Timon Kromer

Schneeflocke

Wer auch immer den Satz „Nur fliegen ist schöner“ erfunden hat, war absolut korrekt, denn oh mein Gott… Meine Haare, gestylt vom Wind, unter mir, weites Land, meine Hände, fast abgefroren und um mich herum Milliarden Schneeflocken, wunderschön, glänzend.

Ist es ein Traum? Ist das echt? Sicherlich bin ich im Delirium, etwas so Schönes existiert ja wohl nicht.

Falle ich? Fliege ich? Schwebe ich? Flattere ich mit meinen Armen werde ich der schönste Vogel des gesamten Himmels werden. Schließe ich meine Augen, so gehört die ganze Welt mir, so ist die ganze Welt ich.

Und noch nie hätte ich mir etwas anderes gewünscht.

Ich kann kaum atmen, doch nie fühlte ich mich jemals lebendiger!

Und zeitlos scheint dieser Flug. Ewig werde ich schweben, unter den Wolken, über den Wolken, in den Wolken. Im endlos schönen Schneegestöber. Fliegen…

 

Moment.

 

Zeit…

 

Moment.

 

Ich falle noch nicht mein ganzes Leben, oder nicht? Das würde keinen Sinn ergeben, oder?

Wieso sollte ich so viel vom Leben dort unten wissen, ohne jemals dort gewesen zu sein?

Ich kenne das Leben einer Person. Hände so wie ich sie vor mir sehe, Gedanken, gedacht wie mein. Ein Leben wie kein zweites. Aber anders. Ein Leben dort unten. Nicht fliegend. Gebunden durch die eigene Zeit, nicht durch die eigene Höhe. Oder doch?

Wenn wir ein und dieselbe Person sind, müsste diese Person hier fliegen. Schier endlose Meter über dem Boden. Nicht fliegen, fallen. Doch wo ist diese Person? Die Person mit den Händen und mit den Gedanken? Wie findet diese Person den Schnee, wie die Kälte, wie die Luft? Oder ist diese Person nicht geflogen, sondern gefallen? Falle ich? Wie denn? Ich fliege doch! Und ich fühle die Kälte. Und ich rieche den Schnee. Und ich… falle…

 

Moment.

 

Diese Person… Das bin nicht ich, das ist jemand aus einer anderen Zeit. Eine Person, die noch nie gefallen ist, eine Person, auf dem Boden, das Schneetreiben beobachten. Ungestört. Flach. Und eine andere Person fliegt. Fällt. Schnell. Schneller. Endlos.

Bis zum Ende.

Der Boden.

Eine weißglitzernde Oberfläche, entfremdet von dem was sich dort drüber befindet. Und mitten drin… Mein Schatten, ich, eine Person, die mir ähnlich sieht aus der Zukunft.

Eine Person, die nicht mehr fliegt, eine Person, die liegt. Ohne Hände, ohne Atem, im weißen Schnee. Im roten Schnee. Im wunderhübschen Schnee. Im Schnee, gefallen aus endlosen Höhen, gefallen in endlosen Mengen. Mit mir dazwischen, wie ich alles sehen und überall sein kann, ich, anmutiger Vogel, über den Welten, über Leben und Tod. Zwischen Leben und Tod, in einer Welt, die ich mein Eigen nenne. Dem Boden endlos nahekommend, doch nie ankommend, mächtig! Und wunderschön, sowie die Welt dort um mich. Den Wind spürend, träumend, wünschend, fühlend, erfrierend, erstickend, erdrückend, erschreckend. Oh, sehet, wer hier hoch betet. Ich falle, ich fliege, ich schwebe! Und ihr seit dort unten! Für den Rest unseres Lebens! Gefangen im Alltag, weit weg von den Vögel, eure Augen zwangsmäßig offen um zu sehen, wie dieser elegante Schneetanz vor euren Füßen zum Erliegen kommt. HA HA! Für mich fällt der Schnee aufwärts, für euch geht es abwärts.

