Maria Gebhardt

Tagebuch einer Intensivpflegekraft - Teil 1

Das glaubt einem doch keiner...


Wie oft schon habe ich mir genau Das gedacht, nachdem ich von einem Dienst nach Hause gekommen bin. Als Pflegekraft erlebt man so einiges, aber nirgends liegt Freud und Leid so nah beieinander, wie auf einer Intensivstation. Unzählige Male habe ich Überraschungen erlebt, das Ende mal traurig, mal schön und dazwischen oftmals komplett verrückt.

Ihr müsst wissen, ich bin eine Nachteule. Mir ist es einfach unbegreiflich, wie manche Menschen am Morgen schon lebensfähig sind und noch dazu voller Energie und guter Laune stecken. Ich lebe getreu dem Motto „der frühe Vogel kann mich mal“. Da meine Stationsleitung über diesen Umstand Bescheid weiß, berücksichtigt sie das zu meinem Glück in der Dienstplanung und ich bin vorrangig in der Spät- und Nachtschicht anzutreffen. Vor allem bei letzterer erlebt man die absurdesten Geschichten, an denen ich euch gern teilhaben lassen möchte.

So kam es, dass ich eines Abends auf die Einfahrt des Krankenhauses zusteuerte und bereits erkannte, dass mich kein ruhiger Dienst erwarten wird. Woher ich das wusste? Nun ja, genau über der Pforte am Haupteingang liegt meine Station und in drei Zimmern brannte noch Flutlicht, wo sonst bereits alles dunkel sein sollte, mit Ausnahme der Lichtsignale, die der ein oder andere Monitor gelegentlich von sich gibt. Man könnte also sagen Licht am Abend bringt in den wenigsten Fällen etwas Gutes mit sich.
Das Bild, was sich von unten vor meinem inneren Auge abzeichnete, bestätigte sich, als ich meine Station betrat. Meine Kollegen flitzen zwischen den Zimmern hin und her und riefen sich und den Ärzten Informationen kreuz und quer über den Flur zu. Für Außenstehende würde es unter Garantie nach völligem Chaos aussehen, aber ich versichere euch, es ist das genaue Gegenteil. Stellt euch die Besetzung wie eine Fußballmannschaft vor. Da gibt es die Trainer, die den Spielern sagen, was sie machen sollen. Diese Position übernehmen in erster Linie unsere Ärzte. Als nächstes folgt der Kapitän, in unserem Fall ist das die Schichtleitung, eine erfahrene Pflegekraft, die meist schon alles gesehen und miterlebt hat. Sie behält das Gewusel im Auge und achtet darauf, dass jeder auf seiner Position bleibt. Natürlich darf die Verteidigung nicht fehlen, ohne die die restliche Station nicht abgesichert wäre. Brennt es mal an mehreren Ecken gleichzeitig, versorgen diese Pflegekräfte derweil die anderen Patienten und behalten sie im Auge. Die Stürmer, worunter ich mich auch zähle, sind ganz vorne mit dabei und assistieren direkt am Patienten, also ziehen Medikamente auf, unterstützen bei der Intubation oder der Herzdruckmassage, je nach dem was gerade nötig ist.

Meine Kollegen des Nachtdienstes, die mittlerweile ebenfalls eingetroffen sind und ich, stellen fix unsere Sachen ab und stürzen uns mit ins Getümmel, um dem Spätdienst unter die Arme zu greifen. Viele Hände, schnelles Ende und im Anschluss eine hoffentlich ruhige Schicht. Die Schichtleitung gab uns einen kurzen Überblick, in Zimmer 1 lief eine Reanimation, in Zimmer 2 und 3 jeweils eine Neuaufnahme. Da bei der Wiederbelebung ausreichend Helfer vorhanden waren, unterstützten wir die anderen bei den Neuankömmlingen. Nach einer halben Stunde entspannte sich die Lage, die Aufnahmen waren versorgt und die Reanimation ging gut aus, der Patient war zwar in einem sehr kritischen, aber vorerst stabilem Zustand, sodass nun endlich die Übergabe des Spätdienstes an den Nachtdient erfolgen konnte.
Ich hatte das Vergnügen, Zimmer 7 und 8 zu betreuen mit Patienten, die sich dem Ende ihres intensivpflichtigen Aufenthaltes näherten, wobei mir meine Kollegin jedoch berichtete, dass die zwei älteren Damen (nennen wir sie Adelheit und Hildegard) in Zimmer 7 die letzten Nächte phasenweise delirante Zustände hatten. Nun gut, damit würde ich schon zu Recht kommen, ich habe tatsächlich ein Händchen und viel Geduld für solche Patienten. Spoiler, Adelheit und Hildegard hatten es sich für diese Nacht zur Aufgabe gemacht, meine Geduld ernsthaft auf die Probe zu stellen.

