Klaus Mattes

Jungnazi im Kurs (Story von vor 20 Jahren) / 6843

Im Profakt-Kurs ist ein 20-jähriger Marko Kluczinski aus Brettlach, der demnächst heiraten wird, weil seine, sich in Arbeit befindende Freundin von ihm schwanger geworden ist (nämlich ungeplant). Unser Kurs hat dieses rollierende System, wo an jedem Montag neue Leute ankommen, während andere, die ihre Kurswochen abgesessen haben, ins Praktikum verschwinden. Dadurch war der junge Herr Kluczinski noch nicht da, als ich hereinkam; er kam erst eine Woche nach mir. Kaum aber trat er herein, da erschien er wie der typische junge Neonazi, wie man ihn sich vorstellt. Die Familie ist ostdeutsch, er kommt aus der Ecke von Hoyerswerda. Er ist blond, groß, bullig, hat ganz kurze Haare, blaue Augen und trägt eine Bomberjacke. Im Kurs spielt er den Desinteressierten, dem es alles nur dermaßen auf den Wecker fällt, eine Arbeitsamt-Schikane. Allerdings hat er sein Temperament nicht im Griff. Es rumort ihn ihm und er neigt zu lauten Bekundungen von Aggressivität. Neben mir saß gerade diese dicke, ebenfalls aus kleinen Verhältnissen kommende Kindergärtnerin und sie flüsterte: „Solche Lonsdale-Jacken tragen immer die Nazis.“

Sofort und praktisch wortlos schien der gesamte Kurs überein gekommen zu sein, dass die vermutete Nazi-Nähe von Kluczinski von niemandem angesprochen werden würde. Auch ich hielt mich daran, ebenso Kluczinskis Tischnachbar, mit dem er sich nach und nach anfreundet, ein Anfangsvierziger-Geschäftsmann, der sich einen gewissen Casanova-Anstrich gibt, obwohl er verschuldet ist und nach nichts aussieht.

Aber schon zwei Tage später halte ich es nicht länger aus und haue diesen Kluczinski in der Pause an: „Die Melanie sagt, solche Jacken haben immer die Nazis.“ Marko grinst: „Lonsdale ist auch nur eine Marke. Kaufen kann sich das jeder. Das ist keine Nazi-Uniform.“ Mir fällt auf, dass er immer so ein wenig schwankt, sich zu verschließen gegen alle oder mehr zu sagen, was ihm dann aber schaden könnte. Der Eindruck, dass er ein Ultra-Rechter ist, hat bis jetzt nicht den kleinsten Kratzer abgekriegt.

Eine Woche später fällt in einer privaten Unterhaltung auf einmal ein Hinweis ab, sein Richter habe irgendwas gemeint. Ich: „Richter, wieso hast du denn einen Richter?“ Marko: „Na, da haben die bei uns mal Sachen gefunden, von denen sie dachten, die wäre etwas, was sie dann aber gar nicht waren.“ Ich glotze ihn nur an. Marko: „Da verstehst du nur Bahnhof.“ Ich: „Och. Denken kann ich mir da was. Aber eigentlich will ich das nicht so gern denken.“ Sein großer Freund greift ein: „Ach, lassen wir das!“

In der nächsten Woche klopfte in der Pause bei mir jemand auf den Busch, ob ich Frau und Kind hätte. Als ich sage: „Aus Frauen mache ich mir nichts“, kullern Marko Kluczinski die blauen Augen fast aus dem Gesicht. Am liebsten trägt er schwarze T-Sweatshirts und dieses Mal steht „Macht und Ehre“ darauf.

