Christa Astl

Die Weisen aus dem Morgenland

 

 

Irgendwo in fernen Ländern lebten drei weise Männer. Sie waren weit voneinander entfernt, in Europa, Asien und Afrika,  aber sie machten das Gleiche: sie beobachteten den Lauf der Sterne, berechneten deren Bahn und versuchten, daraus das Schicksal der Erde und der Menschen zu erkennen.

Zur selben Zeit, aber an ganz verschiedenen Orten, erblickten sie einen neuen, sehr hell leuchtenden Stern. Sie erkannten, dass es ein Komet war und meinten, das müsse etwas zu bedeuten haben! Aus ihren Büchern hatten sie erfahren, dass ein Stern aufgehen würde, wenn der Messias auf die Welt kam. „Das müsste jetzt um diese Zeit sein“, meinten sie, und sie wollten diesen Messias, Gottes Sohn, den König des Himmels und der Erde, anbeten und ihm königliche Geschenke bringen. Alle drei waren reiche, angesehene Männer. Also sammelten sie ihre Diener um sich und wählten die kräftigsten und verlässlichsten unter ihnen aus, die sie begleiten sollten. Kamele, Elefanten, Maultiere und Lastpferde wurden beladen, jeder nahm das Wertvollste, was sein Land bot, mit als Geschenk für den neugeborenen König.

 

Kaspar reiste aus dem Süden an, aus Afrika. Seine Haut war schwarz. Es war dort sehr heiß und trocken, Wüsten bedeckten weite Teile seines Landes. So war es üblich, dass man auf Kamelen ritt, die mit ihren breiten Hufen nicht so leicht im Sand einsanken.  Als besonderes Geschenk brachte er dem neugeborenen König Myrrhe mit, der in seinem Land heilende Wirkung zugeschrieben wird. Er wusste von den Propheten, dass der Sohn Gottes als Heiler zu den Menschen kam.

Je weiter nördlich er kam, umso neugieriger bestaunten ihn die Menschen, einen Schwarzen hatten sie noch nie gesehen. Manchmal war es ihm unangenehm, er konnte ja nichts dafür, dass er anders aussah

 

Melchior, der auch König seines Landes war, war schon sehr alt. Sein Leibarzt riet ihm von der langen beschwerlichen Reise ab, aber der Stern lockte ihn mit aller Macht, oder war es der Wille Gottes? Er ließ die Reise genau planen, dass er nur kurze Etappen im Tag reiten musste. Mit Wagen konnte er nicht fahren, da es über die Berge keine breiten Straßen gab. Aber einen ganzen Tag konnte er auf dem Schiff über das große Mittelmeer fahren. Was sollte er als Geschenk mitbringen? Natürlich ein königliches Geschenk, und so ließ er aus seiner Schatzkammer eine Truhe voll mit edelsten Diamanten und vielen Goldstücken füllen. Zwei Wächter stellte er eigens ein, um diese Truhe während der Reise zu bewachen.

 

Aus Asien kam Balthasar herbei. Er ritt mit seinen Getreuen auf Elefanten, die ebenfalls sehr bestaunt wurden. Ehrfürchtig, aber auch ängstlich machten die Leute den Weg frei, von einem Elefanten wollte niemand getreten werden. Die großen schweren Tiere waren ausdauernde Geher, auch konnten sie viele Geschenke tragen, kostbare Stoffe, Öle und vor allem den wohlriechenden Weihrauch. Nicht umsonst nannte man ihren Weg auch die Weihrauchstraße.

 

So zogen sie los, aus verschiedenen Himmelsrichtungen. Erst auf der letzten Strecke trafen sie einander, kurz bevor sie ihr vermeintliches Ziel, die Stadt Jerusalem, erreichten. Dort war das Schloss des Königs Herodes, und dort, meinten sie, müsse auch der neue König geboren worden sein. Auch wenn der Stern nicht über dem Schloss stehen blieb, waren sie ihrer Sache ganz sicher.