Nach dem alles übergeben war und der Spätdienst seinen wohlverdienten Feierabend entgegentrat oder vielmehr flüchtete, nahmen ich und meine Kollegen einen Schluck Kaffee und machten uns an die Arbeit. In Zimmer 8 hatte ich nicht wirklich etwas zu tun und auch in Zimmer 7 herrschte vorerst eine trügerische Ruhe, sodass ich dem übrigen Team bei ihrer Routine helfen konnte. Gerade als ich dachte, ich könne mich an die Dokumentation setzen, hörte ich, wie Hildegard Adelheit dazu anstiftete zu klingeln. „Hey, du da“ rief sie ihrer Bettnachbarin zu „ruf mal die Schwester, die freut sich, wenn du klingelst“. Als Adelheit kurz darauf lauthals „Ding Dong“ schrie, konnte ich mir ein Lachen nicht verkneifen, folgte aber ihrem Ruf. Im Zimmer angekommen schaute mich eine verblüffte Adelheit an und eine fröhlich im Bett sitzende Hildegard winkte mich mit einem langen „Psssssssst“ zu sich herüber. „Die da drüben“ versuchte sie mir zuzuflüstern und deutete auf eine inzwischen skeptisch dreinschauende Adelheit „die klingelt immer und lässt mich nicht schlafen“, beendete sie ihren Satz. Sofort verteidigte sich die Beschuldigte mit den Worten „du Hexe stiftest mich an“. Oha, ich war jetzt also Streitschlichter und versuchte beide davon abzuhalten, sich in einem Wortgefecht, was sie sich nun lieferten daran zu hindern, sich an die Gurgel zu springen.

Dieses Schauspiel wiederholte sich in der nächsten Stunde volle fünf Mal und ich hatte alle Mühe, bei Nummer sechs, als tatsächlich die richtige Klingel in besagten Zimmer nach mir rief, nicht die Augen zu verdrehen und laut zu stöhnen, während meine Kollegen hinter mir kicherten. Diesmal erwartete mich jedoch ein anderes Bild. Hildegard stand am Fußende ihres Bettes, hatte sich in ihre Kabel eingewickelt und ihr Blasenkatheter war bis aufs äußerste gespannt. Aua, das muss doch weh tun, denke ich mir. „Wohin des Weges?“ frage ich die alte Dame, die mich perplex anschaute und fragte, was um alles in der Welt ich in ihrem Wohnzimmer mache und erklärte mir, dass sie zum Bus muss. Ich steckte meinen Kopf wieder aus der Tür und bat eine Kollegin um Hilfe, um Hildegard wieder ins Bett zu führen. Nach dem wir der guten Frau versichert haben, dass sie noch Zeit hat, bis ihr Bus kommt, ließ sie sich freudestrahlend wieder ins Bett legen, froh darüber ihre Fahrgelegenheit nicht verpasst zu haben. Alles wieder geordnet und gerichtet, habe ich mich mit dem Versprechen verabschiedet, sie rechtzeitig zu wecken. Gerade wollte ich die Tür hinter mir schließen, als Adelheit hinter mir herrief „Schwester, Schieber“. Herrje, zwei gegen einen ist wirklich nicht fair.
So ging es die halbe Nacht, war Hildegard gerade ruhig, sorgte Adelheit dafür, dass mir nicht langweilig wurde und umgedreht. Langsam, aber sicher fiel es mir schwer, dieses Zimmer lächelnd zu betreten. Irgendwann, es muss so zwischen 03:00 und 04:00 Uhr morgens gewesen sein, schliefen beide ein und ich atmete erleichtert auf. Nun aber wirklich an die Dokumentation, ich hatte nicht vor, alles auf den letzten Drücker zu erledigen. Glücklich vor mich hin tippend und darin versunken schrak ich auf, als lautstark ein vitaler Alarm an der Zentrale schrillte. Alle Augen schnellten zum Ursprung und keine Sekunde später stürmten wir in Zimmer 1. Der Patient, der zu Dienstbeginn reanimiert werden musste, hatte einen erneuten Herzstillstand. Wir begannen sofort mit der Herzdruckmassage, riefen unseren Dienstarzt und funktionierten wie ein gut geöltes Uhrwerk. Jeder kannte seine Aufgabe, nur ist es im Nachtdienst so, dass die Besetzung deutlich geringer ausfällt als in der Früh-, oder Spätschicht, sodass wir nur einen ‚Verteidiger‘ für die restlichen, wenn auch hauptsächlich schlafenden und stabilen Patienten hatten. Wir kämpften fast eine Stunde um das Leben des Mannes und gewannen erneut. Erschöpft, aber froh verließen wir meine Kollegin, die fortan im Zimmer blieb, um ihren Patienten nicht mehr aus den Augen zu lassen.