Nach der Mittagspause willigt eine milde Lehrerin ein, mit uns in die Gartenwirtschaft zu gehen. Es will sowieso keiner mehr aufpassen. Sie meint, es wäre im Sinne ihres Lehrplans, denn dieser sehe vor, Leute zum Kommunizieren zu bewegen, die sich sonst aus dem Weg gehen würden. Mittlerweile hat die dicke Krankenschwester, die auch Anfang zwanzig ist, den Geschäftsmann als Markos Kurs-Bezugsperson Nummer 1 abgelöst und somit sitzen, als diese Dozentin von ihren Gesprächsermunterungen spricht, genau wir Drei zusammen: Kluczinski, der Rechte, Melanie, die Krankenschwester, und ich, der zwanzig Jahre ältere Schwule. Wo ich stets zum Dumm-Daherquatschen und Provozieren neige, hänge ich an die Begründung der Lehrerin für den ungenehmigten Biergartenausflug das dran: „Stimmt genau, mit Leuten, die „Macht und Ehre“-Sweatshirts tragen („Pit Bull“ steht jetzt drauf), spreche ich sonst überhaupt nie.“

Marko erklärt, was „Macht und Ehre“ besagt. Dabei handelt es sich um eine Musikgruppe. Ich: „Was machen die denn für Musik?“ [1997 hieß ihr Album „Herrenrasse“, 2005 „Mit uns ist der Sieg“. Aber das erfahre ich heute erst, wo ich, als ich das hier überarbeite, endlich mal danach google.] Die Kindergärtnerin schmunzelt schon wieder wissend.

Wieso ich den Knaben einigermaßen süß finde, trotz einer sich bereits abzeichnenden Neigung, später noch ganz schön fett und ein Fleischklops zu werden, liegt auf der Hand. Er ist auch nach drei, vier Wochen noch der einzige Knabe im Kurs! Sonst mehrheitlich Frauen und einige Männer, alle deutlich über 30. Auch dass sich Marko und Melanie näher gekommen sind, scheint logisch: Sie sind gleich alt, gleich bildungsfern und in ihrem tiefsten Herzen drinnen gute Mädchen und Jungs, wie ich jedenfalls glaube.

Marko war Straßenbauarbeiter und will das jetzt nicht mehr. Sein Hobby ist Autotuning samt Car-Hifi. Er hat sich auch umfassende Hard- und Softwarekenntnisse angeeignet. Daraus will er beruflich was machen; er hat ja jetzt eine Familie. Er denkt an eine Ich-AG im EDV-Bereich. Bei der Suche nach einer Praktikumsstelle hat er auf seine alte Connection zu einer Brettlacher Jugendhilfe-Einrichtung zurückgegriffen, die ihn als Jugendlichen schon mal betreut hat. Später hat er bei denen auch gearbeitet, ein halbes oder volles Jahr als ABM-Kraft. Er sollte die Jugendlichen in EDV fit machen und bildete faktisch die Brücke zwischen den zwei Sozialarbeitern (Sozis nennt er die) und den Jugendlichen „von so einer speziellen Sorte“, die in Brettlach stark sei. Dieses Mal will ich es hören und frage, welche Sorte das denn dann wäre. Marko schweigt und die Krankenschwester lächelt wissend.

Dann frage ich ihn noch ein bisschen zu dieser Gruppe „Macht und Ehre“ aus. Auf die Art kriegen wir mit, dass er kein Anhänger der „Böhsen Onkelz“ ist, was die Kindergärtnerin geglaubt hatte. Die Onkelz sind ihm zu kommerziell, zu stark dem Geld hinterher. Seine Lieblinge singen aus Idealismus. „Macht und Ehre“ wären wütend über das im Land grassierende Unrecht und würden viele Dinge klar benennen, die sonst überall verschwiegen werden. Ich, mich nahe am Ziel wähnend, dass er sich jetzt doch noch als Nazi outet: „Welche so zum Beispiel?“ Marko: „Die singen über die Kinder.“ Ich bin platt, da hat er mich überfahren. „Hä?“ Marko: „Über die missbrauchten Kinder haben sie Songs. Was denen angetan wird. Es stimmt halt nicht, dass sie immer gegen die Ausländer singen, wie oft behauptet wird. Die Dinge sind nicht so, wie sie dargestellt werden.“ Melanie und ich schweigen erst mal wieder.

