Klaus Mattes

Direktor Mehl / 3542

 

Einmal besuchte ich im Stadtarchiv die Ausstellung „Swinging Reuenthal in den Siebzigern“. Dort sah ich Ausschnitte aus einer Schülerzeitung und dem Reuenthaler Blatt von 1971. Es ging um die Aufführung von Edward Bonds „Gerettet“ durch die Theater-AG des Gottlob-Dimmler-Gymnasiums.

Edward Bond hatte mit seinem „Gerettet“ weltweiten (Skandal-)Erfolg. Man weiß das heute fast nicht mehr. Es stellte sich in den wilden siebziger Jahre Reuenthals aber heraus, dass „Gerettet“ ein avantgardistisches Stück mit extrem rüder Sprache war, ziemlich bedenklich für unfertige Jugendliche. Wie immer in solchen Fällen, ging’s schlicht darum, dass Jugendliche in der Rolle von Schauspielern auf offener Bühne die Vokabel „ficken“ in ihren Mund nehmen sollten.

Es wird nicht verwundern, dass der engagierte, junge Lehrer, der die Schultheatergruppe anleitete, ein Hippietyp mit langem Haar und reichlich Bart war. Und der Oberstudiendirektor der Schule war schon damals derselbe, dem Klaus Mattes 1987 als seinem Vorgesetzten begegnete, Herr Walter Mehl, von Haus aus ein polternder Mathematiker. Im Jahr 1971 war Herr Mattes noch zwölf oder dreizehn Jahre alt gewesen.

Wegen Unruhe in der Elternschaft hatte Direktor Mehl eine Elternversammlung zum Thema „Gerettet“ einberufen. An deren Ende, der Vorsitzende des Elternbeirats hatte dafür plädiert, die Aufführung freizugeben, hatte jedoch bedauert, dass die Schüler sich von sich aus nicht gegen so ein Stück entschieden hatte, sagte Direktor Mehl: „Ich muss einsehen, dass ich bis jetzt zu liberal gewesen bin. Die Debatte hat mir gezeigt, dass ich, um Schaden von meinen Schülern abzuhalten, weitere Aufführungen nicht mehr zulassen darf.“

In den achtziger Jahren war es am Reuenthaler Gottlob-Dimmler-Gymnasium üblich, dass ein Lehrer schwer erziehbaren Schülern stundenweise Arrest an den Nachmittagen aufbrummen konnte, die er dann jeweils mit dem Begriff „Rektoratsarrest“ in einer Spalte des Klassentagebuchs vermerkte. Einmal erschien bei so einem Arresttermin eine aufgebrachte Mutter und hielt dem Referendar Mattes entgegen, ihre Tochter habe in ihrer ganzen Schullaufbahn noch nicht eine Stunde Arrest gehabt. Sie habe sich etwas umgehört und es liege offen zu Tage, dass der Referendar mit seinen Schülern nicht zurechtkomme. Ihre Tochter treffe daher keine Schuld und sie nehme sie hiermit wieder mit. Das einigermaßen verblüfft schauende Mädchen wurde am Arm der Mutter aus Herrn Mattes' Klassenzimmer gezogen.

Auch staunte er nicht schlecht, als ihm aufging, dass mit dem Begriff „Rektoratsarrest“ eine Meldung solcher Strafzeiten an Direktor Mehl einherging. Als Mathematiker war der Direktor nicht zuständig, deshalb besuchte von nun an der sogenannte Pädagogische Fachleiter für das Fach Deutsch den Unterricht dieses Referendars, jedes Mal unangemeldet. Eruiert werden konnte damit allerdings nur wenig, sodass Direktor Mehl anordnete, man müsse eine Sonderkonferenz mit den betroffenen Eltern der Klasse abhalten, um die verschiedenen Erfahrungen einmal zusammenzubringen.

Mitgeteilt wurde dies dem Referendar Mattes erst, nachdem die Klassenlehrerin den Eltern den Termin schon geschrieben hatte. Ihm wurde auch nicht erlaubt, an der Seite von Direktor Mehl, dem Pädagogischen Deutschleiter und der Klassenlehrerin den betroffenen Eltern direkt gegenüber zu treten, sondern er hatte gut anderthalb Stunden alleine im Lehrerzimmer zu warten, bis er zu einer etwa viertelstündigen Vernehmung gerufen wurde, nach welcher er noch einmal alleine im Lehrerzimmer auf die abschließende Begegnung mit Herrn Direktor Mehl, der sich vor all diesem, noch nie mit Herrn Mattes unterhalten hatte, zu warten hatte.

Gegen elf Uhr nachts betrat Direktor Mehl das Lehrerzimmer und holte sich den Referendar fürs Vier-Augen-Gespräch in sein Büro hinüber. Hierauf genoss Direktor Mehl mittels eines Glases eine Flasche Bier. Ob Herr Mattes auch etwas zu trinken wünschte, fragte er ihn nicht.

Direktor Mehl erklärte, mit Schrecken habe er durch diese Elternversammlung erfahren, dass die Zügel dem Junglehrer Mattes entglitten seien. Im Interesse der Jugendlichen - und dieses sei in Folge ihrer großen Anzahl gravierender als das des Referendars - müsse er umgehend Rapport ans Stuttgarter Oberschulamt erstatten. Schon morgen werde das geschehen und er werde die sofortige Entlassung des Herrn Mattes beantragen. So, das sei es gewesen, das nur habe er ihm mitteilen wollen.

Seinerzeit, in den achtziger Jahren, gab es am Gottlob-Dimmler-Gymnasium in Schülerkreisen den Spruch: „Jeder Mehlsack plumpst mal um.“

Zwei Wochen später machte der Leiter des Lehrerseminars dem jungen Referendar eine Kopie von Direktor Mehls Schriftsatz zugänglich und bat seinerseits um schriftliche Stellungnahme. Direktor Mehl hatte geschrieben: „Herr Mattes ist pädagogisch völlig unqualifiziert. Im Interesse der mir anvertrauten Jugendlichen beantrage ich seine sofortige Entlassung.“ Zwei Tage später ging nachmittags das Telefon und der Referent des Oberschulamts sagte, Weihnachten dränge, daher wäre er Herrn Mattes sehr verbunden, wenn er noch an diesem Tage ihn persönlich im Oberschulamt aufsuchen könnte, um die Affäre zu besprechen. Herr Mattes erfuhr, dass ein Direktor keine fristlose Entlassung eines Referendars beantragen kann, weil dieser von der Landesregierung einen Zweijahresvertrag als Beamter auf Zeit und ein Recht auf Ausbildung hat. Das Land seinerseits könne nur entlassen, wenn schwerwiegendere Vorwürfe im Raum stünden, als Herr Direktor Mehl sie habe erheben können. Mithin erwarte das Oberschulamt von Herrn Mattes, dieser möge sich bitte in einer Nacht (Weihnachten dränge) entscheiden, ob er die Versetzung an eine andere Schule für das letzte Viertel seines Referendariats beantrage oder ob er den Vertrag seinerseits kündige.

Herr Mattes entschied, das Referendariat ohne Examen abzubrechen und seine spärlichen Talente dem Lehrerberuf von da an zu entziehen.

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