Lena Kelm

Christkind im Schnee II

...Dann sah ich es selbst.
Im Flur stand ein Schneemann. Oder ein Mensch? Mutter nahm den Besen und klopfte die kleine Person ab. Plötzlich sprach der Schneemann mit der Stimme von Oma Jaucke-Wess. Dann kamen ihre schwarze Samtjacke und die Filzstiefel zum Vorschein. Sie zog sie zum Trocknen aus. Ich erkannte das vertraute Gesicht, die grauen Augen und den sanften Blick meiner Oma. Mutter brachte ein Handtuch zum Abtrocknen und fragte die Nachbarin: „Welche Not hat dich aus dem Haus getrieben bei diesem Sturm?“
Oma Jaucke-Wess sah mich an und sagte: „Als der Sturm noch nicht so stark war, begegnete ich dem Christkindchen. Das hatte es eilig, vor dem großen Sturm alle Kinder zu besuchen. Es bat mich, dich zu bescheren, Lenchen. Hier sind seine Geschenke und die von Väterchen Frost, weil du so brav in diesem Jahr warst. Aber zuerst möchte ich wie das Christkind, ein Gedicht oder ein Lied von dir hören.“
Ich ließ mich nicht lange bitten. Ich sang gern und stimmte „O, Tannenbaum, o, Tannenbaum“ an und sang zwei Verse meines Lieblingsliedes, die Augen fest auf das Päckchen aus Pergamentpapier in ihrer Hand gerichtet. Mutter half mir beim Öffnen der Kordel. Zum Vorschein kam eine kleine Papiertüte, ich ertastete Nüsse, einen Apfel, darunter lag ein sorgfältig zusammengefaltetes Stück Stoff, rotweiß kariert. Oma sagte: „Daraus näht dir deine Mutter etwas Schönes.“
Am meisten interessierte mich aber, wer das Christkindchen war, von dem ich noch nie etwas gehört hatte. Und dann erzählte mir meine selbsternannte Oma die Weihnachtsgeschichte. Ihre Eltern waren Christen, aber in dem Land, indem wir lebten, war der Glauben an das Christentum verboten. Zum ersten Mal im Leben hörte ich die Geschichte von der Geburt des Kindes in Bethlehem und erlebte die Weihnachtsfreude. Jahrelang träumte ich vom Christkindchen, es lächelte mich mit dem Gesicht meiner Puppe an und sang mit der Stimme von Oma Jaucke-Wess: „O, Tannenbaum.“ Ich drückte das rotweiß karierte Kissen fest an mich und wachte glücklich auf. 
Lange ist es her. Ich werde nicht mehr Lenchen, sondern Lena genannt. Meine Eltern und die liebe Oma Jaucke-Wess leben nicht mehr. Ich wohne in einem Land, wo Weihnachten wunderschön gefeiert wird. Jedes Jahr kommen Nikolaus, Knecht Ruprecht, das Christkind und der Weihnachtsmann und es gibt Bescherung. Ich bewahre die Erinnerung und das Glücksgefühl an meine erste Bescherung und auch das kleine Kissen im verwaschenen rotweiß karierten Bezug bis ans Ende meiner Tage auf.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.12.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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