Und doch mag ich ihn weiterhin. Er ist irgendwie lieb und reizend auf seine verstockte Art. Meist tut er einen auf „juckt mich doch alles nich“, manchmal vergreift er sich im Ton, aber in diesen Wochen hat er nicht ein einziges Mal was gesagt, was wirklich gemein war. Nicht mal was Dummes, eigentlich. Er hat ja Recht bei den Dingen, über die er sich ärgert. Fällt's auch schwer, kann er sogar nett lächeln und lachen. Auf einmal ist er schön und die Welt ist seltsam.

 

[Zehn Jahre später wurde der gemeinte Mann von Autonomen im Internet mit Foto und Wohnadresse als Nazi geoutet. Er führte eine Nazi-Kameradschaft im Raum Heidelberg an, die sich vor allem an Aufmärschen weiter weg in Deutschland beteiligte. Er war wegen Beleidigung und Führen von verbotenen Symbolen vorbestraft und hatte zusammen mit einem Kumpel nachts auf einer Straße seiner Heimatgemeinde zwei junge Besucher einer linken Veranstaltung angefallen und verletzt. Daraufhin machten die Linken ihn mit nächtens an Bäume gebundenen Plakaten in seiner Nachbarschaft als Nazi kenntlich. Zu dieser Zeit führte er seinen eigenen Internethandel mit Computergrafik. Dort konnte man Autoaufkleber mit dem Text „Todesstrafe für Kinderschänder!“ bestellen. Aus den darauf folgenden weiteren zehn Jahren lassen sich im Internet unter dem Echtnamen keine weiteren Hits mehr finden.]

  1.  

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Klaus Mattes).
Der Beitrag wurde von Klaus Mattes auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.12.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

  Klaus Mattes als Lieblingsautor markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Das wilde Kind von Hameln von Bettina Szrama



Der aufsehenerregende Fall des Wilden Peter von Hameln 1724: Das Auftauchen eines verwilderten Knaben nahe Hameln sorgt für Spekulationen und Mutmaßungen am kurfürstlichen Hof von Hannover. Der Kommissar Aristide Burchardy ermittelt in der mysteriösen Angelegenheit. Doch der wilde Peter, wie er fortan von den Hamelnern genannt wird, will nicht sprechen und führt sich wie ein Wolf auf. All dies interessiert Aristide allerdings weniger als das kurfürstliche Wappen auf dem Hemdfetzen, den der nackte Wilde um den Hals trug. Peter wird im Armenhaus untergebracht und trifft dort auf Grete, die Tochter des Aufsehers. Unbemerkt bringt sie sich in den Besitz des einzigen Nachweises über Peters Herkunft. Der armen Kreatur verbunden, flieht sie mit Peter und begleitet ihn auf seinem abenteuerlichen Weg bis an den englischen Königshof Georg I. Nicht nur dieser, auch ein Celler Zuchthausaufseher, ein englischer Lord und eine hannoversche Prinzessin hegen ein auffälliges Interesse für den Wilden. Immer wieder kreuzen sich dabei Aristides und Gretes Wege, bis er ihr, in seinem Bestreben in den Besitz des Hemdfetzens zu kommen, das Leben rettet. Als er endlich hinter Peters Geheimnis kommt, muss er erkennen, dass er selbst ein wichtiger Teil in dieser Geschichte um Macht, Mord und Intrigen ist. Hat seine Liebe zu Grete trotzdem eine Chance? …

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Wahre Geschichten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Klaus Mattes

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

St. Bernhard zeigt seine Preise von Klaus Mattes (Rollenspiele / Adventures)
Eine Reise ins Ungewisse von Karl-Heinz Fricke (Wahre Geschichten)
Omas Pflaumenkuchen von Heideli . (Sonstige)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen