Klaus Mattes

Der flotte Vierer / 8008

 

Letztes Wochenende saß ich im Nachtbus. So was gibt es jeweils in den Nächten von den Freitagen und Samstagen zum Folgetag. Bringt die Kids zu den Vorstädten. Ohne Aufpreis.

Vor der Abfahrt stand der Bus mit offenen Türen an der zentralen Haltestelle. Draußen wartete eine multikulturelle Jungstruppe. Unterdessen fing ein recht hübscher, allerdings nicht absolut wunderschöner Türke an, die ihm gegenüber, gleich auf dem ersten Sitz nach der hinteren Bustür sitzende Blondine unverschämt offenherzig anzumachen. Ich saß zwei Plätze hinter ihr.


Obwohl der Junge eine zu zwei Dritteln geleerte Cognac-Buddel in der Hand hielt, wirkte er nicht besoffen oder auch nur „gut unterwegs“. Diese jungen Burschen vertragen so einiges. Sein Text war ziemlich altbekannt. Wo sie hin wolle? Und das ganz allein? Sie sehe so magisch gut aus und es sei Wochenende und sie also allein, unfassbar! Zwischendurch kamen ihm Bedenken: „Hast du was gegen Alkohol?“ Soweit ich es mitkriegen konnte, sie war durchweg sehr leise, sagte sie, nein, sie hätte nichts gegen Alkohol. „Ah ja, du bist eben flexibel“, bemerkte er anerkennend. Der nächste Part verlief sotto voce; ich kriegte nichts mit. Dann lachte er auf. „Ah, du bist in jeder Hinsicht flexibel. Du, das gefällt mir.“

Beim Reinkommen hatte er sich gar nicht erst hingesetzt, sondern, mit den Füßen im Gang, sich nur abgestützt am Sitz gegenüber. Jetzt stand er ständig auf, ging einen Schritt vor, fasste sie kurz mal an, ging wieder zurück und sprach von gegenüber. Immer noch ging ich davon aus, dass er kurz vor Abfahrt zu den Kumpels laufen würde, da sie offenbar alle nicht in diesen Bus gehörten, er aber diese schöne Frau hinter der Tür gesehen hatte. Das Mädchen war deutsch, wie gesagt durchweg unhörbar leise, keine einzige Sekunde verunsichert, nicht alkoholisiert. Mag sein, sie hatte sonst etwas eingenommen und der Lacher über die Rundum-Flexibiltät hatte sich darauf bezogen. Ihr blondes Haar war aufwändig korkenzieherisiert; das war wohl teuer.

Die Jungstruppe löste sich auf und zwei kamen in den Bus und setzten sich zwischen das Mädchen und mich. Immer wieder schossen sie bewundernde Blicke auf den Türken ab, der vorgeprescht war.

Mittlerweile hatten sie entdeckt, dass sie alle bis zum Bahnhof fahren müssten, wo die Jungs aussteigen und wohl in die Stadtbahn umsteigen sollten. Bis zum Bahnhof sind es nur noch drei Stationen.

Ich beschreibe die zwei Jungs, die vor mir saßen. Der eine war ein milchkaffeefarbener Mischling mit Afrofrisur. Bisschen pummelig, aber halbwegs hübsch, ein eingeborener Deutscher, kein Migrant. Am stillsten und schüchternsten kam mir der andere vor. Der war auch der Einzige, den ich vom Sehen her schon kannte. In der Warteschlange des Kinocenters war er öfters gestanden und mir als Schönheit und heimlicher Liebling mittlerweile ein Begriff. Auch er ein Türke und in etwa ebenso sorgfältig fürs Ausgehen zurecht gebrezelt wie das Mädchen. Ich hatte immer den Eindruck gehabt, dass ihm ein gewisser Stich in Tuntige eignete. Aber dergleichen bildet man sich schnell ein, wenn einem einer gefällt. Er verhielt sich ausgesprochen zuvorkommend und zurückhaltend dem Mädchen gegenüber, schien ihr mit seinen wenigen Redebeiträgen irgendwie helfen zu wollen, obwohl unverkennbar war, dass sie sich ihrer und ihrer Sache sicherer war als er. Bezeichnenderweise war er der Einzige, der sich immer mal Sorgen machte, dass ein Alter direkt hinter ihnen lauerte und alles mithörte.


Der Bus fuhr los. Draußen die Jungs blieben zurück. Der Türke legte den Arm um sie und sie schien es zu mögen. Er reichte ihr sein Gesöff und sie nippte. Er verkündete, sie würden am Bahnhof dann erst einmal alle aussteigen und klären, wer mit wem wohin weiter. Da wäre sie wohl dabei. Ihre Antwort war für mich nicht erkennbar. Sie sei voll flexibel, hörte ich ihn zum dritten Mal loben, das wäre super. Sie würden guten Sex haben. Ihre Reaktion blieb unmerkbar, ablehnend kam sie mir nicht vor. Der Junge grinste wie ein Honigkuchenpferd. Die Jungs grinsten über den Gang hinüber zu ihm. Er: Was aus seinen Freunden werden solle, müsste geklärt werden. Das wären tolle Jungs. Sie wäre voll flexibel. Vielleicht könne man einen oder zwei da noch mit einbauen. Ganz nach ihrem Dafürhalten. Wieder konnte ich die Reaktion nicht ausmachen.

Aber jetzt musste ich raus. Als ich zur Tür ging, meinten die zwei Jungs, wir wären schon dort und wollten mir folgen. Der Herr der Lage klärte sie auf, das dauere noch etwas.

Es fiel mir schwer, mich von ihnen zu trennen. Es lief eben nett. Ich war flexibel. Meine Wohnung war nahe und ich hatte zu trinken. Ich hatte mir das Mädchen gut angesehen und spürte einen heterosexuellen Flash.

Das macht man als Mann bei flüchtigen Begegnungen mit Passanten doch oft. Man hat nicht viel Zeit, sich alle gründlich zu betrachten, also muss man im blitzschnellen Überblick ausmachen, wer der erotisch Attraktivste ist, dass man wenigstens ihn nicht verpasst hat, wenn sie gleich wieder weg sind. Meine Nummer 1 war der bildhübsche Softe, den ich im Kino mit einer Freundin zusammen gesehen hatte. Am zweitbesten fand ich diesen Aufreißer, etwa 19, schlank, gut aufgelegt, allerdings mit einer Tendenz ins Nassforsche und Ehrgeizige, genau das machte ihn wahrscheinlich zum Ladies' Man. Dann als Dritte dieses Mädchen. Sie kam mir nicht dümmlich vor oder wie eine Schlampe, allerdings kalkulierend, im Grunde kühl und strategisch. Sie war schön und wusste das genau. Zum Schluss noch der Kaffeebraune. Na ja, Mitschwimmer sind bei so Gruppen immer dabei.

Ich denke, das kann nicht sein, dass die gleich zu viert Sex machen. Drei Buben, ein Mädchen. Das ist doch Reuenthal. Jedoch hatte es insgesamt vollkommen echt und nicht gespielt gewirkt. Der Kleine, meine Nummer 1, hatte sich erkundigt: „Wo wohnst du? Kennst du die Soundso?“ Das Mädchen sagte. „Ja, die kenne ich.“

Wo jetzt klar war, dass sie es nicht bei mir in der Stube machen und ich als Herbergsvater mitmischen würde, fühlte ich väterlich mit dem leichtsinnigen Mädchen. „Mein liebes Kind, es kann ja sein, dass du Nettes mit diesem Kerl erlebst. Der sah schon zuverlässig aus. Aber das kann man gar nicht wissen! Du hast genau mitgekriegt, ab Minute Zwei war er nur noch dabei, dich auf Ficken einzunorden! Du hast es dann nicht mehr in der Hand! Du bist vielleicht noch etwas jung für so spontane Dates! Kann mal gut gehen, aber wenn du das öfter machst, wirst du schlimme Sachen erleben.“

Erst da fiel mir auf, wie oft im Leben ich über Sex oder Nicht-Sex mit Leuten, die ich vorher nie getroffen hatte, anhand meines sozusagen untrüglichen Gespürs entschieden hatte.

Und ich war viele Male mit diesen Nachtbussen unterwegs gewesen, weil ich Monats- oder sogar Jahreskarten habe und am Wochenende die Mitternachtsvorstellungen in den Kinos laufen und die meisten Pfandflaschen in der Landschaft verteilt werden und ich in den Park gucke, wo die Schwulen sich treffen. Nie vorher hatte ich ein Date zwischen Angehörigen verschiedener Geschlechter erlebt, das dermaßen schnell festgemacht wurde.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.01.2023. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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