Klaus Mattes

Flüchtlingslager im Stadtbus ohne Fußball / 8767


Während des großen Spiels gestern fuhr ich im Stadtbus umher. Erst war es ganz leer, dann kam ein Trüppchen männlicher Anfangszwanziger. Das waren so Flüchtlinge, wie man sie jetzt oft sieht, aus dem Irak oder irgendwo. Alle trugen lebhaft bunte Sommerkleidung und waren bester Stimmung. Sie sammelten sich bei den Sitzen in der Mitte vom Bus und machten ein großes Pow Wow auf.

Etwas weiter vorne war der mir gut bekannte türkische Flaschensammler zugestiegen. Ein, wenn man so will, Reuenthaler Original mittlerweile. Ein großer, bullig Gebauter, der immer eine riesige Einkaufstasche, manchmal auch zweie, auf der Schulter hat, mit einer Hand diese haltend, während seine Rechte immer in einem groben, schmutzigen Handschuh steckt. So eine Art Dorfdepp wohl. Er ist ausnahmslos gut aufgelegt und freundlich, sagt aber stets dieselben knappen Sätze - in einem Deutsch oder einer Artikulation, die man beim besten Willen nicht begreift. Sieht er mich, ruft er: „Hallo Chef! Wie geht’s?“ Zu allen Flaschensammlern ist er so. Denn das ist, woher er mich kennt, weil ich das auch mal war. Als ob er nie begriffen hätte, dass in einer von Flaschensammlern derart überlaufenen Metropole wie Reuenthal der andere Flaschensammler des Flaschensammlers entscheidendster Gegner ist.

Er dreht sich zu diesen jungen Arabern oder Kurden um und fragt, wie das Spiel steht. Ihm ist offenkundig schon lange entgangen, wie nahezu unverständlich seine Sprache für andere Menschen ist. Sie haben zwar Handys und wissen vielleicht sogar, wie es steht, aber was er zu ihnen gesagt hat, wissen sie nicht. Für sie ist das ein Mann im Reuenthaler Bus, der sich gern an ihrer Klönrunde beteiligen würde. Man sah sie richtig aufleuchten, die Gesichter. Ein weiterer Freund in Deutschland. Das ist so, wie wenn du noch einigermaßen klein und im Gebirge in den Ferien bist, da lachen auch alle, wenn sie dich sehen, winken dir zu und rufen was schwer zu Verstehendes. Es ist die Sommerzeit des Lebens.

Man kann absehen, dass sich das alles noch ziemlich ändern wird. Die Vereinigung von Bundesanstalt für Migranten und Jobcenter wird sie irgendwo auf dem Arbeitsmarkt platzieren müssen. Und dann werden sie merken, dass sie die Schrottjobs für die kleinere Kohle abbekommen haben. Aber Autos werden sie schon auch wollen und Freundinnen und dann Familien und Kinder. Vielleicht holen sie alle ihre Schwestern und Mammis nach und dann sitzen sie in den Parks, grillen und reden viel Arabisch und hören Jammermusik aus dem Ghettoblaster. Einige von ihnen werden ihr Fortkommen im Drogenhandel finden und in den Hybrid-BMW umsteigen. Andere fallen dem Radikalislam anheim, einem Rauschbart und seinem Nachthemd. Schon ist es Winter in der Sozialsiedlung, ewig dunkel, kalt und nieselt, während die Babys plärren. Gehst du raus, müffeln mies gelaunte Deutsche an dir entlang, die, weil sie über alles Bescheid wissen, du alles fragen könntest, wenn du dich auf dem A2-Niveau nicht vom Deutschkurs abgeseilt hättest.

Also wird es schon noch anders werden. Aber einstweilen sind die Jungs hier im Sommercamp und ein leerer Bus nur für sie, fährt sie den lieben langen Tag überall hin für ein zwanzig Euro teures Monatsticket. Sie haben meistens frei und ihr Onkel und Vater sagen ihnen nicht, was sie machen müssen. Eine gute Welt ist das, die sie, ungeachtet ihrer Jugend und stabilen Gesundheit, in keinen Krieg mehr schickt.

 

[EM, Juni 2016]


 

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