Timon Kromer

Vorsorge

„Ist dir eigentlich bewusst, wie viel Glück du hattest? Ich bin tatsächlich Notar, also erhältst du die einmalige Chance dich jetzt um deine Vorsorge zu kümmern.“

„Glück im Unglück. Aber wir müssen’s schnell machen, lange dauerts nicht mehr.“

„Wie geht’s dir gerade? Würdest du sagen, du bist in einem guten geistigen Zustand?“

„Momentan ja…“

„Also gut… Beginnen wir mit dem Erbe. Wer soll was kriegen?“

„Alles gerecht verteilen. Hab ja eh nicht viel.“

„Perfekt. Anmerkungen zum Erbe?“

„Schreib: ‚Dieses bescheidene Erbe hängt für jeden an der Bedingung, den Mann, der mich umbrachte auf immer zu diskriminieren und nach Bedarf zu töten.‘“

„Was habe ich gemacht, dass ich das verdiene?“

„Ich verliere immer noch sehr viel Blut und ich glaube das war deine Schuld.“

„Ach jetzt… Stell dich mal nicht so an. Der Kratzer…“

„Du hast super getroffen. Absolut jedes lebenswichtige Organ wurde geschädigt.“

„Ich würde ja behaupten, da stecke viel Übung dahinter, aber das war gerade hauptsächlich Improvisation. Als die ersten beiden daneben gingen habe ich ein bisschen gepanikt.“

„Du musst gestehen, meine Reflexe waren aber auch ziemlich gut. Und das war absolut Übung.“

„Ich könnte jetzt anmerken, dass du dich bereits ein halbes Jahr vorbereitet, aber am Ende trotzdem verloren hast, aber ja… Ich glaube ich gönne dir das bisschen Stolz.“

„Hat sich dein Arm etwa von alleine ausgekugelt?“

„Könnte schon sein, so schwer ist das nicht.“

„Deine Brille hat Risse...“

„Nur auf einer Seite.“

„Auf der anderen Seite aber nicht.“

„Da ist allerdings auch kein Glas mehr drin.“

„Touché.“

„Dann möchte ich als allerletzten Satz bei der Testamentsöffnung noch irgendetwas wie: ‚Bis zuletzt noch kämpfend wurde er letztendlich doch noch überwältigt‘, oder etwas ähnliches, das meinen Anteil in diesem Kampf gut darstellt.“

„Könnten wir so schreiben. Oder wir schreiben die Wahrheit.“

„Gönne einem sterbenden Mann doch seinen letzten Wunsch. Und hätte ich eine Waffe gehabt, wäre das alles ganz anders verlaufen!“

„Und zum Glück ist es nicht so verlaufen, denn du bist ja kein Notar. Und um ehrlich zu sein, mein Testament gehört dringend mal überarbeitet…“

„Wie viel wird mich das eigentlich kosten?“

„Ein Blutstropfen, der Rest deines Blutes, dein Leben und circa 400€ deines Erbes.“

„Schon viel… Ich würde gerne nochmal mit einem anderen Notar vergleichen.“

„Tja, wärste eben mal Notar geworden…“

„Ganz im Ernst… Ist das nicht total langweilig? Einen Papierjob habe ich mir niemals gewünscht.“

„Schau mir durch meine gesprungene Brille in die Augen und sage nochmal, dass mein Job langweilig sei.“

„Man muss allerdings dazu sagen, dass du wohl nicht den Durchschnittsnotar darstellst.“

„Touché. Aber du warst ja auch nicht der Durchschnittslehrer, oder?“

„Na ja, im Prinzip war das Ziel als Durchschnittslehrer durchzukommen. Früher war ich ja Fotograph…“

„Vermisst du dein altes Leben?“

„Ehrlich gesagt vermisse ich auch mein momentanes Leben.“

„Jetzt guck nicht so vorwurfsvoll. Das war jetzt nicht ganz allein meine Schuld, oder?“

„Ich tropfe.“

„Ist ja dein Teppich.“

„Mir wird etwas kalt.“

„Na dann, komm her. Leg deinen Kopf auf meinen Schoß, ich deck dich dann zu.“

„Vielen Dank. Von allen Leuten, die mich bis jetzt umgebracht haben, warst du wohl der Netteste.“

„Ach bitte bitte… Gehört zum Beruf. Sollte dich etwa einfach so liegen lassen?“

„Was spricht dagegen?“

„Bitte, ich kann auch gegen, wenn du mich nicht willst.“

„Ne ne, kannst ruhig bleiben. Sonst noch Vorsorgekram?“

„Was soll auf deinem Grabstein stehen?“

„Irgendwas super Spezifisches. ‚Er kugelte den Arm seines Mörders aus, starb allerdings trotzdem um…‘ und dann halt die viel zu genaue Uhrzeit.“

