Maria Gebhardt

Tagebuch einer Intensivpflegekraft - Teil 3

Auszubildende sind unsere Zukunft…

Ich liebe die Arbeit mit den Auszubildenden und freue mich immer, wenn neue Schüler ihren Einsatz auf Station haben und ich sie auf ihrem Weg ein Stück weit begleiten kann. Ich selbst hatte das Glück in meiner Ausbildung von wunderbaren Praxisanleitern unterstützt worden zu sein und möchte, dass es der zukünftigen Generation von Pflegekräften genauso geht. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie wichtig es ist, an eine Schwester oder einen Pfleger zu geraten, der nicht genervt ist, dass er nun einen Schüler an der Backe hat, sondern sich darauf konzentriert, mögliche Ängste und Sorgen abzubauen und sein Wissen verständlich weiterzugeben.

Während der Ausbildung durchläuft man unzählige Fachbereiche, was im Hinblick auf die Kompetenzen und die persönliche Entwicklung unwahrscheinlich wichtig ist. Unser „Nachwuchs“ ist schlussendlich nur so gut, wie wir ihn ausbilden.

Nach jedem Theorieblock folgt eine gewisse Zeit in der Praxis, um das erlernte anzuwenden und zu festigen. Da man nur selten eine Station mehrfach durchläuft, müssen sich die Auszubildenden immer wieder in neue Teams integrieren und jede Station beziehungsweise jeder Fachbereich hat seine eigenen Vorstellungen und Anforderungen an die Schüler, welche sie zu erfüllen haben. Dieser Umstand kann furchterregend sein. Ich denke jeder von uns kennt es, wenn man irgendwo neu anfängt und nicht weiß, was einen erwartet. Nervosität lässt grüßen.

So geht es Auszubildenden stets und ständig. Geraten sie nun gleich an Schwester Rabiata, die weder Lust auf die Störenfriede hat noch gewillt ist, ihnen etwas beizubringen wird’s problematisch. Es ist keine Seltenheit, dass Schüler dann schnell zu Putzkräften werden, die drei Jahre kaum etwas anderes machen, als Wäschewagen aufzufüllen, den Desinfektionslappen zu schwingen und Spül-, und Lagerräume aufzuräumen. Das ist nicht Sinn und Zweck der Sache, noch dazu wird am Ende der Ausbildung vorausgesetzt, dass sie auf einmal ihr Handwerk perfekt beherrschen. Ich sage nicht, dass solche Aufgaben nicht auch dazu gehören, Lehrjahre sind bekanntlich keine Herrenjahre, aber nicht über die gesamte Dauer.

Leider erlebe ich es sehr oft, dass die Schüler, die im dritten Lehrjahr zu uns auf Station kommen nur wenige Kenntnisse über grundlegende Dinge haben. Wie sie Infusionen vorbereiten, Medikamente richten oder bei diversen ärztlichen Maßnahmen assistieren, wissen sie nicht. Woher auch, wenn sie zuvor dauerhaft all die unliebsamen Aufgaben erledigen, für die sich andere, ausgelernte Pflegekräfte zu fein sind. „Uns ging es früher auch nicht anders, wir haben die Bettpfannen noch mit Zahnbürsten sauber machen müssen“ ist die gängige Antwort darauf und gleichzeitig eine unterschwellige Andeutung, wie gut es doch die heutigen Schüler haben. Ja klar, früher hatten wir aber auch noch einen Kaiser…

Was mache ich also? Anstatt ihnen die Komplexität und wundervolle Arbeit auf einer Intensivstation zeigen und beibringen zu können, fange ich im Urschleim an und gehe mit ihnen jene Sachen durch, die sie eigentlich schon längst beherrschen müssten. Dabei frage ich die Zusammenhänge ab, damit sie auch verstehen, warum sie etwas tun und bete innerlich, dass etwas davon hängen bleibt. Es ist teilweise wirklich frustrierend und zum Haare raufen. Die Frage, die sich mir dann jedes Mal aufs Neue aufdrängt ist: Warum? Bis heute habe ich keine plausible Antwort darauf gefunden.

Ich würde euch gerne rückblickend eine aus heutiger Sicht lustige Geschichten erzählen, was passiert, wenn man Auszubildende nicht an die Hand nimmt.

Bevor ich begonnen habe auf Intensivstation zu arbeiten, war ich auf einer kardiologischen Station eingesetzt. Diese Kardiologie hatte 36 Betten und das Patientenklientel bestand hauptsächlich aus Menschen die jenseits der 70 Jahre waren. Ich hatte mit Schwester Gerlinde und Lena, einer Schülerin des ersten Lehrjahres, zusammen Spätdienst. 
Nach dem Abendbrot war es üblich, eine Pflegerunde zu drehen. Hier versorgten wir nochmal alle Patienten, leerten die Katheterbeutel aus und unterstützen die älteren Damen und Herren dabei sich fürs Bett frisch zu machen und in ihre Schlafsachen zu schlüpfen. Meine Kollegin war bereits bei der Hälfte, als ich zu ihr stieß, da ich zuvor noch über der leidigen Dokumentation saß. Als ich sie fragte, wo unsere Azubine ist, verdrehte Gerlinde die Augen und sagte: "Ach die. Die habe ich vor dicke einer halben Stunde losgeschickt, schon mal alle Prothesen zu entfernen und sauber zu machen, uns kann sie doch eh nicht helfen.“

