Hella Schümann

Als ich unsichtbar war


Viele Menschen wünschen sich schon mal unsichtbar zu sein, weil sie einen Fehler gemacht oder sich blamiert haben oder etwas ähnliches. Ich war unsichtbar über eine lange Zeit und habe es nicht mal wahrgenommen.

Jetzt im Alter sehe ich es deutlich vor mir und ich frage mich nach dem Warum.

Manchmal wurde ich angerempelt mit der Bemerkung: „Ich habe sie gar nicht gesehen.“ Hätten die Leute durch mich durchgehen können, sie hätten es getan. Da ich zu allem Übel auch noch hochsensibel bin, machte ich mir so meine Gedanken, aber wohl die falschen. Auf eine Idee bin ich nicht gekommen, sie nahmen mich nicht wahr. Damals war mir auch nicht bewusst, dass ich eine hübsche junge Frau war, weil das noch nie jemand zu mir gesagt hatte. Nahm ich mich selber nicht wahr und wurde deshalb übersehen? Mein Leben lang, zu jeder Tages- und Nachtzeit, bemühte ich mich, gut auszusehen, kleidete mich geschmackvoll, schminkte mich dezent und war so mit mir zufrieden. Seltsam war nur, dass nie jemand etwas dazu sagte wie z.B. Du siehst aber gut aus, oder so etwas. Im Gegenteil, ich hatte das Gefühl, sie merkten es gar nicht. Ich ließ mich dadurch nicht entmutigen, dachte: Mir geht es ja gut, bis ich das Fischgeschäft betrat. Erst war ich mit dem Verkäufer allein, eine Minute später trat ein älterer Mann in den Laden. Der Verkäufer fragte mich und sah mich dabei an: „Was wünschen Sie?“ „Drei Matjesfilet,.“ und das Echo: „ Drei Matjesfilets.“ Der Verkäufer fragte: „ Mit Zwiebeln?“ Und ich bejahte. Da hörte ich jemand sagen: „Ohne Zwiebeln.“ Der Verkäufer nahm augenblicklich die Zwiebeln wieder runter. Als ich mich darüber beschwerte, kam die Antwort: „Ich dachte, Sie gehören zusammen.“ Ich bekam meine Matjes mit Zwiebeln und einen Augenblick blitze in mir der Gedanke auf: das Echo kann ja meine Heringe bezahlen. „ Ich habe Sie gar nicht gesehen,“ bemerkte der alte Kerl. Ich wunderte mich sehr, denn erstens war ich vor ihm im Laden und er stand die ganze Zeit hinter mir. Vielleicht ist er blind und schwerhörig, denn auch meine Stimme hörte er anscheinend nicht. Nie wäre ich auf den Gedanken gekommen, dass ich unsichtbar war, als er sagte: „ Ich habe sie nicht gesehen.“

Dann war da noch die Geschichte mit der Pfütze: Es hatte stark geregnet und ich musste in die Stadt. An einer Bordsteinkante befand sich eine lange Pfütze und vorsichtshalber ging ich ganz dicht am Haus entlang. Ein einziges Auto brauste heran und während ich noch dachte, der nimmt den Fuß vom Gaspedal, oder umfährt die Pfütze, spritzte er mich bis an den Hals nass.

An meinem 70. Geburtstag wollte ich mir alleine einen schönen Tag gestalten, weil fast jede Geburtstagsfeier in der Vergangenheit ziemlich daneben ging. Das lag nicht an mir, denn ich hatte Kuchen, 3 verschiedene Sorten eingekauft, aber meine Gäste hatten keinen Appetit auf Süßes, sie wollten Kalorien sparen.

Zuerst fuhr ich mit dem Zug nach Bielefeld. Mein Plan war bei „Glück und Seeligkeit“, eine ehemalige Kirche, die zu einem edlen Restaurant umgestaltet wurde, mein Mittagessen einzunehmen. Das war sehr lecker, ein Festessen eben. Danach bummelte ich durch Bielefeld, um dann in einem stadtbekannten Cafe mir Torte und eine Tasse Kaffee zu gönnen. Schon als junges Mädchen war ich dort oft eingekehrt.

Ich setzte mich gegenüber der Theke an einen kleinen Tisch da ich allein im Raum war und mir gegenüber drei Bedienungen hinter der Theke standen, wartete ich geduldig auf meinen Kuchen. Ich hätte ja was sagen können, aber das muss ich nicht, ich gehe davon aus, dass das geschultes Personal ist… Nach 10 Minuten und als ich noch überlegte, wie oder ob ich reagieren sollte, setzten sich 3 Leute an den Nebentisch und wurden sofort bedient. Ich stand auf und zog meine Jacke an, da erst reagierten sie. „Wir bedienen Sie sofort“, war ihre Reaktion. Ich bin gegangen.

Jahrelang fuhr ich mit dem Bus in Urlaub und da niemand aus meinem Bekanntenkreis mitfahren wollte, war ich immer allein. Auch gut so, denn ich machte ja immer Fotoreisen und beim fotografieren konnte ich niemanden neben mir gebrauchen. Ging ich in ein Lokal oder Cafe, und saß dort allein am Tisch, wurde ich nicht bedient. Der Kellner ging ständig an mir vorbei, ohne mich zu beachten. Jedes Jahr das gleich Spiel, ich wurde nicht gesehen, war ich unsichtbar? Dabei bin ich eine hübsche, geschmackvoll angezogene Frau.

Vielleicht sollte ich mir mal ein Blaulicht auf den Kopf schnallen.

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