Lena Kelm

Chinesische Äpfel 2

Ich bekam jeden Morgen die „Vitamin-Bombe“ von Mutter. In den Siebzigern verschwanden die chinesischen Äpfel. Es hieß: Wegen der Verstimmung in den Beziehungen der Länder. Andere Äpfeln kamen in die Supermärkte. Wahrscheinlich aus den südlichen Regionen Kasachstans. Nur im Herbst, für kurze Zeit, gab es sie. Deshalb kaufte ich für meine Kinder vorsorglich zehn Kilo ein. Da es ziemlich kühl war, wurden sie auf dem Balkon gelagert. Nun bekamen meine Töchter täglich einen Pausen-Apfel bis in Winter hinein wie einst ich von meinen Eltern.
Die Hauptstadt Kasachstans heißt Alma-Ata. Alma, der Apfel, Ata der Großvater. Also wuchs in der Hauptstadt der Großvater der Äpfel. Ein großer roter Apfel, wie drei chinesische mindestens, mäßig süß und saftig. Einmal im Leben durfte ich ihn kosten. Diese Rarität, für die meisten Menschen berühmt durch Hören-Sagen, gab es im Herbst auf dem Basar, zu teuer, unerschwinglich für Normalverdiener. Die Kita- und Schulkinder bekamen zum Jolka-Fest, das vor Silvester und den Winterferien stattfand, eine einfache Papiertüte vom Väterchen Frost, die mit Konfekt und Keksen gefüllt war. Ab und zu mit einem Apfel, seltener mit der exotischen Mandarine. Sie sollten das Leuchten der Kinderaugen erleben, die einen Apfel in der Tüte entdeckten!
Hier gibt es Äpfel unzähliger Sorten in allen Größen, süß bis säuerlich, heimische und aus aller Welt, allen zugänglich, zu jeder Jahreszeit, wie viele exotische Obstarten. Vielleicht deshalb nichts Spektakuläres. Nicht, dass man zu Sowjetzeiten von hohem Gehalt des Vitamin C in schwarzer Johannisbeere oder im Sanddorn nichts wusste. Wir machten Gebrauch von den Vitamin C-Spendern in Form von Sanddorn-Öl oder ungekochter, vitaminerhaltender Johannisbeere-Marmelade. Auch in Kasachstan hieß es: Ein Apfel am Tag erspart den Arzt. So wie andere Kinder den biblischen Sünden-Apfel, in den die erste Frau biss, kennenlernen, so lernte ich den Apfel als Boten des Herbstes, der Gesundheit und Freude kennen.
Mit Freude sehe ich deshalb die jungen Menschen in ihre Äpfel beißen und erinnere mich gerne an die chinesischen Äpfel oder den in der Tüte vom Väterchen Frost, sprich: Weihnachtsmann.



 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.01.2023. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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Die Autorin versteht es, mit Worten Stimmungsbilder zu malen und den Leser an der eigenen Begeisterung am Land zwischen Meer und Bodden teilhaben zu lassen. In ihren mit liebevoller Hand niedergeschriebenen Gedichten und Geschichten kommen auch Ahrenshooper Impressionen nicht zu kurz. Bereits nach wenigen Seiten glaubt man, den kühlen Seewind selbst wahrzunehmen, das Rauschen der Wellen zu hören, Salzkristalle auf der Zunge zu schmecken und den feuchten Sand unter den Füßen zu spüren. Visuell laden auch die Fotografien der Autorin zu einer Fantasiereise ein, wecken Sehnsucht nach einem Urlaub am Meer oder lassen voller Wehmut an vergangene Urlaubstage zurückdenken.

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