwer gestört. „In der Chronographie wird der Gute bereits 354 erwähnt!“ Der Mann sah in die Runde der erwartungsvoll angespannten Gesichter. „Die gestrengen Herren, Maifröste oder Eismänner, so nennt man die Eisheiligen auch, sind mir persönlich die wichtigsten Heiligen überhaupt.“

 

Der 14jährige Clancy Baldauf hatte seine Yamaha C40 dabei. „Du hast deine Wanderklampfe ja dabei, Clancy. Also los, lasst uns dem heiligen Pankratius zu Ehren ein Ständchen bringen. Was wollen wir also singen?“

 

Clancy fühlte sich bemüßigt, einen Vorschlag zu machen. Schließlich war er der Mann mit der Gitarre: „Wie wäre es mit Kumbaya, Herr Pfarrer?“ Die übrigen 8 Kinder stimmten begeistert zu. „Oh ja, Kumbaya. Das können wir alle!“ „Es wurde schon 1958 von Pete Seeger gesungen“, beeilte sich Clancy anzufügen. Er wusste, solches Wissen imponierte dem Pfarrer. Jedoch...

 

Rigoros bellte Federlein: „Das kommt nicht in Frage! Kein Kumbaya! Nicht, solange ich diesem Jungvolk Ückendorf vorstehe!“

 

Einer meinte maulig: „Aber warum denn nicht, Herr Pfarrer? Schade… Etwa, weil es von Michael Mittermeier mit den Guano Apes im Jahr 2001 als Kumba yo! verrappt wurde? Deshalb nicht?“

 

„Nein! Deshalb nicht!“, entgegnete der Pfarrer.

 

Ein anderes Kind, ein Mädchen, sagte: „Weil der Begriff von US-Präsident Biden während des Gipfeltreffens am 16. Juni 2021 mit Putin von ihm völlig fehlinterpretiert wurde? Deshalb?“

 

„Nein!“

 

Der Jüngste, der 11jährige Chlodwig, meinte: „Weil es Mickie Krause im Dezember 2006 als Stimmungsschlager verhunzt hat? Deshalb nicht?!“

 

Wieder ein striktes Nein vom Pfarrer.

 

Das intelligenteste Kind, die 15jährige Darwina, meinte: „Weil es oft auch sarkastisch genutzt wird, besonders im englischsprachigen Raum, um entweder die klerikale Gesinnungs-Spiritualität und die zwischenmenschlichen Beziehungen zu verspotten oder auch um deren Oberflächlichkeit scharf zu kritisieren?? Sicherlich deswegen nicht!“

 

Diese Meinung brachte Darwina zwar einen anerkennenden Blick ein, doch auch hier kam ein stringentes „Nein!“ vom Pfarrer.

 

Ein Junge sagte: „Ich weiß es jetzt! Weil es Teil der Protest- und Bürgerrechtsbewegung ist? Und daher im eigentlichen Sinne kein Glaubensbekenntnis mehr?“

 

Freundlicher Blick vom Pfarrer, aber auch jetzt folgte ein klares Nein!

 

„Ich sage Euch, warum ich dieses Lied nicht zu singen gestatten kann, meine Kinder… Lauschet also geflissentlich und lernet:

 

Kum ba yah (und der Mann buchstabierte langsam) ist der Titel dieses Spirituals. Es wurde erstmals 1926 auf einem Wachszylinder aufgezeichnet. Die Worte Kum ba yah sind kreolischen Ursprungs. Und sie bedeuten in „Gullah“, der Sprache der Afro-Amerikaner in den Küsten-Regionen der USA, nämlich North und South Carolina, Florida und Georgia: „KOMM HIERHER!“ - Dies also unser aller dringlicher Appell an den Höchsten, uns aufzusuchen. Und das kann ich, in dieser Form, nicht stützen. Ein kategorischer Imperativ? Hallo? Geht‘s noch? An unseren Schöpfer gerichtet? Eine (er musste kurz innehalten, so aufgebracht war der Pfarrer) Befehlsform? Das ist nicht hinnehmbar… Wenn wir unser bescheidenes Wort an Gott richten, dann immer in Form einer Bitte. Befehlsform? Das geht aber mal absolut gar nicht… Ich verbiete Euch hiermit, jemals wieder Kum ba yah zu intonieren. HABEN WIR UNS DAHINGEHEND ERGO VERSTANDEN?“

 

Leicht eingeschüchtert nickten die Kinder. Peter meinte schließlich, leise: „Wie wäre es dann mit ‚Nicht lange mehr ist Winter. Schon glänzt der Sonne Schein, dann kehrt mit neuen Liedern der Frühling bei uns ein.‘ Was meint Ihr? Herr Pfarrer?“ Da allen der Text bekannt war, einigte man sich rasch auf dieses Lied. Der Pfarrer beruhigte sich und warf seinen imposanten Bariton mächtig in dieses Lied hinein. So wurde es denn doch noch ein schönes, romantisches Lagerfeuer im Gelsenkirchener Nordsternpark, zu Ehren des heiligen Pankratius, mitten im Winter.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.12.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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