Gherkin

Das Ritual


Die junge Frau geht schleppend, ein wenig torkelt sie. Überall böllern die Menschen. Silvester in Gelsenkirchen. Sie strebt dem Gewerbepark Schalke-Nord zu, denn da erwartet sie weniger Leute. Freiligrathstraße, genau hier ist sie richtig. In der rechten Hand hält sie eine Flasche Vodka, etwa halbvoll. Sie hat sich den Grey Goose Vodka genehmigt, eine der besseren Marken. Dafür hatte sie immerhin knapp über 30 Euro hinlegen müssen. Fünffach destilliert. Das musste heute sein. Nicht nur, weil Silvester ist. Die junge Frau hat nämlich noch etwas vor.

 

In der linken Hand trägt sie eine braune Papiertüte. Darin sind nagelneue Schuhe. Sie möchte heute Nacht das Ritual durchziehen. Die Frau heißt Mariola, ist bildhübsch, rülpst laut und ruft in diese besondere, von sehr grellen Lichtblitzen, scharfen, dumpfen Donner-Schlägen und lustig buntem Feuerregen durchzuckte Nacht hinein: „Khvani me, ti otvratitelen Dzhin, ako smeesh…“ (So hol‘ mich doch, du ekelhafter Dschinn, sofern du dich traust…). Sie schreitet weiter voran, immer tiefer in das Industriegebiet hinein. Sie sieht auf die Armbanduhr. 23:36 Uhr. Es wird Zeit. Sie nimmt den besonders langen Schluck aus der Flasche. Wieder ein düsterer, tiefer Rülpser, wie ein Grollen aus der Ferne. Weiter knallt und kracht es in einiger Entfernung. Hier sind keine Menschen mehr. Allein ist sie, mitten im Gewerbepark Schalke-Nord. Bald wird sie das Ritual abspulen. Noch einige kaum wahrnehmbare Minuten, dann ist es soweit. Torkelnd und schleppend geht sie weiter.

 

 

Mariola bedeutet „die Widerspenstige“ oder auch „die Ungezähmte“. Das trifft auf diese junge Frau zu. Sie kommt ursprünglich aus Bulgarien, spricht aber nahezu akzentfreies Deutsch, ist bereits seit einigen Jahren in Gelsenkirchen beheimatet. Aber der Name bedeutet noch so viel mehr. Mariola bedeutet “die Wohlgenährte”, “der Meerestropfen”, “die Meeresmyrrhe”, “das Meer der Bitterkeit”, “der Meeresstern”, “die Geliebte”, „die Fruchtbare“ und auch „die von Gott Geschenkte“. Und dies Geschenk hatte sie zurückliegend nicht annehmen wollen. Partout nicht.

 

 

Sie hatte sich dem Trunk ergeben. Täglich. Warum? Fragt nicht. Es gibt tausende Gründe. Einer der hervorstechendsten ist sicherlich der, dass keiner, wirklich keiner, sie versteht. Sie versucht sich so klar wie nur irgend möglich mitzuteilen, sie versucht, sich verständlich zu machen. Aber alles, was sie an Signalen erhält, das ist Schulterzucken und dicke Fragezeichen auf der Stirn des jeweiligen Gesprächspartners. Was macht sie denn falsch? Sie ist eloquent, hat einen reichen Wortschatz, sie schreibt auch, ist rhetorisch beschlagen. Also, woran bitte hapert es? Drückt sie sich zu kompliziert aus? Sind ihre Gedankengänge zu abstrus, zu verworren? In der Tat ist das Kopfkino mitunter fast nicht auszuhalten. Immer diese Bilder. Und in einem fort all diese Impacts – EMOTIONEN und Erinnerungen, Wörter, Satzfetzen und Ansätze von Begebenheiten, unsäglichen Begegnungen der entsetzlichen Art. Wo hatte sie das schon mal gehört? „Menschen sind doch die merkwürdigsten Leute auf der Welt!“ Der ich doch unter Menschen kaum zu leben imstande bin, denkt Mariola. Es ist ihre Krux, dass sie es aber dennoch muss. Täglich. Aushalten. Daher der Vodka. Da hast du nie eine Fahne und bist angenehm besoffen nach der halben Flasche. Wo die nächste herkommt, ist in der Regel nach einer Zweidrittel-Leerung dann das größte Problem.

