Camyvi

Stürme

Es beginnt leise. Lauter werdend ziehen Böen auf. Zu Anfang ziehen sie mich in ihren Bann. Sie fühlen sich an wie eine warme Umarmung, das helle Licht am Ende eines dunklen Tunnels, in dem ich zu lange stand und wartete. Die Kälte weicht einem sanften Gefühl. Ein Gefühl, das du mir gibst.

Der Wind wird schneller und reißt mich mit. Ich hatte überlegt mich vor dem Sturm zu verstecken, mich zu schützen. Aber dann hätte ich die Wärme nicht erlebt. Wie viele andere vor mir, habe ich den Absprung verpasst. Der Wind war so erfrischend, spannend und mitreißend. Er weiß genau, wie er sich präsentieren muss, um die Menschen mitzunehmen. Er wechselt sein Gesicht so oft wie die Richtung, in die er weht. Und wenn alle gebannt zusehen und die ganze Aufmerksamkeit ihm gilt, ist es zu spät.

Er nutzt diesen Moment. Er hat auf ihn gewartet, auf ihn hingearbeitet. Dem Wind ging es nie um mich, er genoss nur das Spiel. Spielende Zerstörung. Klingt kinderleicht. Ist es auch, wenn man lange übt. Tosend breitet der Wind sich aus. Er wird zum Sturm, der das Luftnetz nutzt, welches er sorgfältig aufgebaut hat.

Atome rasen. Städte zerfallen. Stein auf Stein, sorgfältig aufeinander gebaut, genauestens kalkuliert, wo welcher stehen soll. Alles bricht auseinander, denn der Sturm kennt keine Gnade. Ich habe schon früh geahnt, dass er kein Gewissen hat, aber sein Plan ging auf. Er hat mich mit seinem Licht geblendet und konnte alles vernichten, was ich ihm anvertraut hatte.

Zerbrochen. Der Sturm ist weg. Er hat sich verzogen. Auch das war sein Plan, denn es liegt in seiner Natur, die Ruhe zu zerstören und nichts heile zu lassen. Wird er helfen die Stadt wieder aufzubauen? Natürlich nicht. Die Annahme wäre naiv, aber genauso naiv war es, dem schönen Schein des Sturms Glauben zu schenken. 

Vertrauen ist das Schönste am Menschsein. Eine genuin wunderbare Eigenschaft. Der Sturm hat sie nicht. Er muss misstrauisch sein, denn er hat keinen sicheren Hafen, zu dem er zurückkommen kann. Er hinterlässt nur verbrannte Erde. Nach seinem Abgang kehrt Ruhe ein. Kraft ist zurück und weil er alles vernichtet hat, ist Platz für Neues, Schönes. Raum für neue Gesichter und Geschichten. Bäume schlagen festere Wurzeln, nachdem der Sturm vorüberzog.

Auch der Sturm wird neue Menschen treffen. Aber er erreicht nichts, außer Unruhe. Wieder und wieder erzählt er die gleiche Geschichte. Und während seine Opfer neuen Frieden, neue Stärke und neue Liebe finden, wird ihm das nicht gelingen. Er ist rastlos und in ihm ruht kein Glück. Seine einzige Hoffnung ist, sich zu wandeln, tief in sich zu gehen und sich der Wärme hinzugeben, die trotz all der Unordnung noch in ihm steckt. Wenn er das schafft, spürt er die Kraft der ersten Umarmung und kann neu anfangen. Als sanfte Brise. Jemandem Frieden schenken. Einen sicheren Platz - ohne Misstrauen.

Das wünsche ich dem Sturm, denn mein Herz ist rein und trotz all seiner Wut auf die Welt, konnte er es mir nicht nehmen. Es ist das Einzige, was bleibt. In einer grausamen Welt, in der du alles sein kannst, sei du selbst.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.12.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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