Maria Gebhardt

Tagebuch einer Intensivpflegekraft - Teil 2

Das ging mitten ins Herz…

Ich denke jeder von euch kennt sie, die Momente, die einen mitten ins Herz treffen und an die man sich auch noch Jahre später erinnert, als wären sie gestern gewesen. Bei meiner täglichen Arbeit auf Intensivstation erlebe ich so etwas häufiger, aber eine Geschichte hat sich so in mich eingebrannt, dass mir jedes Mal aufs Neue die Tränen in die Augen schießen, wenn ich daran zurückdenke.

Es war Samstag und ich war gerade dabei, meinen Spätdienst anzutreten. Glaubt mir, ich gehe gern auf Arbeit, aber an diesem Tag hätte ich lieber an einem See gelegen. Es war Hochsommer und draußen stolze 35°Celsius. Sehnsüchtig schaute ich nach draußen, während meine Kollegin mir berichtete, was im Frühdienst so vor sich ging. Zum Schluss erzählte sie mir noch von einem Zugang der gerade erst eingetroffen war und aktuell von den Ärzten aufgenommen wurde. Ich erhielt ein paar Eckdaten zu der Dame, die an einer schweren Krebserkrankung litt und nun wegen Bluterbrechen und einem damit verbunden Abfall des Hämoglobins zu uns verlegt wurde. Meine Kollegin endete mit den Worten, dass ihr Mann noch zu Besuch kommen würde, aber nichts von der Grunderkrankung seiner Frau wisse. Meine Alarmglocken läuteten. Achtung, hier war Vorsicht geboten.

Als erstes schaute ich zur eben besagten Patienten, zum einen weil ich wissen wollte, ob die Ärzte Hilfe benötigten oder ich schon etwas an Anordnungen abarbeiten konnte, zum anderen wollte ich mir ein Bild von der Frau machen. Wie war ihr Zustand? Konnte ich ihr etwas Gutes tun? Solche Sachen.

Im Zimmer angekommen waren weit und breit keine Ärzte mehr zu sehen, also begrüßte ich Frau Schneider freundlich und fragte sie, ob sie Wünsche oder Fragen hätte. Sie war eine auf dem ersten Blick sympathische Patientin Ende sechzig, die mich anlächelte, obwohl man genau sehen konnte, dass es ihr alles andere als gut ging. In Ordnung, sie ist also eine von den Persönlichkeiten, die niemanden zur Last fallen wollte und sich auch dann nicht melden würde, wenn es wirklich brennt.

Im Laufe der Zeit macht man mit vielen unterschiedlichen Charakterformen Bekanntschaft. Grob lässt sich aber sagen, dass es zwei Extreme von Patienten gibt. Auf der einen Seite sind diejenigen, die bei ihrer Ankunft im Krankenhaus denken, sie haben in einem All inclusive Hotel eingecheckt und verwechseln die Notfallklingel mit einer Serviceklingel. Ihre Selbständigkeit haben sie an der Anmeldung spontan abgegeben und holen sie auch erst bei der Entlassung wieder ab. Versteht mich nicht falsch, natürlich versucht man den Bedürfnissen eines jeden Einzelnen so gut es geht gerecht zu werden, aber es gibt Grenzen. Pflegekräfte sind keine persönlichen Buttler, wir sind NICHT dafür da Fenster zu öffnen und zu schließen, mehrmals täglich die Betten frisch herzurichten oder das Essen mundgerecht zu zubereiten, sofern derjenige noch selbst dazu in der Lage ist. Unsere Aufgabe ist es, die Selbstversorgungsfähigkeit eines Menschen so gut es geht wiederherzustellen. Leider stößt dieser Umstand oftmals auf Unverständnis und die betreffenden Personen werden ungehalten, wenn man ihnen erklärt, dass sie durchaus dazu in der Lage sind ein Messer und eine Gabel in die Hand zu nehmen. In solchen Momenten heißt es tief durchatmen, freundlich bleiben und sich seinen Teil denken.

