Gaby Schumacher

Die verlo9rene Bommelmütze

Die verlorene Bommelmütze

Ächzend kämpfte sich der Weihnachtsmann durch den Schnee. Die Landschaft mit ihrer weißen, im Sternenlicht glitzernden Decke sah zwar toll aus, aber leider pfiff ein ausgesprochen unangenehmer Wind. Mit der einen Hand hielt der Heilige, nach der langen Reise bereits ziemlich entkräftet, eisern seinen Geschenksack, mit der anderen die rote Mütze mit dem für ihn typischen weißen Bommel fest. Um seinen Bauschebart musste er sich keine Sorgen machen. Der war reißfest angewachsen.

´Wenigstens das!`, murmelte er.
Der Schnee knirschte unter den Gott sei Dank wasserdichten Stiefeln, so dass er denn weder mit nassen Füßen, keinem nachfolgenden Schnupfen noch gar etwas Ärgerem rechnen musste. Tapfer stapfte er weiter auf die kleine Stadt zu. Dort warteten sehnlich Kinder auf seine Gaben und pressten sich garantiert bereits die Nasen an den Fensterscheiben platt.
´Das Kleine, das mich dann zuerst sieht, quietscht bestimmt los in Lautstärke 300! Tja, bin bei denen eben fast so beliebt wie das Christkind!`
Gut nur, dass er noch ´fast` gedacht hatte. Sonst wäre jenes eventuell sauer geworden.

Eine Weile später war vom klaren Sternenhimmel nichts mehr zu sehen. Es hatte sich eingetrübt, schwarze Wolken zogen am Himmel und der Wind blies in heftigen Böen.
´O je!!`, dachte der Weihnachtsmann.
Leider behielt er Recht. Urplötzlich wurde ihm die tolle Bommelmütze vom Kopf gerissen und fortgewirbelt. Bestürzt versuchte der Weihnachtsmann, mit den Händen den Kopf vor der ungewohnten Kälte zu schützen. Er war ja nicht mehr der Jüngste, sein letztes Haupthaarhärchen hatte sich bereits vor geraumer Zeit verabschiedet und ihn zierte stattdessen eine Glatze.

Aber es kam noch viel schlimmer. Der Wind wuchs zu einem orkanartigen Sturm an. Zudem begann es noch zu schneien. Ständig dichter wirbelten die Flocken zur Erde und bildeten allmählich eine dichte Schneewand. Von allen Seiten peitschte der Sturm den Schnee dem Weihnachtsmann ins Gesicht. Verzweifelt versuchte der, sich noch den Durchblick zu bewahren und wischte sich über die Augen. Dabei verlor er erst den Sack, dann die Orientierung und stolperte halbblind umher. Sich noch gegen den Sturm zu stemmen, war nicht mehr drin. Jener packte ihn, wirbelte ihn hoch und schleuderte ihn arg hin und her. Hilflos ausgeliefert drehte sich der Weihnachtsmann, durch die Luft sausend, im Kreis, Vor Schock entfuhr ihm nicht mal mehr ein einziges ´Hilfe!!`Aber in dem Tosen hätte es soundso keiner gehört.
Doch irgendwann flaute der Orkan ab und der heilige Mann sauste in irrem Tempo gen Boden. Dummerweise besaß er nicht die Errungenschaft der modernen Technik, ein Navi, mit dem er wenigstens seine Flugroute hätte beeinflussen können. Entsetzt erkannte er unter sich einen See. Zu spät! Im nächsten Moment platschte es gewaltig, Gischt spritzte nach allen Seiten, der heilige Mann tauchte unter und dann wenige Sekunden später Wasser ausspuckend und wild mit dem Armen und Beinen strampelnd aus der Eiseskälte wieder auf.

