Klaus Mattes

Im Stadtarchiv / 6844

Praktikum im Stadtarchiv. Praktisch, weil von mir aus gar nicht weit zu gehen. Frau Gromka vom Arbeitsamt: „Warum gehen Sie denn ins Stadtarchiv? Dort haben sie doch keinerlei Übernahmechanche!“

 

War vor meiner Bewerbung beim Stadtarchiv ins auch gleich um die Ecke gelegene Jugendzentrum geschlappt, um mich dort vorzustellen. Nachmittags um fünf, lauter 12- und 13-jährige türkische Jungs verrenken sich unglaublich geschickt als Breakdancer. Kein Erwachsener weit und breit zu sehen. Die Jungs beachten mich nicht weiter. Pausenlos unerträglichster HipHop. Dachte, die haben ihre Welt, in welche du nicht hinein gehörst. Also ging ich zum Stadtarchiv, um das als Doppelpack-Bestandteil zum Arbeitsamtkurs von mir verlangte einmonatige Praktikum abzuliefern, ohne dass es mir weiter wehtut, etwa laut und voller Menschen wird.

 

Gar so vertrocknet sind sie gar nicht. Erlebe hier Menschen in etwa so wie Lehrer, die ich als Schüler recht gern gemocht habe. Glaube auch, irgendwo den Reiz einer Archivstelle nachvollziehen zu können. Das begegnete mir einst ähnlich als Praktikant beim Reuenthaler Blatt. Die Leute von der Zeitung bekommen das Gefühl, sie seien die Einzigen, die alles hören, was vorgeht in so einer mittleren Stadt. Nun, nicht wirklich alles, aber alles, was echt eine Rolle spielt. Vieles davon können sie zwar nie ins Blatt bringen, aber sie bekommen es doch mit, wir anderen Stadtbewohner nicht. Bei den Archivaren dasselbe in die Vergangenheit gedreht. Das sind die Einzigen, die heute noch wissen, was in dieser Stadt alles mal abgegangen ist.

 

Lukas Retz, als er hörte, wo ich wohne: „Ach, früher war da was Bedeutendes. Nach dem Krieg kam dann noch das da hin. Dann wollten sie das Ding daraus machen und konnten sich Jahre nicht einig werden. Am Ende hat man das Haus gebaut, wo Sie wohnen.“ Ich kannte ihn vom Sehen, als Partygast von einer Einladung bei einem Schwulen. Sie waren beide im ADFC, dem Allgemeinen Deutschen Fahrrad Club, gewesen.

 

Zugleich aber sind es auch unsere Archivare, die nicht unwesentlich daran beteiligt sind auszusuchen, was man später über unsere Zeit überhaupt noch erforschen wird können. Täglich entscheiden sie, ob was aufgehoben wird oder weg kann. Man kann nicht alles aufheben. Auch sie allerdings leider als die Marionetten des Geistes ihrer eigenen Zeit. Heute heißen Straßen hier nach den Anführern spätmittelalterlicher Bauernaufstände. Außer ihren Namen und wann sie ermordet wurden, weiß man so gut wie nichts mehr von denen. Vor zwanzig Jahren war man staatsgefährdend, wenn man vor einem Atomkrieg warnte, heute wird man nach und nach zum Helden der Zivilcourage umdekoriert. Was man an Sexuellem alles so machen kann, wird privat sehr hoch geschätzt, öffentlich wird das Allermeiste jedoch weiterhin schamhaft still übergangen. Ich will hier nicht exklusiv auf Schwules hinaus. Das ist umfassender. Aids war so ein Knackpunkt, wo die veröffentlichte Gesellschaft endlich thematisieren musste, dass gewisse Dinge täglich vor sich gehen.

 

Tja, wenn’s in Reuenthal nur einen Ernst Klett Verlag gäbe! Dorthin Praktikant, das hätte mir gepasst. Hatte an den Buchladen Erlkoenig zwischendurch schon auch gedacht. Aber das Fahren nach Stuttgart war mir zu weit beziehungsweise langwierig.

 

Ich redigiere vornehmlich die in auf Word überspielten Einträge des lokalgeschichtlichen Standardwerks von, leider, 1971 - und mit der deutschen Sprache von 1951. Betreffs später möglicher Verwendung auf der Internetsite des Stadtarchivs. Sie existiert bereits und ist im Wesentlichen auch schon voll. Es wird sich am Ende nur noch um ein paar Kästchen handeln, die aufrollen, sobald man gewisse Key-Words klickt.

