Döne Irmak

Tage als Sternenmama

Es war der glücklichste Tag an dem ich das positive Schwangerschaftstest im Hand
hielt. Schon immer wollte ich Kinder und eine Familie gründen. Nun war es soweit
ich war schwanger. Als ich es deinem Papa erzählt habe haben wir uns ganz fest
umarmt und ich weinte vor Glück. Dein Papa war noch schockiert und wollte es
garnicht glauben. Er fuhr nochmal schnell zur Apotheke um 2 weitere
Schwangerschaftstest zu holen. Nach dem 3. Stand es entgültig fest, wir werden
Eltern. Am Montag ging es erst zum Coronatestzentrum, da ich kurz bevor ich von
dir erfuhr das Virus hatte. Test negativ. Rasch ging es zum Frauenarzt. Die
Ärztin meinte man würde wahrscheinlich noch nichts sehen. Aber was für ein
wunder man hat sogar dein Herzschlag gesehen.
Ich strotzte vor Stolz aber hatte auch wenig Respekt und Angst. Was wäre wenn
etwas schief läuft. Nächste Woche hatte ich gleich wieder einen Termin. Ich war
so aufgeregt zum zweiten mal sollte ich dich sehen. Es schien alles in Ordnung
zu sein. Könnte dein kleines Herz blinken sehen. Es war das schönste Gefühl das
ich jemals hatte. Und ein Bild hatte ich von dir. Unser erstes und letztes Bild
von dir…



Rasch fuhr ich mit voller Aufregung zu deinem Papa um ihm stolz dein Bild zu
zeigen. Ihr hattet euch zum ersten mal kennengelernt. Es war ein zauberhafter
Moment. Ich sah den stolz in den Augen deines Vaters. Er war so glücklich. 1
Monat später wachte ich auf und hatte ein berückendes Gefühl das ich nicht
verstand. Der nächste Termin stand fest ich sollte in 13 Ssw sein. Die
Risikophase wäre somit zu ende. Als ich im Wartebereich wartete schrieb ich
deinem Vater das ich ein komisches Gefühl hätte und Angst habe. Deinem Vater
ging es nicht anders. Er fühlte sich auch komisch. Als ich dann auf der Liege
lag meinte die Ärztin man sollte alles schon vom Bauch aus sehen können. Sie
schmierte das klebrige und kalte Zeug auf meinem Bauch und legte das
Ultraschallgerät auf meinem Bauch. Plötzlich sah ich dich auf dem Bildschirm. Du
bist ein klein wenig größer aber sahst anders aus. Ich wusste sofort das was
nicht stimmt. Die ärtzin sagte es tut mir leid frau Irmak, dass Fetus hat kein
Herzschlag ich kann keinen erkennen. Nochmals hielt sie mir das Gerät tiefer und
fester auf den Bauch. Immer noch nichts blinkte. Ich sah auch kein HERZSCHLAG,
das blinken war weg.
Ich brach in Tränen aus und konnte es nicht glauben. Plötzlich wurde alles
dunkel und ich fiel ganz tief in dieses schwarze Loch. Die Ärztin sagte das ich
die blöde Maske abnehmen kann. Aber trotz ohne Maske kriegte ich keine Luft. Es
war der schwierigste Moment in meinem Leben, dachte ich…



Wenig später verließ ich die Praxis. Rieft deinen Vater an aber er konnte nicht
telefonieren. Ich schrieb ihn, dass du keine Herztöne mehr hast, das dein Herz
nicht mehr schlägt. Unser Baby ist tot. Oh man vielen mir diese 4 worte schwer.
Tod, was ist das? Hast du überhaupt gelebt? Kann man da überhaupt diese Wort
benutzen? Tod! Ja kann man. Du hast in unseren träumen gelebt, in unserer
Hoffnung, in mir, in mir hast du gelebt! Mir ist es egal was die Medizin sagt,
oder die Wissenschaft, du warst mein Baby, mein erstes, mein Kind. Fetus, was
ist das überhaupt für eine Bezeichnung, als wärst du kein Mensch, weil du noch
nicht auf der Erde warst. Auf der fucking Erde!!!



Ich lief nach Hause, weinend. Wusste nicht was ich tue. Alles fiel mir auf den
Kopf, wollte nur noch alles zerstören, jeden anschreien und ganz laut weinen.
Zum ersten mal schrie ich so laut, dass meine Stimme fast weg ging. Ich schrie
und schrie. Haute meine Faust aufs Kissen und schrie weiter. Ich konnte es nicht
fassen, warum, wieso, warum ich, warum du, für was werde ich bestraft? Es tute
nur weh. Ich kann den Schmerz nicht beschreiben, ich denke dafür gibt es kein
Wort. Ich fühlte mich so alleine, ich war wütend auf die ganze Welt.
Es war ungerecht. Ich hatte mir nichts mehr gewünscht als Mutter zu sein. Ich
hasste meinen Körper, ich hasste alles. Irgendwann rief ich in der Praxis an um
zu fragen, was das genau ist, ist es eine Fehlgeburt, was ist das. Man nennt es
missed aportion, was so viel wie heißt eine vermisste Fehlgeburt. Mein Körper
hat nicht mal erkannt dass du nichtmehr lebst. Mein blöder Körper! Ich war
sauer, enttäuscht und hoffnungslos. Als meine Mama von der Arbeit kam hat ich
nur an meinem Bauch gefasst und gesagt. Mama meinem Baby schlägt das Herz
nichtmehr und dann hab ich sie ganz fest umarmt. Als wollte ich ihr sagen bitte
hilf mir, mach was das es aufhört. Du bist meine Mama nimm mir den Schmerz weg.
Ich kann nichtmehr… Zum ersten mal in ihrem Leben war meine Mama hilflos, sie
sah meinen Schmerz und konnte nichts tun, rein garnichts. Was kann man auch in
so einer Situation tun? Ich weiß es immer noch nicht. Ich sah keinen Sinn mehr.
Ich aß nur noch um das Schwindelgefühl loszuwerden, ich trank nur um nicht
umzufallen und schlief nur das nötigste. Nichts hat mir spaß gemacht. Ich
atmete, ja ich atmete mein herz schlug. Ich hörte meinen Herzschlag und dafür
hasste ich es. Warum mein Herz aber nicht das von meinem Kind? Warum meins?
Diese fragen quälten mich.
Es war eine Qual. Ich musste mich bis Freitag entscheiden, was ich möchte. Ob
ich abwarten möchte bis du von mir selbst rausfindest (das konnte Wochen oder
Monate dauern) oder ob ich eine Ausschabung möchte.
Ausschabung, was für ein merkwürdiger Begriff? Was soll das überhaupt bedeuten
dachte ich mir?
Ausschabung. Jedes mal wenn ich das hörte bekam ich Gänsehaut. Man schabt meine
Gebärmutter aus.
Damit du gehst, nichtmehr in mir drin bist. Ich las viel, sehr viel. Es gab
Risiken bei der Ausschabung, aber diese waren mir egal. Ich konnte mit den
Gedanken nicht leben abzuwarten um dich dann ins Klo abzuspülen.
Mein eigenes Kind, mein unschuldiges Baby ins Klo werfen. Nein das konnte ich
nicht. Also entschied ich mich fürs letzeres. Desen Begriff ich abscheulich
fand! Am Freitag sahs ich zwischen zwei Schwangeren im Wartebereich der
Gynäkologin. Was für ein Schicksal dachte ich mir. Aber die Frauen waren
glücklich und hatten einen kugelbauch. Was würde ich alles aufgeben um dieses
Gefühl und aussehen zu haben! Als ich das Besprechungszimmer betrat sagte ich
sofort. Ich möchte die Ausschabung ohne ein anderes Wort zu verlieren.
Was hätte ich reden sollen. Ich wusste nicht wie ich mich fühlen sollte und was
man sagen kann. Die Ärztin klärte mich nochmals auf und fand meine Entscheidung
gut. Sie rief bei einem Arzt an der eine Ausschabung in seiner Praxis anbietet.
Leider arbeitete dieser Arzt noch nicht also schrieb sie mir eine Überweisung
ins Krankenhaus, dass 20 km weit entfernt war. Mein Mann entschuldigte sich in
der Schule und fuhr zu mir. Ich setzte mich ins Auto. Wir redeten nicht. Es war
still, wir trauerten beide. Als wir in der Klinik ankamen sah sich eine weiter
Ärztin dich an. Dein Herz schlug immer noch nicht. Sie legte die
Ultraschallbilder genau vor meinen Augen und besprach mit mir die Ausschabung
und wann ich einen Termin haben konnte. Montag war es so weit. Am Wochenende
machte ich mir für die 10 minutige Operation bereit. 10 Minuten. In 10 Minuten
wollten sie mir dich wegnehmen. Nur 10 Minuten? Es war soweit wir fuhren am
Montag mit deinem Vater in die Klinik.
Er sollte draußen warten, wegen Corona. Ich wurde in einem Zimmer aufgenommen.
Dieses Zimmer werde ich nie vergessen, draußen neben der Türe links war ein
Schild, „Vater-Mutter-Kind Zimmer“ stand drauf. „Vater- Mutter-Kind“ diese 3
Wörter brachten mich wieder zum Weinen. Wie grausam, eine Mutter mit Fehlgeburt
hier reinzustecken dachte ich mir. Meinen zweiten Schock sollte ich aber im
Zimmer noch erleben, dass Bett war noch nicht gemacht, die glücklichen Eltern
verlaßen das Zimmer erst heute in der Früh mit ihrem Gesunden Nachwuchs im Arm.
Danke dachte ich mir, danke für nichts, ihr Vollidioten!!!

Ich durfte das berüchtigte Kittel anziehen, wo ich so dünn verpackt war, dass
mir kalt wurde. Ich fühlte mich wie ein Eiszapfen. Eine weiße Netzunterhose
durfte ich anziehen. Dann ging es irgendwann in den OP-Raum.
Da es aber eine Not-OP gab musste ich nochmal ins Zimmer. In das Familienzimmer,
die inzwischen frischbezogen und saubergemacht wurde. Ich habe da geschlafen bis
mich dann die nette Krankenpflegerin abholte zum OP. Diesmal war es soweit. Der
Anästhesist stellte sich mich vor und klärte nochmal die wichtigsten Schritte.
Als ich ihm zuhörte sah ich wie die Krankenpflegerinnen Beinstützen aufstellten.
Da sollten meine Beine hin damit sie dich mir wegnehmen können. Nochmals brach
mein Herz. Ich dachte nur wie kann man da so gefühlskalt sein, und mir das
zeigen. Der Arzt spritze mir die Narkose auf den Handrücken mir wurde kurz übel
und schwindelig. Schon war ich weg. Als ich wieder aufwach, hatte ich einen
großen schmerz, ich bekam sofort Schmerzmitteln. Ich dachte mich als würden
diese meine Schmerzen nehmen. Als ich wieder im Zimmer ankam, merkte ich wie
sehr ich blutete. Es war alles rot. Und mir war bewusst du warst weg…



Nach ein paar Stunden holte mich dein Vater ab. Er kaufte mir eine Brezeln weil
ich sagte, dass ich Hunger hatte. Wir redeten nicht viel. Dein Vater wollte
wissen wie es mir geht. Ich meinte nur gut. aber wie sollte es mir den gut
gehen, dass wusste er auch und sagte weiterhin nichts. Als ich zu Hause ankam
wollte ich nur noch schlafen und hoffte das das alles nur ein böser Traum war.
War es aber nicht. Ich wachte auf und merkte du warst weg. Du warst einfach weg.
Zuerst wusste ich nicht wo du warst. Bis mir klar wurde du kannst nur an einem
Ort sein. Und zwar im Himmel. Was anderes geht nicht. Du warst unschuldig, ich
dachte mir nur ich war schuld, weil ich dich nicht beschützen konnte. Aber so
war es nicht. Es war die Natur. Haha die Natur. Das sollte mir Trost geben?
Nein, gabs nicht!



