Lena Kelm

Abgeschlossenes Kapitel

Und wir gingen, warteten in der Dunkelheit und Kälte mindestens dreißig Minuten auf den Bus. Einen Fahrplan gab es nicht. Meine Blumen froren, mich fröstelte es. Weniger wegen der zweistelligen Minusgrade als wegen Annas rücksichtslosem Benehmen. Wir redeten kaum, mein Hals schien zubetoniert zu sein. Anna entschuldigte sich nicht. Sie gab zu verstehen, dass sie über die Unaufmerksamkeit ihrer Teilnehmer sauer war. Also war sie neidisch und gönnte mir nicht die Freude. Ich versuchte mir vorzustellen, wie es in Annas Inneren aussah. Man konnte nicht so viel Eiswasser in den Adern zu fließen haben. Ich stellte mir ein Gewirr von Eiszapfen vor. Einige versuchten zu tauen, erfroren sofort wieder. Die Wärme drang nicht durch. Ihr dreistes, rücksichtsloses Verhalten überstieg meine Toleranzgrenze. Diese Beziehung, in der ich mich wie ein Putzlappen fühlte, verlor restlos jeglichen Wert für mich.
Wir arbeiteten noch einige Monate zusammen. Anna redete vom Leben in Deutschland mit mir in einer Stadt. Sie merkte in ihrem Egoismus nicht, dass ich schwieg. Dann erkrankte ich, sah Anna ein paar Wochen nicht. In der Zeit besorgte sich Anna in Moskau ihre Tickets, in einem Monat reiste sie mit den Eltern aus. Sie rief mich an, informierte mich, ich sollte nachkommen an den Ort, in dem sie sich niederlässt. Anna hatte wieder einmal über mich bestimmt. Sie gehörte zu den Menschen, die der Mittelpunkt des Universums sind. Die anderen um sie sind Objekte, die sich um sie drehen. In mir fand sie so ein Objekt, das sie besitzen wollte. Ich wollte entschieden nicht länger das Opfer sein. Und ich hörte auf, Selbstgespräche zu führen. Ich hatte nicht vor, mir weitere seelische Schmerzen hinzufügen, die vermeidbar sind. Durch die grausame Ehe und grauenhafte Scheidung habe ich gelernt, es gibt vermeidbare seelische Schmerzen. Das Leben hat mir eben diese Weisheit beigebracht.

Anna rief mich noch einmal an, als sie eine Abschiedsparty organisierte. Ich ging nicht hin. Wäre ich hingegangen, hätte ich es vielleicht nicht geschafft, dieses Kapitel meines Lebens abzuschließen. Ich hoffe, auch Anna hat begriffen, nichts ist von Dauer, und hat losgelassen, wie ich.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.01.2023. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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