Mein erster Blick galt der Zentrale, als ich mit Schrecken feststellen musste, dass Hildegard nicht mehr am Monitor angezeigt wurde. Was hatte die gute Dame jetzt wieder angestellt? Schnellen Schrittes ging ich los, um nachzusehen, als mir eine Blutspur auf dem Boden auffiel. Na nu, wo kommt die denn plötzlich her? Ein ungutes Gefühl beschlich mich, dass ich Hildegard nicht mehr im Zimmer auffinden würde und tatsächlich, als ich die Tür öffnete, war sie verschwunden, hatte jedoch ihren Blasenkatheter und alle weiteren Zugänge an ihrem Bettplatz zurückgelassen. „Ach nicht doch!“ schimpfte ich vor mich hin und rief mir erneut eine Kollegin zur Hilfe, um die abtrünnige ältere Dame zu suchen. Wir fühlten uns wie bei Hänsel und Gretel, nur dass wir keinen Brotkrumen folgten, sondern eine Blutspur, die Hildegard auf ihrer Flucht hinterlassen hatte.
Vor Zimmer 2 schien diese zu enden und wir öffneten vorsichtig die Tür und machten ein kleines, aber ausreichendes Licht an. Auf dem ersten Blick war nichts zu sehen und meine Kollegin und ich schauten und verwundert an, als aus der hintersten Ecke ein „Hallo?“ kam. In Ordnung, wir brauchten scheinbar doch mehr Licht als vermutet und als der Raum vollständig ausgeleuchtet war, entdeckten wir Hildegard. Sie saß in der Ecke unter dem Tower, wo all unsere Spritzenpumpen und Infusomaten befestigt waren und wollte partout nicht mehr hervorkommen. Sie weigerte sich einfach und blieb stur in ihrer scheinbar gemütlichen Ecke sitzen. Was sie dort wollte, konnte sie uns nicht sagen, sie wisse es nicht, dafür aber sehr wohl, dass wir aus IHREM Zimmer verschwinden sollen und zögerte nicht, uns das kundzutun.
Das darf nicht wahr sein. Ehrlich, darauf hatte ich jetzt gar keine Lust. Nicht das ich auf sowas jemals Lust hätte, aber besonders im Augenblick nicht. Ich war müde und ich war kaputt und sehnte mich nur noch nach meinem Bett. Inzwischen hatten sich auch noch andere Kollegen zu uns gesellt und wir waren uns nicht sicher, ob wir lachen oder weinen sollten. Keiner von uns wollte mit Hildegard kämpfen, ebenso wenig wie die Dame sich ergeben und ihr Versteck verlassen wollte. Wir waren uns einig, dass die gute Frau wieder in ihr Bett gehörte, auch wenn sie scheinbar aufgehört hatte aus den nicht mehr vorhandenen Zugängen zu bluten, war das definitiv nicht der richtige Ort für sie.
Kurzerhand fasste sich unsere Schichtleitung ein Herz, packte die Beine von Hildegard und zog sie unter dem Tower hervor, während meine liebe Patientin einen lautstarken Protest von sich gab und um Hilfe schrie, was wiederum unseren Dienstarzt auf den Plan rief, der seinen Augen ebenso wenig wie wir trauen konnte, bei dem Bild was sich bot. Ein wie ein Kleinkind auf dem Boden strampelnde und meckernde Hildegard, eine resolut dreinblickende Schwester Rabiata, deren Geduld am seidenen Faden hing und drei weitere Pflegekräfte, deren Kinnladen auf dem Boden hingen und die ihre Köpfe schüttelten. Unser Dienstarzt schaute uns trotz der Situation amüsiert an und drehte sich zum Gehen um während er murmelte „eine typische Nacht auf Intensivstation“. Nach diesem Abgang ging es nicht anders, wir fingen an zu lachen, weil es niemand von uns hätte treffender ausdrücken können und ich dachte mir wie so oft „das glaubt einem doch keiner“!



© Maria Gebhardt

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.01.2023. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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