Tage vergingen, Wochen vergingen. Aber der schmerz wurde nicht weniger. Als ich
dann eines Tages entschied wieder in die Arbeit zu gehen, musste ich noch zur
Kontrolle zum Arzt. Meine HCG werte waren zu hoch. Es ging ins Laborzimmer, mir
wurde Blut abgenommen. Es tat nicht weh, weil ich einen ganz anderen und großen
Schmerz in mir trug. Als ich im Zimmer von der Ärztin war fragte sie mich wie es
mir ging, ich sagte nur es muss weitergehen. Ich hätte sie am liebsten
angeschrien und ihr gesagt wie soll es mir denn nur gehen, haben sie mal
nachgedacht, wie sehr es wehtut???



Ich fuhr in die Arbeit mit der Hoffnung ich baue einen Unfall und muss keine
Kinder sehen. Ich wusste nicht wie ich es schaffen soll, den Kindern in die
Augen zu sehen. Irgendwie ging es, schließlich konnten sie ja nichts dafür, dass
ich mein Kind verlor. Eine Woche habe ich es aufgehalten zu arbeiten. Viele
glückliche Kinder um mich zu haben, eine Woche. Dann brach alles zusammen, ich
konnte nichtmehr. Ich wollte kündigen ich wollte verschwinden, ich wollte
abhauen. Aber wo hin? Mein Schmerz würde mich immer verfolgen. Aber zu der Zeit
wusste ich nicht was ich machte und was mir gut tat. Als sie meine Kündigung
nicht akzeptierten ließ ich mich wieder krankschreiben. Krankschreibung aus
Trauer, aus psychischen Problemen. Ich war ein frack. Ich entschied mich für
eine Therapie weil ich merkte ich komme da selbst nicht raus. Als ich in das
Zimmer der Therapeutin ging sah ich ein Bild mit der Aufschrift Mama. MAMA. Das
hättest du zu mir auch gesagt, bestimmt! Aber das sollte nicht sein. Ich
erzählte so gut es ging meinen Schmerz, alle zwei Wochen ging ich zur Therapie.
Es ging mir immer besser, aber dich habe ich nicht vergessen. Das wollte ich
auch nicht. Immer wenn ich weinte machte ich mir sofort Schuldgefühle weil ich
wusste du möchtest mich nicht so sehen. Wer möchte schon seine Mama weinen
sehen…



Mittlerweile komme ich ganz gut zurecht, obwohl ich jedesmal enttäuscht bin und
in eine kurze Trauer falle, wenn ich meine Periode bekomme. Ich denke mir
jedesmal da ist ein Stück von dir drin. Und ich verliere die Hoffnung. Ich hoffe
sehr, dass es dir gut geht mein Stern, mein ein und alles. Weißt du vor Wochen
ist meine Zweitmama gestorben. Zuerst war ich sehr traurig und habe viel
geweint. Inzwischen weiß ich, dass es einen Grund hatte, du mein Engel hast
meine Zweitmama gebraucht. Glaub mir deiner Uroma kannst zu alles vertrauen. Sie
wird dich versorgen, dich lieben und immer schätzen. Sie ist die beste Mama der
Welt. Mein Stern, mein Engel, meine Tochter irgendwann werden wir uns treffen.
Deine Mama freut sich schon sehr auf das Wiedersehen. Ich vermisse dich und
wünsche dir nur das Beste….



Deine Mama

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Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Döne Irmak).
Der Beitrag wurde von Döne Irmak auf e-Stories.de eingesendet.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.12.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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