War das ihr Ernst? Wo war das Problem, dass sie mit uns zusammen durchging und wir ihr hierbei gleich ein paar Kleinigkeiten zeigten und sie machen ließen, damit sie mit einem positiven Gefühl in den Feierabend geht. Innerlich schüttelte ich meine Kollegin und fragte sie missmutig, wo Lena denn gerade wäre, damit ich sie holen und mit ihr weitergehen konnte. Ich hatte vor Gerlinde zu ‚entlasten‘, damit unsere Auszubildende heute wenigstens noch etwas von ihrem eigentlich Job erledigen durfte. „Was weiß denn ich, die sitzt bestimmt faul im Pausenraum und fragt nicht mal, ob wir noch Hilfe brauchen“

AAAAAAAAAAHHHHHHHHHHHH!!!!!!Erst ist sie der Meinung, dass Lena uns sowieso nicht helfen kann, gibt ihr eine in meinen Augen sinnlose Aufgabe und dann beschwert sie sich, dass sie nicht nach Hilfe fragt! Das war nun wirklich genug, ich teilte meiner Kollegin mit, dass sie dort nicht sein kann, weil ich eben daran vorbeigelaufen bin, aber niemanden gesehen habe. Das nahm Gerlinde zum Anlass Lenas Namen zu brüllen in einem Ton, der dem eines Feldwebels in nichts nachstand.

Prompt öffnete sich die Tür eines Spülraums und Lena stand mit ängstlichem Blick Spalier. „Da hast du sie, ich gehe Kaffee kochen“ hörte ich meine Kollegin noch sagen, während sie schon auf halber Strecke in Richtung Aufenthaltsraum unterwegs war. Ich hatte das Bedürfnis, sie zu erschießen. Also Gerlinde, nicht Lena. Einmal tief durchgeatmet ging ich mit freundlicher Miene auf Lena zu, die mit jedem Schritt, den ich näherkam, nervöser wirkte. Okay, das war komisch. Ich hatte eigentlich gehofft, dass sie sich entspannen würde, wenn ich Gerlinde ablöste. „Alles in Ordnung?“ fragte ich sie, als ich bei ihr angekommen war. „Schwester Maria, mir ist da etwas passiert“ antwortete sie mir kleinlaut. Nun war ich es, die nervös wurde. Was hatte Lena angestellt, dass sie so reagierte? Als ich um die Ecke in den Spülraum lugte, wusste ich, wo das Problem lag, wollte aber meinen Augen nicht trauen.

Auf der Arbeitsfläche stand eine Waschschüssel und darin befanden sich ungefähr 15 Prothesen in Wasser eingelegt. Mir fiel alles aus dem Gesicht und ich schaute mehrfach zwischen der Schüssel und Lena hin und her. Völlig perplex schloss ich sicherheitshalber die Tür, bevor noch Rabiata das Unheil sah, auch wenn es nicht den Anschein erweckte, dass sie vor Dienstende den Pausenraum nochmal verlassen würde. „Bitte sag mir, dass du weißt, welche Prothese zu welchem Patienten gehört“ fragte ich sie. Lena schaute bedröppelt auf den Boden. Sie wusste es also nicht. Um Himmels Willen, das würde jetzt definitiv keinen Spaß machen. „Ich habe nicht nachgedacht, es tut mir leid. Ich dachte so geht’s schneller“ versuchte sie sich zu erklären und zu entschuldigen. Sie stand da wie ein begossener Pudel. Nachgedacht hatte sie tatsächlich nicht, wobei sie wenn man es genau betrachtete genau das gemacht hat, was Gerlinde ihr aufgetragen hatte. ALLE Prothesen zu entfernen und zu reinigen. Dennoch fühlte es sich für mich wie ein schlechter Scherz an. Wie kommt man denn auf so eine Idee? Nun gut, ein Plan musste her, der Schwester Rabiata auf keinen Fall beinhalten durfte, ansonsten hätte Lena gleich keinen Kopf mehr.

Was machten wir also? Wir gingen mit der zweckentfremdeten Schüssel samt Inhalt von Zimmer zu Zimmer und fragten, ob jemand seine Prothese wieder erkannte. Bei einigen hatten wir Glück, bei anderen nicht. Dort blieb uns nichts anderes übrig, als zu probieren. Passte die Zahnprothese, prima, wenn nicht, wurde desinfiziert und es folgte ein erneuter Versuch. Nach über einer Stunde hatte jede Prothese seinen rechtmäßigen Besitzer wiedergefunden. Unsere Patienten reagierten zum Glück gelassen über dieses Missgeschick und versprachen Lena und mir niemanden ein Wort davon zu verraten. Heute kann ich herzhaft lachen, wenn ich daran zurückdenke. Damals war ich schon verärgert darüber, dass unsere Auszubildende bei dieser Aktion ihr Gehirn scheinbar auf Standby schaltete. Nichtsdestotrotz konnte ich ihr keinen direkten Vorwurf machen. Sowas passiert eben, wenn man eine Schülerin losschickt, um etwas zu erledigen, ohne sich zu vergewissern, dass es richtig ausgeführt wird. Sie stehen nun mal ganz am Anfang ihrer beruflichen Ausbildung und wissen es manchmal einfach nicht besser. Umso wichtiger ist es, sie entsprechend anzuleiten und erst nach und nach von der Leine zu lassen und in die Selbstständigkeit freizugeben. Nur so werden solche kleineren oder größeren Katastrophen vermieden und eine neue Generation gut ausgebildeter Pflegekräfte steht zur Verfügung, denn Auszubildende sind unsere Zukunft, die wir dringend brauchen!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.01.2023. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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