Jürgen Skupniewski-Fernandez

Brief an einen Freund/Orientreise 4

Mein lieber Freund,

die Zeit hat ihre eigene Geschwindigkeit würdest du gesagt haben. Jeder findet sich da, wohin er gegangen ist, wenn er sich aufmacht, die letzten Lebensstufen zu bewältigen. Manchmal scheint es mir, als ob du mit dem Wind, vom offenen Meer durch meine bescheidene Behausung streifst, mich auf Spaziergängen durch die weißgetünchten engen Gassen begleitest.

Der Verlust des alten Mannes hat mich doch mehr getroffen, als ich zugeben möchte. Wenn ich am Rande vor der Medina, mit Blick über Grabstätten, aufs offene Meer schaue. Dann wandern meine Augen über das azurblaue Wasser in die Ferne und ich scheine mich in jenem Augenblick aufzulösen. Aber eine innerliche Schwere, hält mich wie ein Anker in Position.

So sind es die Gedanken, die mir das Fliegen gelehrt haben. Nach jedem Flug beschenken sie mich mit schönen Erinnerungen und Farben, nehmen wir die Trauer, liften meinen Anker und setzen mir ein Lächeln auf. Eine Freundschaftsrose habe ich dem Verstorbenen heute mitgebracht, übergebe sie dem Wellenspiel. Spielende Kinder springen von den Ruinen des alten Hafenbeckens, ein Überbleibsel der Fatimiden. Da liegen nun die Steine der Jahrhunderte, vom Meer umspült, von tobenden, braungebrannten Kindern zur fröhlichen Spielkulisse auserkoren.

Unsere Freundschaft lebt im Herzen und ich weiß, dass meine Briefe dich, wo immer du bist, erreichen werden. Denn es ist mir ein großes Bedürfnis, dir mitzuteilen, wie sich die Dinge entwickeln. Es ist mein Inneres, dass mich dazu antreibt meine Gedanken lesbar werden zu lassen.

Ist es vielleicht dieser Lebenstrieb, unser Seelenfeuer, dass uns bewegt und uns veranlasst nach diesem verheißungsvollen Schatten zu suchen. Das Exzitierende, gleichzeitig Nichtexistierende paradiesischen Glücksgefühls, dass immer wieder als überraschender Gast durch unsere Gefühlswelt streift. Es sind nur Hypothesen, Theorien wie sie der Physikforscher aufstellt und manchmal lebenslang nach Beweisen sucht.

Was haben wir nur alles angestellt und versucht mit Hilfe von Religionen, mit hunderttausenden Glaubensrichtungen, Übungen, Zeremonien etc., nach uns zu forschen, nach der Erkenntnis aller Erkenntnisse. Ich muss dabei etwas schmunzeln, wenn man sich anschaut, was dabei alles so ans Tageslicht kommt. Letztendlich eine verkorkste Gesellschaft, die dabei ist, sich selbst zu verschlingen. So sind wir alle unser eigener Kosmos, mit selbstgesteckten Zielen. Unser Universum das tägliche Leben, gewachsen aus den Familien und im Freundeskreis. Neue Bekanntschaften sind wie unbekannte Sterne, die es zu entdecken gilt. Neue Freundschaften gleichen befruchtete Planeten, die wir kultivieren und pflegen müssen, damit sie bestehen blieben und wachsen können.

Es ist bereits Herbst. Es scheint, als hätte sich eine schattige Decke auf die Erde gelegt, an deren Rändern sich die Sonnenuntergänge mit der Zeit verweben. Auch wenn sich so viel verändert hat, so bleibt doch das Gelebte in uns immer lebendig. Es muss sich lediglich den neuen Anforderungen stellen.

Ich verspreche, mich recht bald wieder bei dir zu melden, denn es ist mir ein Anliegen, dir von meinen Erfahrungen mit dem geheimnisvollen Alten weiterhin berichten.

 

In aller Freundschaft

 

 

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