Das andere sind Menschen, denen es wirklich schlecht geht, die aber alles daran legen, es sich nicht anmerken zu lassen. Nur keine Umstände oder Arbeit bereiten, Pflegekräfte haben viel um die Ohren und sollten nicht noch zusätzlich mit den persönlichen Wehwehchen belastet werden. Diese Patienten wissen prinzipiell zwar, wie eine Klingel in der Theorie funktioniert, würden diese aber niemals nutzen. Lieber setzen sie ihr Wohlbefinden und ihre Gesundheit aufs Spiel. Nach einem Schmerzmittel nach einer Operation fragen? Undenkbar. Schließlich gibt es genug, denen es ja noch viel schlechter geht. In Notaufnahmen ertragen sie die mögliche Wartezeit ohne einen Mucks von sich zu geben. Selbst mit dem Kopf unter dem Arm, würden sie noch ruhig Platz nehmen und warten, bis sie an der Reihe sind. Diese stillen Personen sind solche, auf die man wirklich ein Auge werfen muss, um zu erkennen, ob und was sie benötigen, damit sie zwischen all den „Notfällen“ nicht untergehen.

Zu eben dieser Gruppe gehörte auch Frau Schneider. Auf meine Frage nach etwaigen Wünschen, winkte sie ab. „Nein Liebes, vielen Dank. Ihr kümmert euch so lieb um mich, da will ich euch nicht noch mehr Arbeit machen“ Ich mochte die Dame augenblicklich. Nicht, weil sie mich nicht mit unnötigen Anliegen ärgern würde, sondern weil man unschwer erkannte, dass sie ein herzliches Wesen besaß. Umso mehr bedauerte ich, was ich auf Anhieb sah. Es ist tatsächlich ein Phänomen, aber sowohl Ärzte als auch Pflegekräfte sehen sofort, wenn ein Mensch im Sterben liegt. Ich kann euch nicht genau sagen, woran es liegt, aber es entspricht der Tatsache. Ich ließ mir nichts anmerken, aber es war genau das, was ich bei Frau Schneider sah. Sie würde sterben und das nicht erst in einem Jahr, sondern bald und ihr Mann hatte keine Ahnung.

Nachdem ich mich eine Zeit lang mit ihr unterhalten hatte und sie mir nach langem Nachbohren schlussendlich verraten hatte, dass sie an Schmerzen und Übelkeit litt, suchte ich meine Dienstärztin auf, um der freundlichen Dame etwas Linderung zu verschaffen. Mir war zwar klar, was ich ihr hätte verabreichen können, aber ohne eine -zumindest mündliche-Anordnung ging es nicht. Als ich im Arztzimmer eine meiner Lieblingsärztinnen sah, schlug ich innerlich Purzelbäume. Luisa war der Inbegriff an Kompetenz, gepaart mit Freundlichkeit und Empathie. Ich liebte es mit ihr zusammenzuarbeiten, weil es wirklich ein Hand in Hand war, geprägt von gegenseitiger Wertschätzung, was leider nicht immer selbstverständlich ist.

Nach dem ich mir den Segen über die Medikamente abgeholt hatte, welche Frau Schneider helfen sollten, fragte ich Luisa nach ihrer Einschätzung. Sie deckte sich mit meiner, sie sah es auch. Sie sagte mir, dass sie nochmal mit ihr reden wolle, sowohl über ihren Zustand, der nicht mehr viel Spielraum ließ, als auch darüber, ihrem Mann reinen Wein einzuschenken. Meine Ärztin tat mir leid, ich kann mir nur vorstellen wie es sein muss, solche Gespräche zu führen.

Die liebenswerte Dame ließ sich überzeugen, mit ihrem Mann im Beisein von Luisa zu sprechen, wenn dieser zu Besuch kam. Als Herr Schneider auf Station eintraf, hatte sich der Zustand von seiner Frau bereits deutlich verschlechtert, sie erbrach noch mehrfach Blut und wurde zusehends schwächer. Sie erhielt zwar zwei Transfusionen, aber das zögerte das unvermeidliche lediglich heraus und mir wurde schwer ums Herz. In Absprache mit meiner Schichtleitung sorgte ich dafür, dass die Bettnachbarin von Frau Schneider in ein anderes Zimmer verlegt wurde, damit erstere Ruhe hatte und zweitere nicht soviel mitbekam.

Nachdem das Ehepaar zusammen mit Luisa ein langes, ausführliches Gespräch geführt hatten in denen alle Möglichkeiten und Interventionen verständlich erklärt wurden, haben sich beide dazu entschieden, keine weitere Therapie zu fordern. Sie wünschten sich eine gute Schmerztherapie, mehr nicht. Herr Schneider blieb bei seiner Frau am Bett und hielt ihre Hand, die ganze Zeit. Es ging mir an die Nieren die beiden zu sehen und ich versuchte mein Möglichstes, es ihnen so angenehm wie möglich zu machen und ihnen zeitgleich so viel Raum wie möglich für ihre letzte gemeinsame Zeit zu geben.