 

Einen Grey Goose hatte sie sich sonst nicht gegönnt. Es musste stets immer der billigste Vodka sein, eben der zu 4,99 Euro, wie ihn jeder Trinker täglich in sich hinein schüttet. Vielhunderttausendfach geht des Spiegeltrinkers heiligstes Gesöff tagtäglich über die Discounter-Kasse, in vielerlei Namen, in vielerlei Flaschen, aber stets ist es dieser Billig-Vodka, 0,7 l mit 37 %, zu 4,99 Euro. Widerlich…

 

Sie ist angekommen. Aus der braunen Papiertüte holt sie die nagelneuen Schuhe. Sie prüft. Wo ist Osten? An den Sternen kannst du dich heute nicht orientieren. Überall der Schleier der Sprengsätze und die grellen Blitze der tausend Böller und Raketen. Doch holt sie einen billigen Kompass aus ihrer Jeans-Gesäßtasche. Es ist flott entschieden. Dort ist Osten. Sie stellt die Schuhe so hin, dass die Schuhspitzen nach Osten zeigen. Sie sieht auf die Uhr. 23:57 Uhr. Bald ist es soweit. Jetzt zieht sie die Stiefelschnürsenkel aus den Schnürösen, steht, nach Westen ausgerichtet da, trinkt wieder einen diesmal nur kurzen Schluck Vodka und wartet auf Null Uhr. Ganz kurz davor steigt sie aus ihren Stiefeln, stellt sie exakt ausgerichtet hin, die Spitzen nach Westen, dreht sich, erkennt, dass ihre Uhr Mitternacht anzeigt, wartet einen Augenblick, und steigt dann, gen Osten ausgerichtet, in die neuen Schuhe. Sie verschnürt sie sorgfältig und wirft nicht einen Blick mehr auf das alte Paar Schuhe. So will es der Brauch. So ist nun einmal das Ritual.

 

Sie brüllt, so laut sie kann: „Vŭrvi po dyavolite, zvyar!“ (Scher‘ dich zum Teufel, du Scheusal!) und zerschmettert die fast ausgetrunkene Flasche Grey Goose auf dem Asphalt. SO verabschiedet man sich in Bulgarien vom Suff! Um 23:59 Uhr an Silvester steigt man aus den alten Schuhen, die nach Westen zeigen, und um 0:01 Uhr steigt man, im neuen Jahr, in die neuen Schuhe, die nach Osten ausgerichtet sind. Man sieht die alten Schuhe nicht mehr an, strebt einer neuen Zeit entgegen, in neuen Schuhen, lässt ab vom Teufel Alkohol, von grellen Blitzen umtost, von extrem lauten Knall- und Donner-Geräuschen begleitet, strebt zügig zu der Himmelsrichtung, in der immer die Sonne aufgeht, entfernt sich somit ja Schritt für Schritt vom alten Leben, vom Suff, von der Tragik einer unheilvollen Abhängigkeit.

 

Wuchtig schreitet Mariola aus. Sie hat einen langen Marsch vor sich, denn den alten Weg zurück darf sie nicht nehmen. Vermeintlich fällt das Gehen leichter, sie denkt, beschwingter voran und damit ins Glück zu streben. Noch unsicheren Schrittes. Aber freien Geistes. Dieses kasachische Ritual hat schon millionenfach geholfen. Warum nicht auch einer bulgarischen Mariola, die jetzt guten Mutes ins neue Jahr hinein stolpert. Was die Leute da an Geld verpulvern, spricht sie jetzt halblaut vor sich hin. Der Krach ist gewaltig. Nach 2 Jahren Pandemie ist es wie eine Befreiung. Jetzt böllern wir uns den Kummer von der Seele. „Ich werde es ohne den Teufel Alkohol packen“, ruft Mariola, hält inne und schaut dem Spektakel zu, das sich aus einiger Entfernung ihren Augen bietet.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.01.2023. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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