Elke Müller

Amerika....

Im Zeltdorf herrschte eine bedrückende Stimmung. Wie ein Lauffeuer hatte sich die Nachricht über die Verschleppung von Ashley verbreitet. Keiner wusste, wie es nun weiter gehen sollte. Farmer, Pelzjäger und Glücksritter überschritten unaufhaltsam immer mehr die Grenzen des Stammesgebietes. Bäume wurden einfach gefällt. Die Landwirtschaft breitet sich zunehmend aus. Der Vormarsch der Siedler ließ sich nicht aufhalten. Sie wollten das Land in Besitz nehmen, wenn nicht auf friedlichen Weg, dann mit Gewalt. Ebenfalls schleppten diese Krankheiten ein, welche die Indianer nicht kannten. Viele starben an Masern, Pocken und Diphtherie. Selbst durch leichte Infektionen konnten ganze Dörfer ausgerottet werden. Der Hass auf die Bleichgesichter wuchs von Tag zu Tag.

Vor dem Zelt von Abigail stand eine Ansammlung von angesehene Kriegern und Frauen, welche halblaut schimpften, manchmal wurden Flüche laut. Der Himmel strahlte blau und es war schon ziemlich heiß. Die Zeltplanen darum zur Seite aufgeschlagen. An den Haltestangen angebunden, befanden sich einige Pferde und ein Pferdegespann. Da noch kaum Worte gewechselt wurden, verstummte das Gespräch. Als sich Redmon näherte, teilte sich die Gruppe. Abigail drehte sich um und winkte ihn herein. In der Mitte, am Feuer, saß eine ältere hagere Frau, mir grauen Haaren und einem etwas sonderbaren Kleidungsstil die Redmon nicht kannte. Er war verwirrt. Kniete sich ihr gegenüber hin. Sie rührte sich nicht. Gleichgültig schien ihr alles zu sein. Redmon sah eine Weile dem Feuer zu, blickte dann verwirrt in Richtung Abigail. Er lächelte betroffen. „ Entschuldigung, dies ist Großmutter von Topsannah- Ashley. Sie traurig. Eine große Wakanda- Zauberin. Wir haben sie gerufen. Einige sind krank bei uns. Sie will helfen, sie gesund zu machen. Wir vertrauen ihr.“ Sie blickte nun auf, betrachtete unverhohlen neugierig Redmon. Ja, er war schlank und durchtrainiert, als ob er sich regelmäßig in der Wildnis aufhielt. Machte zwar einen zurückhaltenden aber nicht schüchteren Eindruck. Ihr gefiel was sie sah. Lächelnd sagte sie: „ So schlimm es auch ist, muss ich mich nun wohl nicht mehr vorstellen.“ Redmon verbeugte sich leicht. Dankbar lächelte sie ihm zu. Sie würde sich bestimmt mit ihm gut verstehen. Das Thema Ashley wurde nicht angesprochen. Stand auf, griff nach einem Korb hinter sich. Dann verteilte sie unter leisen singen Blumen und Kräuter um die Feuerstelle, intensiver Duft erfüllte die Luft. Trommelschläge erklangen, begleitet von zahlreichen Flaschenkürbisrasseln. Die Bewohner setzten sich und stimmten ein Gesang an. Eine junge Frau mit gewölbten Bauch trug man auf einer Barre heran, gefolgt von einem Mann, in seinen Armen ein kranker Junge lag. Der Medizinmann und helfende ältere Frauen konnten nicht mehr viel helfen. Die Hoffnung auf Wakanda war besonders groß. Man legte die beiden vor ihr ab. Die Zeltplanen wurden geschlossen. Wilden getrockneten Salbei warf Wakanda ins Feuer. Sprach ein Gebet. Scheuchte alle anwesende Männer aus dem Zelt, bat aber Redmon zu bleiben. Entschied, zuerst die jungen Frau zu behandeln. Ihr Haar war nass und sie keuchte mit zusammengebissenen Zähnen. Angst stand in ihren Augen. Die alte Esther hat auf den ersten Blick erkannt was da nicht stimmte. Sie unterdrückte die Flüche welche auf ihrer Zunge lagen. Sie kannte Ikona ( aufgehende Sonne ) seit sie klein war. Strich sacht