Mir war elendig zu Mute. Natürlich kannte ich die beiden kaum, sie waren im Grunde Fremde für mich und dennoch litt ich mit. Zeitgleich war ich aber auch beeindruckt von ihrer Liebe zueinander und besonders von der Stärke von Herrn Schneider. Er kam nichtsahnend zu Besuch. Er rechnete nicht damit, dass es seiner Frau so schlecht gehen würde, dennoch war er nicht wütend, dass sie es ihm so lange verschwiegen hatte. Im Gegenteil, er unterstütze sie, ließ sie reden und hörte geduldig zu, lachte und weinte mit ihr, hielt ihre Hand und befeuchtete ihre Lippen, wenn sie darum bat. Innerlich verneigte ich mich vor ihm. Ich bezweifle, dass ich in einer derartigen Situation so viel Kraft hätte aufbringen können.

Am frühen Abend verstarb Frau Schneider in Anwesenheit ihres Mannes und mir. Wir hielten beide ihre Hand, als sie ihren letzten Atemzug tätigte. Ein tiefes Mitgefühl ergriff mich und ich kämpfte mit den Tränen. Als ich an diesem Tag auf Arbeit gefahren bin, hätte ich nicht mit so einem Ende gerechnet. Was sagt man in diesem Augenblick, wenn ein Angehöriger einen geliebten Menschen verloren hat? Sagt man überhaupt etwas? Natürlich gibt es diese Floskeln, die jeder kennt: Mein aufrichtiges Beileid. Aber es bleiben Worte, nichts anderes. Ich entschloss mich, nichts zu sagen, stattdessen machte ich etwas, was ich sonst nicht mache. Ich ging zu Herrn Schneider und drückte ihn. Ich hatte in dem Moment das Gefühl, dass diese Geste mehr sagen würde als Worte es könnten und er erwiderte meine Umarmung.

Ich packte die Sachen von Frau Schneider, protokollierte alles und übergab sie ihrem Mann. Ein Nachbar würde ihn abholen, Kinder waren diesem netten Ehepaar nicht vergönnt. Mit den Habseligkeiten in der Hand begleitete ich ihn nach unten in Richtung Ausgang. Es widerstrebte mir ihn allein gehen zu lassen. Auf dem Weg sah er mich an und sagte: Wissen sie Schwester, mein ganzes Leben lang gab es nur mich und meine Frau. Alles in unserer Wohnung erinnert mich an sie. Ich weiß nicht, wie ich das allein schaffen soll, so ganz ohne sie.“ Seine Worte berührten mich tief. Ich kann gar nicht beschreiben, wie viele Gedanken in diesem Augenblick durch meinen Kopf schwirrten.

Draußen angekommen begleitete ich ihn noch zu einer Bank, an der er auf seinen Nachbarn wartete. Ich verabschiedete mich und wünschte ihm viel Kraft für die nächste Zeit. An der Pforte bat ich die Mitarbeiterin der Rezeption, ein Auge auf Herr Schneider zu haben und sie nickte mir zu. Wieder oben auf Station angekommen ging ich nach hinten und schaute noch einmal nach unten und sah, wie der ältere Herr mit gesenkten Kopf und gebeugter Haltung auf der Bank saß. Erneut musste ich mit den Tränen kämpfen. Es war ein Bild, was sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt hat und mir mitten ins Herz ging.

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Maria Gebhardt).
Der Beitrag wurde von Maria Gebhardt auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.01.2023. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Die Autorin:

  • Autorensteckbrief
  • mia_gebhartweb.de (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)

  Maria Gebhardt als Lieblingsautorin markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Knuddelbuddelbuntes Kinderland: Festeinband für das Vor- und Erstlesealter von Edeltrud Wisser



Ein Kinderland ist erlebnisreich, bunt und verlockend.
Diese Vielfalt ist in Form von Reimgedichten beschrieben.
Festeinband für das Vor- und Erstlesealter, mit farb. Abb. und Ausmalbildern
Ein Teil des Erlöses aus dem Buchverkauf fließt der Stiftung Fly&Help zu.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Wahre Geschichten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Maria Gebhardt

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Tagebuch einer Intensivpflegekraft - Teil 3 von Maria Gebhardt (Wahre Geschichten)
Eine Reise ins Ungewisse von Karl-Heinz Fricke (Wahre Geschichten)
Komische Zahlen von Norbert Wittke (Glossen)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen