Lena Kelm

Abgeschlossenes Kapitel 6

Wieder bedrängte mich Anna in ihrer üblichen Art, ich sollte sie zu meinen Verwandten nach Deutschland mitnehmen. Ein Jahr lang versuchte ich mich, dagegen zu wehren. Ich konnte sie zwar zu meinen Verwandten, Eltern in Kasachstan mitnehmen, aber nicht in die DDR. Meine Verwandten hätten für sie ein Visum besorgen und für die Kosten aufkommen müssen. Sollte ich die Gastfreundschaft meiner lieben Verwandten überstrapazieren? Das konnte und wollte ich ihnen auf keinen Fall antun. Als ich Anna informierte, ich fahre diesen Sommer nicht in die DDR, fand sie zum Glück eine ehemalige Kollegin, die vor Jahren ausgewandert war. Anna hatte ihr Ziel erreicht, sie wurde von der Frau eingeladen. Ich wurde den bitteren Nachgeschmack nicht los. Die Dreistigkeit und der Egoismus mit der Anna die Erfüllung ihrer Wünsche einforderte, schockierte mich immer wieder.
Ein oder zwei Monate vor meiner Ausreise in die BRD musste ich meinen Bekannten bitten, auch für Anna den Containertransport kostenlos zu organisieren. „Wenn er das für dich gemacht hat, kann er das auch für mich tun, sag ihm das!“ Ich hatte niemanden, der mir helfen konnte. Sie hatte ihren Vater, Bruder, Schwager. Ich tat es, weil ich nicht Nein sagen konnte. Es war eine freundschaftliche Geste, trotzdem peinlich für mich. Ich musste den Bekannten um einen doppelten Gefallen bitten. Anna fiel es nicht schwer, Menschen auszunutzen, mir schon. Es sollte meinerseits der letzte Gefallen werden, den ich ihr nicht abschlug, und den sie wie immer ohne Worte des Dankes annahm.
Vielleicht dankte Anna mir damit, dass sie mir eines Tages ihre neuen, ihr leider zu großen Nylonstrümpfe anbot. Ich warf einen Blick auf das Preisschild: 2 Rubel und 99 Kopeken. „Du musst nicht schauen, ich habe drei Rubel bezahlt“, rief Anna mir vom benachbarten Tisch zu. Das musste ich erst einmal verdauen. Diese lächerliche Kopeke, so kleinlich habe ich Anna nicht eingeschätzt. Im ersten Moment glaubte ich an einen Scherz, es war aber keiner. Dafür kannte ich Anna zu gut. Wortlos legte ich ihr die drei Rubel hin und schämte mich für die Freundin. Die Kopeke tat nicht weh, ihre Respektlosigkeit schon. Sie entsprach nicht meinen Werten. Wie so oft sagte ich zu mir selbst: Das würde ich nie tun. Meine Geduld war restlos verbraucht: Bis jetzt hatte ich versucht, zu erklären, zu verstehen, zu entschuldigen. Nun empfand ich nichts als Ekel. Als ob ich eine Ohrfeige bekommen hatte und mir übel wurde. Mir fiel eine passende Redewendung ein, die ich eigentlich als derb mied: „Das kotzt mich an!“ Doch das änderte nichts an meinem damaligen Gefühl.

- Fortsetzung folgt -





 


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.01.2023. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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