Hans K. Reiter

1/23 - Bewerbungsgespräch

Die Anhöhe hinauf zum Herrenberg ist für jeden auch wenig geübten Wanderer ein beliebtes Ziel. Bernhard Edelhuber gehört nicht zum Pulk der Touristen, die den Chiemsee heimsuchen. Eine der ansässigen Kliniken ist sein temporäres Quartier. Schwerfällig schleppt er sich hoch, als Teil des Reha-Programms.

 

„Nun, Herr, ...äh, Edelhuber“, der Personalchef räuspert sich, „wollen Sie mir bitte kurz erläutern, warum Sie sich für die ausgeschriebene Stelle bewerben?“, und fügt an, „in Ihrem Alter...?“

 

In meinem Alter?, denkt Edelhuber, sagt jedoch: „Ja, gerade deshalb, das ist das Pfund, das ich einbringe, das mich besonders qualifiziert!“

 

„Ja, wenn Sie meinen. Der Altersdurchschnitt unserer Mitarbeiter würde sich nicht gerade verjüngen oder wie sehen Sie es?“

 

„Wo soll ich beginnen? Sie verlangen Kompetenz, Erfahrung, Kompromissfähigkeit und mehr, wollen aber das Zeitmaß zum nachhaltigen Erwerb dieser Fähigkeiten nicht zugestehen. Daraus folgt: Je jünger Ihr Team ist, desto weniger der verlangten Fähigkeiten werden Sie antreffen. Ja, sie können gar nicht vorhanden sein, weil, wie ich bereits erwähnte, Sie die Zeitspanne für deren Erwerb nicht einkalkulieren wollen. Auf diese Weise sind Ihrem Unternehmen bereits Fähigkeiten abhandengekommen und haben es in die Situation gebracht, in der es sich aktuell befindet, nicht wahr?“

 

„Wie kommen Sie darauf? Uns ist nichts abhandengekommen. Im Gegenteil, wir stehen besser da als je zuvor! Nehmen Sie beispielsweise unsere Umsätze...“

 

„Freilich, da mögen Sie recht haben. Aber ist es nicht so, dass Umsätze lediglich die Folge von Auftragseingängen sind, die nach festgelegten Regeln bei erbrachter Leistung als solche zu buchen sind. Wäre es nicht vernünftiger, den Grad der Auftragseingänge zu analysieren? Und zweckmäßig im Vergleich zu Ihren Konkurrenten?“

 

„Ich verstehe, was Sie sagen, aber es überzeugt mich nicht. Ihrem Argument folgend, müsste das Auftragsvolumen zunehmen, wenn wir bevorzugt Ältere einstellten, die selbstverständlich mit höheren Kosten einhergingen, nehmen wir nur mal die Gehälter und Löhne als Beispiel!“

 

„Ich möchte mit einem Beispiel antworten, das jedermann jeden Tag treffen kann. Sie sind mit einem gesundheitlichen Problem konfrontiert, kommen ins Krankenhaus und anschließend auf Reha. Sie sollen wieder fit gemacht werden für Ihr normales Leben. Plötzlich sind sie für Wochen zusammengepresst mit Fremden in einer Reha-Klinik, denen eines gemein ist: Sie alle sind krank, leiden unter den verschiedensten Symptomen, Problemen und Gebrechen. Glauben Sie, Sie werden da wirklich gesund? Gesund würden Sie vermutlich schneller werden, wenn man Sie zu Gesunden gesteckt hätte. Von denen hätten Sie profitiert, nicht von den Kranken ihresgleichen.“

 

„Ist das nicht ein wenig weit hergeholt? Sie wollen unsere Firma doch nicht mit einer Reha-Klinik vergleichen?“

 

„Nein, aber die Problematik ist die gleiche. Der Grad der Gesundung Ihrer Firma bleibt niedrig, wenn Sie stets das gleiche Potenzial an Mitarbeitern nachschieben, jung, dynamisch und unerfahren. Verändern Sie aber das Potenzial durch Zuwachs an praktischer Erfahrung, werden Sie sehr schnell eine positive Veränderung in der gesamten Mannschaft feststellen. Das ist es, was ich meine. Es ist der richtige Mix. Sie können ihn steuern!“

 

„Herr Edelhuber, eine interessante Betrachtung. Aber vielleicht fehlt Ihnen diesbezüglich selbst das Quäntchen an Erfahrung, von der Sie meinen, um so viel mehr davon zu besitzen. Ich wünsche Ihnen bei Ihren weiteren Bewerbungen Glück, hier bei uns jedoch sehe ich Sie nicht.“

 

„Sehen Sie, ich habe die Reha überstanden, die mir gesundheitlich wenig, bis nichts gebracht hat, im Gegenteil. Ihre Einstellung überrascht mich auch deshalb nicht, weil ich in der Reha wider Erwarten doch dazugelernt habe!“

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