Hier bin ich! Weit über allem, glücklich, froh, warm. Im puren Delirium, in der puren Ekstase. In einem Zustand, den ihr euch nur wünscht, doch ach, springt was ihr wollt, doch hier komme ich, schneller als jeder von euch, auf direktem Pfade! Und was soll mich aufhalten?

 

Moment.

Das sind ich. Milliardenfach. Fühlend, erfrierend, erstickend, erdrückend, doch glücklich. Glücklich ohne Freiheiten, glücklich ohne Weg noch Ziel. Ihre Zungen gen Himmel, weiße Pracht in ihren Haaren, Dolche hinter dem Rücken. Sie kommen mir näher, sie wollen zu mir, sie sehen, dass ich fliege, sie sehen, dass ich erfriere, dass ich nicht atmen kann, dass mir ein aussichtsloses Schicksal blüht. Ach, könnte ich sie bespucken würde ich. Milliardenfach sind sie, doch alle viel alleiniger als ich. Und wenn sie mit ihren Armen flattern, wenn sie wie die Vögel auf Erden, schwarz-weiß-gekleidet im hellen Schnee, sein wollen, wenn sie fliegen, wenn sie ihre Zukunft vom Himmel fallen sehen, wenn ihre Vergangenheit auf dem Boden aufschlägt und nach oben schaut, und ihr die letzten Schneeflocken in die tränengetränkten Augen fallen, wenn der Schneesturm aufhört und man weiß…

Und wenn es dann taut und der Schnee seine kalten, atemlosen Geheimnisse preisgibt, sollen jene die sich erschrecken, jene die trauern, jene die sich gegen den Himmel richten, die Vögel beschuldigen und die Schönheit des Momentes anprangern, laut auf dem Boden zerschmettern!

Und ich, fliegend, fallend, schwebend, welcher Boden soll mich noch aufhalten können? Kommt er mir näher, werde ich hindurchgleiten, nichts so Schönes kann gestoppt werden, meine Gefühle, mein Glück, mächtiger als alles was mir dort entgegentritt. Ich werde fliegen! Und eher werden die Vögel ihre eigenen Flügel ausreiße, eher soll das, was diese Vergangenheit Zivilisation nennt, tauen und schmelzen, eher soll sie selbst, die Vergangenheit, aus dem Himmel fallen, eher werden die Flocken um mich herum nach oben fallen, als das mein endloser Falle gestoppt werden wird! Niemals, ich falle ewiglich und für immer! Und meine Vergangenheit lebt für immer, und meine Zukunft liegt ewiglich im roten Schnee, bedeckt von Schnee im blauen Körper, Arme weit ausgestreckt, als wäre sie ein Vogel gewesen und mit einem Lächeln doch weit geöffneten Augen. Und mein Schatten auf ihr.

 

Moment.

 

Was bin ich noch? Mein Blut wird Eis, meine Augen schwarz und mein Lächeln gefroren. Weit zwischen den Wolken, in der Mitte der Unendlichkeit der Zeit, fliegend, fühlend. Wie ein Vogel, rastlos trohnend über der Welt. Blaue Hände, keine Nase, innere Wärme, äußere Kälte. Schnee auf der Unterseite meines Körpers. Meine Vergangenheit ist tot, meine Zukunft existiert nicht und ich? Ich falle, schnell, am schnellsten. Was stelle ich mir fragen in einer zeitlosen Welt? Entweder die Welt ist zeitlos oder vorbei. Der Boden kommt näher, doch man kann ihn immer noch kaum erkennen, vielleicht liegt jemand dort unten, vielleicht ist es bald vorbei, vielleicht kommen Milliarden Dolche auf mich zu, neidisch, laufend. In ihren Jacken, geschützt vor Kälte. Atmend. Zungen raus. Wenn sie könnten würden sie mich anspucken, doch nein, auch ihre Passivität reicht ihnen. Ich werde kommen, egal was.

Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen, denn ein wahrer Meister wird man erst während des Falls. Ich, außerhalb des Lebens, außerhalb der Zivilisation, außerhalb des Alltags, wörtlich über ihnen, kann alles. Selbst meine kalten Hände sind besser als alles was sie in ihren, in unseren Leben machen werden. Und egal was sie machen werden, sie werden nie fliegen. Nur ich fliege! Schnell! Weit! Ohne meine Vergangenheit mitzunehmen, mit der Erwartung niemals anzukommen, zwischen den Schneeflocken, ich sehe alles, ich bin der einzige Vogel weit und breit, weit über dem Land, steif gefroren, im Fiebertraum, im Glück, im Tod, verzaubert, magisch, göttlich, gottgleich, übergöttlich! Stellt euch mir in den Weg, und ihr seit es, dort unten, in meinem Schatten, am Boden zerschmettert, Dolche im Rücken, bespuckt, erfroren, erstickt, lächelnd, blau, rot, magisch, ein gefallener Engel, eure Gegenwart aus der Vergangenheit in der Zukunft!

 

Moment.

 

Der Boden ist nahe.

 

Der Boden ist weit weg.

 

Jetzt ist er weit weg, doch zeitlich nah. Bald, für meine Zukunft, wird er zeitlich unerreichbar sein, doch räumlich da sein. Kommt mein Schicksal auf mich zu, im weißen Gewand und gnadenlos, werde ich dann meine Augen schließen? Werde ich mein Grinsen, mein Glück, meine innere Wärme mit in den Tod nehmen? Wird die Welt dort unten mich mit offenen Armen empfangen, alles gemeinsam? Sind meine Hände bereits näher an meinem Schicksal als der Rest? Werde ich den letzten Meter noch flattern versuchen? Werde ich dem Tod selbst wegfliegen? Was ist das für ein Moment, wenn man die Zukunft betritt, ist er erreichbar? Ist er erhofft, erfüllt er meine Sehnsüchte? Endlos lange fallen für was? Einen keinen Moment des Landens?

Es klingt bizarr. Wenn ich nie hierherkam, jetzt aber da bin, wie soll ich diesen Ort, diesen Zustand jemals wieder verlassen können? Bin ich nur eine Schneeflocke, geformt, erschaffen hoch oben, weit weg, kalt und tot, doch innerlich warm. Geradezu verspielt, auf meinem Weg dort unten alles zu verdecken, was kein Auge sehen sollte, nur um dann, eines späten Tages, eines schönen Tages, eines warmen Tages, wenn der Winter seine Kinder aufgibt, dahinzuschmelzen, zu verschwinden, in der Hoffnung mich eines Tages doch wieder hoch in den Wolken zu finden, um meinen endlosen Fall erneut zu starten, zwischen den Vögeln, Menschen und Göttern die vom Himmel fallen?

Nein, eine Schneeflocke hat keine Hände.

Ich auch nicht.

Auch keine Finger. Oder Nase. Oder Ohren, oder Zehen. Bald auch keine Beine. Auf dem Boden wird man nie eine Schneeflocke finden, die sich durch ihre eigene Wärme geschmolzen hat.

Ich sehe, wie meine Vergangenheit meine Zukunft betrachtet. Nicht mehr lange und ich werde bei beiden sein. Und wer wird dann meine Gegenwart werden?

 

Doch wunderschön ist die Welt trotz allem. Ich habe mich entschieden. Meine Augen bleiben geschlossen, meine Arme werden flattern. Von nun an werde ich gen Himmel oder gar nicht fallen. Ich werde mein Schicksal warten oder kommen lassen, ich bleibe. Endlos. Für immer. Erfroren, erstickt, fliegend, wunderschön, zerschmettert, mit Schnee in den Haaren und den Wind im Gesicht. Ich lebe. Glaube ich…

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.02.2023. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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