König Herodes, der in diesem Schloss lebte, war erstaunt, die feinen Herren zu sehen und freute sich über solch hohen Besuch. Als sie aber sagten, sie wollten den neugeborenen König der Juden sehen, erschrak er, denn er hatte keinen eben geborenen Sohn. „Jemand will mich von meinem Platz als König verdrängen, und das darf nicht sein!“ dachte er. Da rief er die weisesten Männer seines Landes zusammen um sie zu fragen. Einer, ein besonders frommer Mann, der die Bibel gut kannte, wusste, welcher König gemeint war und berichtete davon. Herodes bekam Angst und erkundigte sich ganz genau, wo dieser neue König zu finden wäre. Seinen Besuchern gegenüber blieb er freundlich, er bewirtete sie reichlich, bereitete ihnen ein Nachtlager und als sie sich am nächsten Tag verabschieden wollten, sagte er: „Sucht diesen König, und wenn ihr ihn gefunden habt, gebt mir Bescheid, dann will auch ich kommen und ihn anbeten“. Allerdings hatte er böse Gedanken, denn er wollte das Kind beseitigen.

Die drei Weisen brachen also mit ihren Reittieren und der Dienerschar auf. Noch einen ganzen Tag dauerte ihre Reise, es ging nicht mehr so schnell, denn alle waren müde. So erreichten sie erst gegen Abend, als der Stern wieder mit aller Kraft strahlte, die weite Wiese mit dem Stall von Bethlehem. Endlich durften die Männer ihre Zelte aufbauen und eine Weile ruhen. Als erstes mussten sie aber die Geschenke zum Kind bringen.

Kaspar hatte Angst, als erster zu gehen. Das Kindlein könnte sich vor seiner schwarzen Haut fürchten, und so ging der greise, weißhaarige König Melchior voraus. Vier Diener mussten die schwere Goldtruhe tragen. Demütig kniete sich der mächtige alte Herrscher vor dem Kindlein, das so nackt und arm in der Futterkrippe lag, nieder. Er hätte so viele schöne Zimmer in seinem Schoss, aber es war zu weit entfernt.

Kaspar, der Mohr, ging ganz gebückt, damit das Kind nicht allzu viel von seinem schwarzen Gesicht sah, die Hände, welche ein mit Diamanten geschmücktes Gefäß mit Myrrhe trugen, steckten in weichen, weißen Seidenhandschuhen. 

Das Kindlein schaute ihn neugierig und erstaunt an, dann streckte es die Händchen nach seinem Gesicht aus. Kaspar bückte sich noch tiefer, sodass das Jesuskindlein sein Gesicht berühren konnte. Da begann es fröhlich zu lachen und ein Lächeln huschte über die Gesichter der drei ehrwürdigen Männer.

Balthasar hatte in seinem Rauchfass bereits Glut anfachen lassen und legte nun den Weihrauch darauf. Kurz darauf erfüllte feiner Duft den Stall. Ein Fässchen des Weihrauches schoben seine Diener in eine Ecke des Stalles, denn dieses Rauchopfer sollten sie noch oft als Geschenk Gottes zu seiner Ehre aufsteigen lassen.

So knieten die großen Herren vor dem kleinen Kindlein. Sie wussten, dass es ihnen an Macht und Weisheit weit überlegen war, denn sie erkannten in ihm bereits den Sohn des allmächtigen und allerhabenen Gottes.

Die Hirten rundum zogen sich scheu zurück, sie mussten sich ja auch wieder um ihre Schafe kümmern.

Die Weisen blieben einige Tage, bis Menschen und Tiere ausgeruht waren.

In der Nacht vor ihrer Rückkehr hatten sie alle denselben Traum: Ein Engel erschien ihnen und riet jedem, nicht mehr zu Herodes zu kommen, da dieser Böses im Sinne hätte.

Am Morgen erzählten sie einander ihr nächtliches Erlebnis. „Das kann kein Traum sein, wenn jeder von uns dieselbe Botschaft bekommen hat!“, meinten sie und beschlossen, auf der Heimreise einen großen Bogen um Jerusalem zu machen.

 

(Aus meinem Buch "Sie folgten dem Weihnachtsstern")

ChA 14.01.17

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.01.2023. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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