Heinz-Walter Hoetter

Eine kleine Geschichte zum Nachdenken

 

 

 

 

Ein Jude, ein Christ, ein Moslem und ein Atheist standen vor einer heißen Wüste, die sie durchqueren mussten, um die Oase auf der anderen Seite erreichen zu können.

 

„Ich vertraue auf Gott, dass er mir zur rechten Zeit Hilfe zukommen lassen wird, wenn ich mich auf den Weg durch die Wüste mache“, sagte der Jude und marschierte los.

 

Die Sonne brannte erbarmungslos von einem wolkenlosen Himmel herunter und der Jude bekam langsam Durst.

 

Dann fing er an zu beten: „Oh Gott, ich rufe in der Not nach dir! Hilf mir und schicke mir Wasser, damit ich nicht verdursten muss!“

 

Doch Gott erhörte ihn nicht. Der Jude verdurstete elendig in der Wüste und starb.

 

***

 

Auch ich vertraue auf Gott, dass er mir zur rechten Zeit Hilfe zukommen lassen wird, wenn ich mich auf den Weg durch die Wüste mache“, sprach der Christ und marschierte ebenfalls los.

 

Und wieder brannte die Sonne erbarmungslos von einem wolkenlosen Himmel herunter und auch der Christ bekam Durst.

 

Er fing an zu beten: „Oh Herr, so höre mein Rufen! Schicke mir Wasser, damit ich nicht verdursten muss!“

 

Doch Gott erhörte ihn nicht. Der Christ fiel alsbald vor Erschöpfung in den heißen Wüstensand, blieb dort liegen, verdurstete qualvoll und starb.

 

 

***

 

 

Jetzt machte sich der Moslem ebenfalls auf den Weg durch die Wüste und murmelte leise vor sich hin: „Ich vertraue ganz und gar auf Allah, dass er mir zur rechten Zeit Hilfe zukommen lassen wird, wenn ich die heiße Wüste durchquere. Er wird mir beistehen. Dessen bin ich mir gewiss. Dann machte auch er sich auf den Weg.

 

Auch diesmal brannte die Sonne gnadenlos von einem wolkenlosen Himmel herunter. Schon bald bekam auch der Moslem Durst, schaute demütig nach oben zum Himmel hinauf und rief: „Oh Allah, so höre mein Rufen! Sei gnädig und sende mir Wasser, damit ich in dieser Wüste nicht verdursten muss!“

 

Doch Allah erhört ihn nicht. Das Wasser kam nicht. So verdurstete schließlich auch der Moslem mitten in der Wüste und starb einen elendigen Tod.

 

 

***

 

 

Ganz zum Schluss machte sich der Atheist auf den Weg durch die heiße Wüste.

 

Da er nicht an Gott / Allah glaubte, vertraute er auch nicht auf seine helfende Macht, sondern dachte vielmehr nach und füllte schließlich einen kleinen Lederbeutel mit frischem Wasser, den er sich an seinem Gürtel befestigte, denn er wusste, dass Wasser in der Wüste einfach überlebenswichtig ist. Dann marschierte auch er hinein in die sengende Wüste.

 

Auch diesmal brannte die Sonne erbarmungslos von einem wolkenlosen Himmel herunter. Bald bekam der Atheist ebenfalls Durst.

 

Er verweilte einen Moment, öffnete vorsichtig den Lederbeutel mit dem kostbaren Wasser darin, nahm einen kräftigen Schluck daraus und marschierte danach zügig weiter. So ging das mehrere Male hintereinander, bis er schließlich am Horizont die hohen Palmen und die vielen kleinen Lehmhütten der Oase klar erkennen konnte. Er hatte den Weg durch die Wüste unbeschadet überstanden, weil er wusste, wie schlimm und gefährlich der Durst ohne Wasser werden konnte.

 

Noch einmal nahm er einen tiefen Schluck Wasser aus dem Lederbeutel, der schon fast leer geworden war. Endlich erreichte er die schöne Oase und kam dabei an einer halbverfallenen Lehmhütte vorbei, vor dessen Eingang ein alter Mann mit grauweißen Haaren saß, der ihm freundlich zuwinkte.

 

Plötzlich fragte der Alte ihn: „Sie haben die Wüste unbeschadet durchquert, wie ich sehe. Aber wo sind denn die anderen geblieben? Kommen die noch?“

 

„Nein, sie haben alle auf ihren Gott vertraut und sind im guten Glauben, dass er ihnen schon beistehen und helfen würde, in die Wüste gegangen. Am Ende aber sind sie alle verdurstet, weil ihr Gott sie nicht erhörte oder erhören wollte. Er hat ihnen kein Wasser geschickt, um sie zu retten. Warum, das weiß ich leider nicht. Aber es wird dafür schon einen Grund geben."

 

Nach diesen Worten verließ der Atheist den alten Mann, der immer noch vor dem schattigen Eingang seiner kleinen Lehmhütte saß und gedankenvoll den Kopf schüttelte.

 

„Was soll man als Gott bloß dazu sagen? Ich finde es schon irgendwie komisch, dass ausgerechnet ein Atheist meine Schöpfung am besten verstanden hat“, murmelte er nachdenklich vor sich hin, begann sich auf einmal langsam aufzulösen und verschwand plötzlich im Nichts, als hätte es ihn nie gegeben.

 

ENDE

 

 

Heinz-Walter Hoetter

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