Lena Kelm

Der stille Zeuge

Menschen sind komische Geschöpfe, sie regen sich über das Abhören auf. Die Diskussionen verlaufen ungefähr so wie diese: „Recht hatte die Kanzlerin, Freunde abhören geht gar nicht. – Aber nur so kriegen sie die Terroristen! – Ach, das ist doch nur ein Vorwand, die wollen in unsere Wohnungen, unsere Gehirne eindringen. Willst du das? – So ein Quatsch, natürlich will ich das nicht.“
Sieh einer an, jene regen sich auf, die freiwillig auf Straßen, in Geschäften, Cafés, Verkehrsmittel, wo auch immer, ohne Hemmungen wildfremde Menschen an intimsten Details ihres Lebens, an ihren iPhones klebend, teilhaben lassen.
Was ich schon alles mitbekommen habe, da wäre jeder Ladendetektiv oder Geheimagent neidisch. Nur ein paar Beispiele. Das war heute ein Treffer, ein Glückstag war das! Kannst du laut sagen. Die heutige Beute lässt sich sehen. Manche sind blöd. Die Tasche baumelt am Hintern, lädt direkt ein. Am besten war es am Hauptbahnhof. Und in der U8. Nun ein verdienter Feierabend. Oh, ja, ein kaltes Bierchen haben wir uns heute verdient.“
Ginge es nach mir, würden die sofort hinter Gitter längere Zeit Leitungswasser trinken.
„Ich war bei Tanja, es wurde spät. – Du warst nicht bei Tanja, nicht bei Sabine, bei keiner deiner Sch… Freundinnen, lüg nicht. Mir reicht es. Du packst jetzt die Sachen. – Ich liebe dich doch – Aber ich dich nicht. – Ich lass mir keine Hörner mehr aufsetzen.“
Über Eheszenen könnte ich Bände berichten, Geheimnisse von Schwiegereltern, Nachbarn, Ehe und Sex kriege ich auch mit.
„Morgen, Frau Müller, lange nicht gesehen! – Ja, ja, wiedererkannt, nicht wahr? – Haben Sie es schon gehört? – Was denn? – Na, die aus dem zweiten Stock hat wieder einen anderen. – Woher wissen Sie das? – „Na, die Frau Meier, die wohnt doch gegenüber, die hat ihn gesehen. Ein Schwarzer. Da muss man aufpassen! – Wieso müssen wir aufpassen? – Frau Meier kann auf sich selbst aufpassen, finde ich!“
Das finde ich auch, leider hört mich keiner.
Nicht selten bin ich Zeuge bzw. Zuhörer äußerst intimer Szenen. Kleider werden heruntergerissen. Wenn die mein Erröten sehen würden… Manchmal möchte ich schreien, sogar um mich schlagen, überkommen mich Scham und Hilflosigkeit.
Gut, dass die Gespräche, die ich mitbekomme, von kurzer Dauer sind. Diese Angeber ahnen nicht, dass sie ihre intimsten Geheimnisse freiwillig abhören lassen. Wüssten die, was ich alles weiß, welche Informationen ich nur an einem Tag einsammele. Zum Beispiel über die Wetterlage, ob Schafs- oder Hundskälte ist, über die politische Lage bin ich auch bestens informiert. Ich brauche kein Radio, von früh bis spät sammele ich Informationen, erlebe Dramen, Tragödien bis zum Blutvergießen. Mit Tatort-Geschehnissen möchte ich sie nicht belasten.
Ich könnte Stimmenforscher sein, denn ich erkenne Babys, Teenagers, Alkoholisierte, Raucher, alte, junge Menschen, Akzente, Dialekte, Pessimisten und Optimisten, Meckerer sowie piepsige, schnoddrige, singende, seidene, ausdruckslose und Reibeisen-Stimmen. Menschen sind eine soziale Spezies. Sie stehen in der Tür – halten sie einen Spalt auf – und reden über Politiker, Wetter, Nachbarn, Freunde, Kinder, Ehepartner, Liebhaber. Und dann regen sie sich über das Abhören auf. Dabei denken sie nicht an mich, ihren stummen Diener, den Fahrstuhl.


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.01.2023. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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