Zusätzliche Kälteschocks machen bekanntlich wach und erhöhen dann das Denkvermögen:
´Gut nur, dass ich Seepferchen gemacht hab!!`
Prompt war er wieder besseren Mutes und erreichte denn auch mit wenigen Schwimmzügen das rettende Ufer. Dort lehnte er sich, mit seinen Kräften am Ende, keuchend nach Luft schnappend, doppelt so stark wie bislang mit den Zähnen klappernd und sich auf den wackelnden Beinen kaum mehr aufrecht haltend gegen einen Baum.
„Wenigstens kein Schneesturm mehr, puuh! - Und jetzt!??“
Es war grausam, aber erinnerte sich wieder seiner Glatze:
´Oh nein! Ohne schlohweiße Lockenpracht? Das geht gar nicht. Menschen wollen einen agilen, munteren, kraftstrotzenden Weihnachtsmann und keinen elenden vor Nässe triefenden Jammerlappen ohne Bommelmütze und - gar noch ohne Gaben!! - Hab ich jetzt nicht ganz schnell ´ne Idee, fällt Weihnachten buchstäblich ins Wasser !!!`

Obwohl furchtbar frierend, riss er sich zusammen und wandte sich flehend an seinen obersten Chef. Der schickte sofort nach dem Wäscherei-Oberengel:
„Ist dessen Bommelmütze fertig?!“
„Ja, Chef! Sogar gleich dreimal gewaschen!!“
„Gut so: Schnapp` Dir den Schlitten und bringe sie und genau das,was ich Dir jetzt nenne, zu ihm hinunter. Fix, sonst erfriert der uns noch dort unten!!“
Der Engel tat, wie ihm geheißen, zog, damit er selber nicht auch noch jenes Schicksal erlitt, seinen hübschen strahlend weißen Wollmantel über sowie die passende Mütze dazu und machte sich auf den Weg. Sanft schwebte der Schlitten zur Erde und landete auf einem kleinen Pfad nicht weit von dort, wo der Weihnachtsmann immer noch vor sich hin bibberte.

Tief frustriert stand der kurz davor, den Gedanken an ´Geschenke` und ´strahlende Kinderaugen` aufzugeben - und sich selber genauso, als er denn aufhorchte. Es bimmelte und knirschte leise. Im nächsten Augenblick schon sah Nikolaus dem kleinen Engel auf seinem Schlitten heran gleiten. Und hinter dem Himmelskind …
„Der Sack! Meine geliebte Bommelmütze!!“
Der Engel griff hinter sich und reichte ihm ein riesiges flauschig-weiches, himmelblaues Badetuch!
„So, rubbel Dich rasch trocken! - Und hier: ´Ne wollene Leggins und ein neuer Mantel für Dich! Der alte ist ja endgültig hinüber!“
Der neue Mantel war im modernen Maxilook gearbeitet und herrlich warm gefüttert. Schicke Stiefel gabs auch noch dazu. Als der Weihnachtsmann die Mütze aufsetzen wollte und dabei über seine Glatze strich, fühlte die sich eigenartig stoppelig an.
„Haare!!!“
Froh spürte er, wie die paar Haare zu einer tollen Lockenpracht wuchsen. Endlich schaute er wieder aus, wie es sich für einen echten Weihnachtsmann geziemte.

„Das ist noch nicht alles ...“, verriet ihm der Engel.
„N..Noch nicht a..alles??“
„Nein, dieser kleine Beutel ist auch noch für Dich!“
„F..Für m..mich??“
Der Beutel sah genauso aus wie der große Geschenksack, nur zusätzlich mit einer hübschen blauen Schleife versehen. Neugierig öffnete der Weihnachtsmann das Säckchen. Kein Wort kam über seine Lippen.
„Es ist nämlich so ..“, erklärte der Himmelsbote. „Also, dem Chef tut so leid, was Dir widerfahren ist. Vor lauter Vorweihnachtshektik im Himmel hat er doch glatt versäumt, dem Sturm zu verbieten zu stürmen, solange Du unterwegs bist!“

Gerührt schaute der Heilige auf die riesige Tafel Schokolade in seinen Händen und dann auf sein super niedliches winziges Konterfei am einem roten Band. Während die Beiden dann eilig sämtliche Geschenke verteilten, stärkten sie sich an der köstlichen Tafel Schokolade. Doch die kleine Schokofigur rührten sie nicht an. Jenen Mini-Weihnachtsmann hing sich der große Weihnachtsmann als Schmuck um den Hals und schickte dabei im Stillen ein inniges ´Danke!!` zum Himmel.

Weihnachten war gerettet und überall schauten strahlende Kinderaugen auf wunderschön verpackte Geschenke.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.12.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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