 

Vom Wesen her ähnelt es meinem Einsatz in der Werbeagentur, hat aber den gewaltigem Vorteil, dass ich nur eine Sache zugleich bewerkstelligen muss. Und mir sogar niemand sagt, wann das je fertig werden muss. Falls das nicht nur bei Praktikanten, sondern im Stadtarchiv generell so ist, erfahre ich momentan vielleicht meine berufliche Endbestimmung, die ich nur zwanzig Jahre früher hätte ahnen sollen. Damals wollte ich in die Literatur und betrieb Geschichte nur nebenbei.

 

Bei der Arbeit ist mein anfänglicher Elan schnell dahin. Ich kann das immer noch nicht fassen, wie man Tag um Tag acht Stunden an seinem Platz hockt und mehr oder weniger immer nur dasselbe bosselt. Was man tut, das kann man sich nicht selbst aussuchen und am Herzen liegt es einem auch nicht so wirklich. Allerdings muss ich nichts Schweres schaffen. Ich werde kaum kontrolliert und nicht unter Zeitdruck gesetzt. Ich lebe komfortabel. Von Tag zu Tag kommen die Feierabende mir kürzer vor. Dieses Gefühl, Arbeit bedeute, sein Leben anderen abzugeben, scheint unauflöslich mit meiner Person verbunden. Rund 80 Prozent der Menschheit krampfen 30 bis 40 Jahre in einem Job, den sie nach den ersten zwei Wochen satt hatten. Ich würde meinen am liebsten hinwerfen, obwohl dieses Mal keiner mich stresst. Alle sind nett zu mir. Ich mache den lieben langen Tag, was mir einigermaßen liegt: Briefe sortieren und Texte redigieren. Und meine Lust hat zwei Wochen nicht überlebt.

 

Nach diesen zwei Wochen hat Lukas Retz die Texte, die ich im Auftrag des ihm übergeordneten Kollegen Alfred Baier produziert habe (der ist inzwischen in den USA), durchgesehen. Wo Herr Retz in etwa die Art Mensch ist, die man sich als Historiker und Archivar so vorstellt (extrem kenntnisreich in seinem Fach, äußerst gründlich, stockhumor- und fantasielos, verlässlich, dröge, mager, faltig, bebrillt, mittleren Alters, Mittelfranke), verläuft die Besprechung wie befürchtet. Dass ich den Wortverhau dieses Buches „Reuenthal, Geschichte und Gegenwart einer kleinen Großstadt“ in mühseliger Arbeit gelichtet habe, nimmt Retz nicht zur Kenntnis oder geht nicht darauf ein. „Gut, sprachlich ist das so weit in Ordnung.“ Dennoch wird Herr Retz von den 25 gelesenen Artikeln am Ende nur einen einzigen abnehmen. Vieles von allem, was da noch steht, hält Herr Retz für entbehrlich, anderes, was er auswendig in seinem Kopf trägt, hätte nicht gestrichen werden dürfen.

 

Zeigt sich, dass, wenn es nach Lukas Retz ginge (obwohl der abwesende Herr Baier den Auftrag erteilt hat), ich die Stadtlexikoneinträge nicht nur aus dem Dickleiber hätte kondensieren können (wie von Herrn Baier mir aufgetragen), sondern nahezu jedes Mal merken hätte müssen, dass der Inhalt des Standardwerks in der Zwischenzeit unvollständig und veraltet geworden ist. Folglich hätte ich die Regale des Stadtarchivs nach weiterer Literatur durchsuchen müssen, in der mehr Info zu finden gewesen wäre. Das heißt, ich muss nicht nur ein einzelnes Buch in lesbare Form kondensieren, sondern aus mehreren ein neues destillieren. Das halte ich für etwas viel verlangt im Rahmen so eines Vier-Wochen-Praktikums für Ungebildete. Zumal ein Mann wie Herr Retz nachher nicht etwa einverstanden gewesen wäre. Der würde diese Texte natürlich etwas anders anlegen. Zeit scheint bei ihm keinerlei Rolle zu spielen. Er gibt mir seine Rezension mit und ich kann sozusagen bei Null noch einmal beginnen, habe noch zwei volle Wochen zu meiner Verfügung.

 

Das sind Spezialisten, die den ihnen gemäßen Lebenszweck gefunden haben. Jetzt erwarten sie von einem, dass man auf derselben Spur funktioniert. Wenn im Reuenthal-Buch kommt, die Synagoge wurde am frühen Morgen des 10. Novembers 1938 abgebrannt, dann erwarten sie, ich würde, genau wie sie doch auch, zur Bibliothek laufen und eruieren, in welchem von den neunziger Jahren an eben der Stelle endlich das Denkmal errichtet wurde. Welche Stiftung hat sich daran beteiligt? Wer hat es gestaltet? Also hallo, ich habe doch immerhin Geschichte studiert! Ich arbeite hier mit Lokalhistorikern! Da stellen sich solche Fragen einfach!

 

Tatsächlich geht mir's aber am Arsch vorbei. Wenn sie die Briefe des Kunstvereins aus den fünfziger Jahren archivalisch griffbereit zubereiten, wenn sie dasselbe sogar mit den Flugblättern der Friedensbewegung aus den achtziger Jahren veranstalten, wieso haben sie nicht ein einziges Wort der Schwulengruppe aus diesen achtziger Jahren am Lager? Warum werden die Pfannenmärsche des Gemeinderats seit hundert Jahren lückenlos überliefert, aber nicht die seit Jahrzehnten im Pomeranzengarten allnächtlich begangenen Männerbünde?

 

Dann war es auch schon vorbei und interessant war in Besprechung mit Frau Gromka vom Arbeitsamt der Bericht aus dem Stadtarchiv, also halt von Herrn Retz. Gefragt, ob man mich einstellen würde, wenn man könnte: „Fachlich eher nicht. Persönlich nur, wenn Herr Mattes sein Kommunikationsverhalten verändert.“ Herr Mattes soll verschlossen und in sich gekehrt sein und mit den Menschen ganz selten kommuniziert haben.

 

Das geht auf meine sehr späte Frage zurück, was ich in Sachen stadthistorischem Internetlexikon denn hätte anders machen sollen. Das ganze Ausmaß der Bredouille wurde mir tatsächlich erst am allerletzten Tag offenbar. Da geben sie mir zum Redigieren ein salbaderndes Werk von 1971 (von dem Vorvater Scholz). Weil sie es nun mal als Textdatei in ihrer Griffweite haben. Diese Textdatei haben sie allerdings nur, weil der deutschen Sprache nicht mächtige Hilfskräfte in China das Buch händisch erfasst hatten! Leider bemerke ich erst kurz vor Schluss meines Aufenthalts, dass wir es bei Herrn Scholz nicht etwa nur mit einem fleißigen Nutzer der Schätze des Stadtarchivs zu tun haben, sondern Scholz selbst hat bis vor acht Jahren dieses Archiv noch selbst geleitet und ist der Chef der Herren Baier und Retz gewesen. Endlich merkte ich auch, dass es vom selben Scholz eine wesentlich konzisere, übersichtlichere Fassung gibt. Mit wundervoll passenden Bildern! Das hatten sie nicht nach China geschickt, darum hatten sie es nicht als DOC. Und noch knapper vor Ultimo ging mir auf, dass es sich bei der Digest-Version um die versammelten Schrifttafeln der Dauerausstellung im Erdgeschoss des Stadtarchivs handelt, die ich vor Jahren, in meiner Freizeit, gehörig bewundert hatte. Im Handumdrehen hätte man für die Textaufplopps im Netz da was schmirgeln können! Hat nur leider keiner von ihnen kurz dran gedacht.

 

Und ich, hier muss ich Lukas Retz beipflichten, hatte mir einen abgebrochen, die mir überantwortete Verhackstückung eines Klassikers zu schaffen, statt je noch zu Retz zu laufen und zu gestehen, dass es mir zu aufwändig wäre und ob er nicht helfen könne. Blind war ich in die mir gewiesene falsche Richtung immer weiter gelaufen!

 

Am Ende war ich dann der, der unkommunikativ war. Mich bat ja auch keiner um einen Bericht über sie. Gleich am Anfang hatte man mich als Eindringling, den nie einer einstellen wird, weit hinten hinaus in eine anderes Stockwerk ausgelagert. Ich hatte das gemocht, weil mir nie einer auf die Finger sah. Aber ehrlich gesagt, hatte ich diese vier mir auferlegten Praktikumswochen von Anfang an auf die Schlanke rumbringen wollen und mich für den Staatsdienst und die fußläufig leicht zu erreichende Stelle entschieden. Und jetzt schied ich von Lukas Retz mit dem Gefühl, er sei genau der muffelige Tropf, als der er mir damals auf der Party schon vorgekommen war.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.12.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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