Klaus Mattes

Doktor Bahnsparer

 


Als Doktor Bahnsparer stellte ich mich in einer Glosse vor, die ich in der 100.000er-Auflage einer regionalen Monopolzeitung absetzen konnte. Das war im Sommer 1992. In jenem Jahr besuchte ich eine private Journalistenschule in Stuttgart, um, gefördert von Umschulungsmitteln der Bundesanstalt für Arbeit, den Beruf des Fachzeitschriften-Machers zu erlernen. In der Mitte dieser Zeit, während den drei Sommermonaten, lagen Praktika. Zwei Monate arbeitete ich in der Öffentlichkeitsabteilung einer IHK, einen Monat bei besagter Tageszeitung.

Also Sommer, also Sauregurkenzeit, viele Kollegen machen Urlaub und die Praktikanten dürfen nach vorne. Man muss sich allerdings den Kopf zerbrechen, was man aktuell überhaupt noch schreiben kann.

Ich war am Samstag bei einem größeren kulturellen Ereignis gewesen (Theaterhaus Jazzfestival mit dem leibhaftigen Wolfgang Dauner) und die Frage hatte sich gestellt, ob ich als Mitglied des Kulturrings der Stuttgarter Gewerkschaft und als Inhaber einer Schauspielmiete, wo die Anfahrten im Tarifgebiet des Stuttgarter Verkehrsverbunds sogar gratis waren, vielleicht nur die Streckenteile in meinem eigenen Tarifverbund bezahlen musste. Oder aber, ob ich verbilligte Weiterfahrten für den Stuttgarter Verbund bekommen konnte, weil ich, eben mit Rücksicht auf die beständigen Fahrten zur Stuttgarter Ausbildungseinrichtung, für das ganze Jahr über eine Streckenkarte meines eigenen Verkehrsverbundes verfügte. Oder ob das Schöne-Wochenende-Ticket sich schon lohnte? Oder ob eine reguläre Rückfahrkarte für den Normalreisenden das Optimal wäre. Ich hatte den Beamten im DB-Reisezentrum gefragt, eine Auskunft erhalten, nach dem fraglichen Wochenende dann bemerkt, dass diese falsch gewesen war. Ich hätte günstiger fahren können. Eine kleine, alltägliche Geschichte, die nicht viel hermacht und die man keinem erzählen kann. Bloß ich war jetzt bei der Zeitung und hatte die Macht, eine Glosse über was auch immer drucken zu lassen. Einmal Glosse und nie wieder.

Aber das konnten die Herrschaften von der DB-Regionalverwaltung in Stuttgart nicht wissen.

Daraufhin erhielt ich von Frau Petzolds Vorgänger (Frau Petzold ist die Eingabenbearbeiterin, die mir ein paar Jahre später, als ich wieder Privatmann und Arbeitsloser war und im Rahmen einer privaten Vergnügungsfahrt in einer Randlage des Tages mir ein Zug ausfiel, in Folge einer Störung im Betriebsablauf, für die ich trotz gegenteiliger Lautsprecheraufforderung keinerlei Verständnis aufbrachte, sodass ich mich vor der Wahl stehen sah, entweder im Hotel zu übernachten, wofür mein Bargeld nicht reichte und wofür ich keine Plastikkarte zwecks Kartenzahlung einstecken hatte, oder aber einen mit den letzten Zügen des Tages gerade noch herstellbaren Umweg zu fahren, das heißt, ein zweites Ticket aus dem Automaten zu ziehen, um nicht auch noch als Schwarzfahrer geschnappt zu werden, ich kenne mein persönliches Schicksal schon recht gut, woraufhin ich später einen Brief an die Regionaldirektion Stuttgart sandte - mit der Bitte, mir wenigstens den pekuniären Mehraufwand zu erstatten, wenn schon nicht den Verlust an Zeit und Nerven, ausfallende Züge seien wohl alle intern verzeichnet, also stehe fest, dass es so auch gewesen war, ich hätte spät am Abend doch nicht an jenem entfernten Bahnhof stehen können und den Zugausfall mitkriegen, wenn es nicht passiert wäre, Frau Petzold aber war jene Frau, die mir jegliche Erstattung verweigerte mit dem Hinweis, dafür hätte ich alle Tickets aufbewahren und mitschicken müssen) von Frau Petzolds Vorgänger den zerknirschten, schriftlichen Ausdruck seiner Reue und zur Stimmungsaufhellung einen Reisegutschein über 50 DM für einen irgendwann mal mit Hilfe der DB zu erreichenden vergnüglichen Tag.

Es muss festgehalten werden, bei Frau Petzold, wo ich nichts heraus bekam, hatte ich mich beschwert. Überhaupt nie beschwert habe ich mich bei Frau Petzolds Vorgänger. Da hatte eine Leserschaft von 100.000 hinter mir gestanden. (Oder vielleicht waren es 53, wenn es hoch kommt.) Ich hatte ihn um keine Rückerstattung gebeten! Ich hatte mein Ticket auch da schon einfach nur weggeworfen, also keinerlei Papier zum Beweis der Wahrheit meiner Erzählung!

Das eine Mal hatte ich eine Menge Ärger und die schwache Freude, es am selben Tag gerade noch mal zurück ins eigene Bett geschafft zu haben. Das andere Mal hatte ich einen Betrag von unter zehn Mark verloren und einen Reisegutschein über fünfzig dafür eingetauscht, außerdem mein inneres Wohlbehagen, diesem wackeligen Laden öffentlich eins ausgewischt zu haben, - und natürlich mein Zeilenhonorar von der Zeitung für meine promovierte Bahnsparer-Glosse. Die einzige Glosse, die ich in meiner kurzfristigen Zeit als Fachzeitschriftenredakteur jemals habe veröffentlichen können.

Außerdem habe ich seit damals eine ganz bestimmte Meinung, was ich davon halte, wenn staatliche, halbstaatliche oder irgendwie halbwegs öffentliche Institute dem traurigen Bürger versichern: „Wir fühlen mit dir. Es tut uns leid um dich. Wir arbeiten täglich dafür, dass es nie mehr vorkommt.“
Die sage ich hier aber nicht.

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Klaus Mattes).
Der Beitrag wurde von Klaus Mattes auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.01.2023. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

  Klaus Mattes als Lieblingsautor markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Ohne Bewährung & Ostdyssee von Werner Kistler



'Ohne Bewährung': Ein unbescholtener Familienvater hat einen tragischen Autounfall, bei dem eine ältere Dame tödlich verletzt wird. Ihn trifft keine Schuld, doch der Spruch des Richters : Schuldig! Der Boden wird ihm unter seinen Füßen fortgerissen und er flieht, da sich ihm die Chance dazu bietet, doch nur um noch ein letztes mal für sehr lange Zeit seine Familie zu sehen ...

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Glossen" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Klaus Mattes

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Der Bruder vom Chef vom Schmutz / 8082 von Klaus Mattes (Weisheiten)
Waschbrettbauch von Norbert Wittke (Glossen)
Abschiedsbrief von Klaus-D. Heid (Trauriges / Verzweiflung)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen