Timon Kromer

Bunkertagebuch

Tag 0

„Klick klack“, machte die Tür. Wie lange werde ich hier unten leben müssen? Wenn’s gut läuft Tage, wenn’s… anders… läuft für immer. Ich werde für heute wohl mal ein paar Materiallisten machen und mich dann möglichst früh schlafen legen. Hoffen wir fürs beste.

 

Tag 1

Vielen Dank an meine liebe Uhr. Sie wird mir noch sehr nützlich sein und mir noch genug Frust geben, dadurch, dass ich denke, dass die Sekunden immer, wenn ich schaue langsamer vergehen.

Meine neue Lieblingsaktivität: Mir ausmalen wie es wäre, diese Tür wieder zu öffnen, und was ich danach alles tun möchte.

 

Tag 2

Ich habe angefangen Sport zu treiben. Es ist extrem nervig 500-mal im Kreis zu joggen. Und ich bin immer noch ziemlich schlecht darin Liegestütze zu machen. Ich würde wirklich gerne mehr schreiben, aber ganz im Ernst, meine Tage haben ein Highlight, an dass ich dann für die Hälfte des Tages denke. Und die andere Hälfte sind jetzt schon Wiederholungen von alldem, was ich an den Tagen und Jahren davor gemacht habe.

 

Tag 4

Gestern Abend habe ich so lange darüber nachgedacht, was ich hier reinschreiben soll, dass ich es einfach nicht gemacht habe. Ich habe irgendwie das Verlangen dieses Notizheft genauso auszufüllen, dass es für einen potentiellen zukünftigen Leser interessant wirkt. So optimistisch bin ich.

An dich, lieber zukünftiger Leser, liebe zukünftige Leserin: Gestern habe ich genau das gemacht, was du dir vorstellst, dass ich gestern gemacht habe.

Mir ist nicht partout langweilig und ich liege auch nicht nur rum, ich habe genug Beschäftigungsmöglichkeiten, es ist nur eben nichts wirklich interessant, was ich hier machen kann.

 

Tag 5

Ich konnte mich heute einigermaßen lange mit der Frage beschäftigen, wann überhaupt der richtige Moment sei, um diese Tür wieder zu öffnen. Zu früh würde mich sicherlich umbringen, zu spät würde mich mich selbst hassen lassen, da ich, angenommen, ich könnte die Tür jetzt schon öffnen, öffne sie aber erst in 4 Jahren, diese Entscheidung, es nicht zu tun, auf ewig bereuen werde.

Eigentlich ist die einzige richtige Lösung, erst herauszukommen, wenn ich von außen entdeckt werde.

 

Tag 9

Ich wurde in den vergangenen vier Tagen nicht entdeckt.

 

Tag 11

Aber dafür wurde ich in den vergangen sechs Tagen nachlässiger, was diese Protokolle angeht.

Und habe ehrlich gesagt auch jetzt kein Interesse das zu ändern.

Ich mache halt nichts neues mehr, bzw. ich mache nur noch uninteressantes Zeug.

Lieber Leser, liebe Leserin, falls dies mein letzter Eintrag war, entschuldige ich mich schon mal im Voraus für meine Unzuverlässigkeit.

 

Tag 12

Von jetzt an ist anzunehmen, dass jeder neuer Eintrag hier ein neues Ereignis ist, und dass jedes Ereignis eher schlecht als gut ist. Bevor Sie weiterlesen, bitte lesen Sie Eintrag 1 noch einmal.

Ich habe nämlich meine Uhr fallenlassen. Ich habe wohl etwas zu oft damit herumgespielt.

In den nächsten Tagen, wird sich einerseits herausstellen, ob ich es reparieren kann, und, ob ich mein Zeitgefühl behalten kann.

 

Tag 13?

Schwerer als man denkt. Vor allem, da ich schon im Vorhinein dachte, dass es zensiert-schwer wird.
 

Tag 14?

Meine erste Frage, an die Person, die heute an die Tür klopft, ist die Frage, wie viel Uhr es ist. Meine zweite Frage wäre wohl, ob die Welt gerettet wurde.

 

Tag X

Joa. Ohne Uhr wird’s schwierig. Ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass es irgendwie Tag 17 oder so ist. Wäre ich etwas zuverlässiger, könnte ich in diesem Notizbuch nachlesen, welchen Tag wir haben.

Mir kommt grad der Gedanke, was, wenn ich tatsächlich irgendwann mal entdeckt werde, mein Schlafrhythmus sich bis dahin aber so weit verschoben hat, dass ich am Tag schlafe, und somit das Klopfen verpassen würde?

