Lena Kelm

Abgeschlossenes Kapitel 1

Am Jahrestag der Ausreise aus meiner damaligen Heimat sehe ich mir wieder einmal alte Fotos an und stoße dabei auf ein Foto von Anna. Plötzlich spult mein Gedächtnis diese Geschichte ab, die über zwanzig Jahre zurückliegt. Erinnerungen kehren zurück.
„Stell dir vor, Anna, die eiserne Lady“, stammelte weinend, ihre beste Freundin, „sei nicht zur Abschiedsparty gekommen, damit meinte sie dich“, sagte meine Kollegin Emma verständnislos zu mir. Ich rechtfertigte mich: „Ich war noch krankgeschrieben“ und verabschiedete mich von Emma, nicht jedoch von der Frage, die mich wie ein Blitz traf: War ich wirklich Annas beste Freundin gewesen?
In der Geschichte unserer Beziehung liegt die Antwort.

Anna und ich gehen zum ersten Mal gemeinsam den Weg nach Hause nach einer bis in den späten Nachmittag dauernden Sitzung bei der Stadtschulrätin. Ich bin seit einem dreiviertel Jahr stellvertretende Schulleiterin für erzieherische Arbeit an einer Gesamtschule, Anna arbeitet etwas länger in der gleichen Funktion an einer anderen Schule. Annas Erscheinung ist beeindruckend, alles an ihr wirkt würdevoll, ihre aufrechte stolze Haltung, ihr Gesicht, die aristokratische Nase, intelligente Stirn, ihre stets tadellose blonde Kurzhaarfrisur. Vielleicht war sie im früheren Leben eine Königin. Die Kollegen scherzen insgeheim: „Die hat einen Stock verschluckt.“ Sie ist eine Person, die weiß, was sie will. Solche Menschen, selbstbewusst und zielstrebig, beneide und bewundere ich, vielleicht weil es mir an diesen Eigenschaften mangelt. Annas graue, intelligente Augen blicken oft eisig und missbilligend, einschüchternd auf Unsichere, manch einer zieht buchstäblich den Kopf ein. Sommersprossen lassen sie mädchenhaft erscheinen. Sie ist etwa vier Jahre junger als ich. Ich bin das völlige Gegenteil, kastanienbraune längere Haaren, schwarze Augen, rundliche Kurven, einen Gang wie Anna kann ich nicht bieten. Ich hätte mich nicht getraut, sie anzusprechen, sie macht einen distanzierten fast überheblichen Eindruck auf mich.
Anna ist es, die vorschlägt, gemeinsam heimzugehen. Der Abend ist ruhig ohne ständige Böen aus der Steppe, lauwarme Luft umspielt angenehm die Haut. Ich versuche mit ihr ins Gespräch zu kommen. „Das Wetter meint es gut mit uns, ein entspannender Abend nach dem anstrengenden Arbeitstag.“ Aber Anna kann sich nicht entspannen und schüttet mir auf einmal ihr Herz aus. Sie fühlt sich durch den Artikel einer Grundschullehrerin mit dem Titel „Die Kränkung macht mich leistungsunfähig“ im Bezirksblatt zu Unrecht beschuldigt. Die kasachische Lehrerin beschwert sich über die angeblich ungerechte Behandlung durch Anna und ihren unwirschen Ton. Sie fühlt sich beleidigt, gehemmt, befürchtet ständig einen Tadel oder Rüge der stellvertretenden Schulleiterin Anna. Der Artikel bleibt folgenlos, ohne öffentliche Resonanz. Vielleicht weil in den Sommerferien kaum jemand die Bezirkszeitung liest oder sie hatten eine Aussprache und die Lehrerin nahm Annas Entschuldigung an?
Anna lässt der Gedanke der Ungerechtigkeit nicht los. Sie behandle die Lehrerin wie jede andere, betont sie. „Der Grad der Empfindlichkeit ist nicht bei jedem gleich.“, werfe ich vorsichtig ein. Ich bestätige ihre Überzeugung, die Lehrerin hätte sich zuerst mit ihr aussprechen sollen, um Missverständnisse aus dem Weg zu räumen. Zittert Annas Stimme? Ihre Augen glänzen verdächtig. Sie tut mir leid. Einige Gerüchte über Annas Privatleben sind mir bekannt. Mit über Dreißig sei sie noch immer Jungfer oder sie hatte ein schlimmes Erlebnis (das Wort Vergewaltigung wird nicht ausgesprochen), sie hasse Männer. Wieso sollte sie sonst mit über Dreißig allein leben, höre ich die Stimmen der angeblich um das Wohl anderer Besorgten. Vielleicht erträgt Anna keine Männer, die ihren Anforderungen nicht gewachsen sind und bevorzugt das Alleinsein. Ich verstehe Anna, ich bin gerade frischgeschieden. 
Wir nähern uns dem Haus, in dem ich wohne.

- Fortsetzung folgt -



 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.01.2023. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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