über das junge feuchtes Gesicht und redete ihr gut zu. Reichte dann einen besonderen Kräutersaft aus Eisenkraut, Salbei, Zimt, Schafgabe, Nelke und anderes, um die Schmerzen zu lindern. Ohne abzusetzen, trank die junge Frau den bitteren Trunk artig aus. Esther nahm anschließend verschiedene Flaschen und Dosen aus ihrem Korb. Rührte eine Paste zusammen. Sacht massierte sie den gewölbten harten Bauch damit ein. Horchte, drückte und schob vorsichtig mit ihren Händen. Sah zu Redmon auf. „ Sie ist am Ende ihrer Kraft. Das Kind liegt nicht richtig, es muss in eine andere Lage gebracht werden. Sonst sterben beide. Dazu brauche ich deine Hilfe.“ Nicken. „ Stell dich hinter sie. Umfasse sie unter ihren Armen und zieh sie hoch.“ Redmon tat wie geheißen. Die junge Frau schrie auf vor Entsetzen und Angst, wehrte sich verbissen. „ Gut festhalten und jetzt stauche sie auf… schnell.“ Erneut warf sie Salbei ins Feuer. Der Rauch hatte eine beruhigende Wirkung auf alle. Wieder horchte und massierte die Alte. Dann noch einmal alles wie vorhin. Jetzt befolgte Ikona willenlos den Anweisungen von Esther. Sie schrie auf einmal Ikona an. „Pressen!“ Die junge Frau bäumte sich mit letzter Kraft auf. Und… ein lautes Schreien erklang. Die alte Esther durchtrennte die Nabelschnur und hielt strahlend ein gesundes blutverschmiertes Neugeborenes in die Höhe. Sie lies sich nicht weiter Zeit damit, hüllte es in ein wolliges Tuch und gab es einer herbei gekommene Helferin weiter. Später wollte sie noch einmal nach Mutter und Kind schauen. Reinigte sich gewissenhaft. Ihre Sorge richtete sich nun voll und ganz auf den Jungen. Kniete schon neben seinem Lager. Mit großen fiebrig glänzenden Augen schaute er sie an. Sie lächelte, legte ihre Hand auf dessen Stirn und spürte die große Hitze in dem kleinen mageren Körper. Lauschte seinen pfeifenden und rasselten Atem. Nickte. Begutachtete die schlimme offene Beinwunde. Auch hier wusste sie zu helfen. Ein trauriges Lächeln lag auf ihrem Gesicht. Drückte Redmon saubere Tücher in die Hände. „ Das hohe Fieber muss runter. Ein Kübel voll kaltem Bachwasser steht dort.“ Erneut rührte Wakanda einen bitter schmeckenden Saft zusammen. Löffelweise flößte sie den Trank den Jungen ein. Dann fischte sie aus ihren Korb ein Glas mit Blutegeln und Ameisenlarven hervor. Besah sich erneut die Wunde. Redmon konnte sich nur wunderte, wie hoch das Fachwissen der alte Frau ist, dazu mit allem nötigen Zutaten ausgestattet war. Ein kleines Messer blitzte in ihrer Hand auf. Gab Redmon ein Zeichen den Jungen gut festzuhalten. Ein kurzer schneller Schnitt, Eiter und Blut drang aus der Wunde herfuhr. Sie säuberte diese sorgfältig. Jetzt kamen die Blutegel zum Einsatz, sobald diese auf der Haut saßen, beißen sie sich fest. Saugen ausgehungert sich mit Blut voll. Esther lauscht dem regelmäßigen Atemzügen des Jungen, konnte sich nun einen Moment ausruhen. Als sie den verwunderten Blick von Redmon sah, knurrte sie: „ Der Egel fällt von alleine ab, wenn er vollgesaugt ist.“ Über dem Feuer hing jetzt ein Kessel mit Tee. Esther zog Redmon am Ärmel, zwinkerte und gab ihm eine Flasche. „ Nur zwei Schluck!“ Redmon kostete und verdrehte die Augen. „ Kräuterschnaps, selbst gemacht, schmeckt gut zu Tee,“ sagte sie lachend.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.01.2023. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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