„Wir können ja einfach jetzt schon mal was festlegen. Sind ja eh nur noch ein paar Minuten. Und die Wahrheit ist nicht so wichtig.“

„Apropos Wahrheit, was machst du nachher mit dem Tatort?“

„Kommt drauf an. Ich habe schon vor, dass man dich findet. Möchtest du eine dramatische Leichenposition einnehmen?“

„Putzt du mir das Haus nachher? Würde den Vererbungswert erhöhen.“

„Ich kann ja eine Nachricht hinterlassen, dass ich dich eigentlich draußen getötet habe, aber dann wegen dem Regen hier rein bewegt habe. Dann wäre zumindest niemand in diesem Haus gestorben.“

„Die Wahrheit, die Wahrheit… Kannst du mich mal zum Fenster heben?“

„Würde ich gerne, bin aber wahrscheinlich auch nicht in der körperlichen Verfassung dazu.“

„Stell dich mal nicht so an! Ich bin hier der Schwerverletzte, nicht du.“

„Hätte ich auch nur Bauchweh, und dafür nichts an den Armen…“

„Bauchweh? Ernsthaft? Ich habe ein verdammtes Loch im Bauch.“

„Deine Arme funktionieren ja wohl noch, oder?“

„Würden meine Arme noch funktionieren, hätten wir wohl beide ein Loch im Bauch.“

„Na na na, jetzt nicht so aggressiv. Und nein, ich werde dir die Pistole nicht geben.“

„Bitte, egal was du machst, lasse es nicht wie Selbstmord aussehen. Ich habe mich so gut verteidigt, das soll man ruhig auch sehen können.“

„Keine Sorge, würde man dir eh nicht glauben. Wer bringt sich selbst über einen Schuss in den Bauch um?“

„Wenn ich nachher in einer theatralisch-genugen Pose sitze, würde man es mir glauben…“

„Das entscheide immer noch ich, wie man dich nachher findet.“

„War ich eigentlich dein erster Mord?“

„Persönlich? Ja. Sonst haben das immer andere für mich gemacht.“

„Warum nicht diesmal?“

„Ich lege eben Wert auf alte Bekannte.“

„Du hast mich umgebracht…“

„Persönlich…“

„Na toll.“

„Du musst gestehen, die Welt wäre ein besserer Ort, wäre jeder Killer verpflichtet noch ein bisschen bei seinen Opfern zu bleiben.“

„Es ist nicht so, als wollte ich dir dabei wiedersprechen, oder irgendwas an deinem Verhalten abreden, aber so gut geht es gerade dabei doch nicht.“

„Übrigens, jetzt hast du noch die Chance auf ein paar epische letzte Worte. Du weißt schon, die Wahrheitsfrage.“

„Du bist doch Notar, was wird denn zu oft gesagt?“

„Ein Notar ist für gewöhnlich kein Sterbebegleiter, aber ich würde denken, dass das ganze kurze Zeug wie ‚So long Suckers!‘ wahrscheinlich bereits oft gesagt wurde.“

„Soll ich vielleicht diese Situation beschreiben?“

„Deine Entscheidung. Ich bin nur der Vermittler.“

„‘Hier liege ich nun, getränkt in Blut, geschlagen, geschafft, erschöpft, auf dem Schoß meines Mörders. Ich sehe wie das Leben aus mir herausfließt. Ich höre wie der Regen an die Scheibe klopft.

So mag es meiner Familie bewusst sein, ich liege weich, ich liege ruhig, ich liege in Frieden. Lebet wohl.‘ Hast du’s aufgeschrieben?“

„Warte… Fast… ja, hab alles. Also, deine letzten Worte waren ‚Hast du’s aufgeschrieben‘, korrekt?“

„Verarsche keinen Todgeweihten.“

„Nur Spaß, nur Spaß. Kann man dir sonst noch was Gutes tun?“

„Ne ne, passt schon. Ich glaub es ist langsam Zeit. Ist okay, wenn ich auf dir einschlafe?“

„Ne passt, dafür bin ich ja da. Träum was Schönes.“

„It was a pleasure…“

„Schlaf gut.“ *muah*

„Ich bleib noch ein paar Minuten hier. Keine Sorge.

„Und gleich morgen bringe ich die Kunde zu deiner Familie.“

„Und wenn ich drankomme, lege ich gleich noch das Kissen von dem Stuhl da unter deinen Kopf.“

„Ich hoffe wir werden uns bald wiedersehen. Keine Sorge, du warst nicht nur ein Job für mich, ich werde dich nie vergessen.“

„Und sollte ich eines Tages mal Selbstmord begehen, so sei dir gewiss, nur aus Trotz werde ich mir in den Bauch schießen.“

„Ha, das war ein Test, denn jetzt lächelst du!“

„Gute Nacht.“

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