Ansonsten? Ich belasse es einfach mal dabei.

 

Tag Y

Irgendwie habe ich schon länger nichts mehr geschrieben. 10 Tage? Oder 20?

Die drängende Frage, ab wann ich rausgehen soll bleibt weiterhin unbeantwortet. Ich werde wohl einfach irgendwann impulsiv entscheiden, wann es wahrscheinlich lang genug war.

 

Tag Z

WIE LANGE BIN ICH SCHON HIER?

Ich möchte diese Frage einfach wissen. Es ist meine Schuld, dass ich es nicht weiß, und es nervt mich!

Dieses eine Ereignis hat mir so viel psychologischen Schaden bereitet…

Und meine einseitigen Sportarten sorgen für den Rest.

Und die Tatsache, dass alles Dumme was ich mache vermeidbar wäre, hilft auch nicht.

Bitte klopf endlich jemand!

 

Tag sin(x^2 * PI + 18x) + 14

Wenn ich Glück habe, waren es bereits Jahre, also darf ich sicher schon raus. Wenn ich Pech habe… Eintrag 0.

Ansonsten? Von allen lebenden Menschen, die ich in der letzten Zeit angetroffen habe, bin ich der beste Basketballer. Allerdings ist meine Ausrüstung nicht ganz vorschriftsgemäß.

Ansonsten? Mir geht’s weitestgehendes gut, ich habe nur ein schlechtes Gewissen.

 

Tag X: the return

Was werde ich wohl alles verlernt haben, wenn ich erstmal draußen bin? Weiß ich überhaupt noch wie man diese Tür öffnet? Wird irgendein anderer Mensch mein Gestammel überhaupt verstehen können?

 

Tag… der Entscheidung!

Ich werde diese Tür in drei Tagen öffnen. Möge passieren was passieren mag, aber es wird kaum schlimmer sein, als sie nicht zu öffnen.

 

Tag… zwischendrin

An was habe ich wohl heute den ganzen Tag gedacht? Erwartet mich Freiheit oder Tod, Reue oder Stolz? Was werde ich erblicken? Wen werde ich erblicken? Ich bin aufgeregt. Ich erleide eine Adrenalinüberdosis. Oh Gott, ich muss noch ein paar Runden joggen.

 

Der Tag

Also… Ums kurz zu sagen, ich sitze immer noch im Bunker. Ich bin zur Tür gegangen, habe die Riegel bewegt, es hat „Klick“ gemacht, und mehr war da nicht. Die Tür lässt sich von innen nicht mehr öffnen. Man mag mir glauben, ich habe es lange mit sehr vielen Methoden versucht. Da war nüscht.

Positiverweise muss ich mir eingestehen, dass das wohl auch eine annehmbare Lösung meines Ungeduldigkeitsproblem ist. Die beste Lösung ist eben immer, wenn man absolut machtlos ist.

Das sage ich mir zumindest die ganze Zeit, um mich von diesem leicht schockierenden Ereignis abzulenken. Dann bleibe ich wohl erstmal hier. Habe ich ja auch schon für einige Zeit geschafft. Und wenn jemand klopft, entscheide ich dann, ob ich dieser Person erlaube mich zu befreien.

 

Tag

Ich habe mich dazu entschlossen anzunehmen, dass es die Welt da draußen einfach nicht mehr gibt.

Das hier drinnen ist alles, was es gibt, und es gehört alles mir. Und somit auch für immer. Eigentlich ganz zufriedenstellend. Ich habe zwar noch öfters versucht diese Tür doch irgendwie zu bewegen, aber da der Gedanke lebendig begraben zu sein nicht sonderlich schön ist, habe ich mich dazu entschlossen, nicht mehr daran zu denken.

Wie sagt mein Bunkerpsychologe als? Einfach nicht dran denken, und die Außenwelt stellt auch kein Problem mehr für einen da.

In diesem Sinne werde ich wohl am besten einfach nicht mehr in dieses Notizheft schauen.

An alle Leser und Leserinnen: Option 1, falls Sie doch existieren und nach diesem Eintrag nur schräges Gekritzel sehen, habe ich wohl versucht einen Eintrag zu schreiben, ohne in das Notizbuch zu schauen. Falls Sie nicht existieren, egal. Und falls Sie, Option 3, trotzdem mehr über mich erfahren wollen: Ich mache momentan und für immer genau das, was Sie annehmen, dass ich es gerade tue.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.02.2023. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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