Angelika Güth

Selma

 

 

 

Eine fiktive Geschichte aus der "kreativen Schreibwerkstatt"

Auf einer Webseite im Internet entdeckte die SÄPO in Stockholm folgende Anzeige: „Suche Killer, der meinen Mann um die Ecke bringt, biete dafür unbegrenzten Sex“ Die SÄPO-Beamten fanden heraus, dass die Anzeige in Stockholm erstellt worden war und informierten die Kriminalpolizei in Stockholm

Selma

Seit 24 Stunden machten sich Beamte der Sonderkommission der schwedischen Kriminalpolizei in einem der kargen, grauen Räume des Polizeireviers 4 K in Stockholm Gedanken über die verstörende Anzeige auf einer Webseite im Internet. Den Namen der Person, die diese Anzeige erstellt hatte war schnell gefunden. Ihr Name war Selma Langsadd. Auch Langsadds Adresse war von der SoKo ohne Schwierigkeiten gefunden worden. Sie war – ungewöhnlich – trotz des mörderischen Inhalts der Anzeige nicht anonym aufgegeben. Langsadd lebte in einem Reihenhäuschen aus rotem Backstein in einem Vorort von Stockholm.

Die zwei Kripobeamten standen schließlich auf den steilen Waschbeton-Stufen der schmalen Außentreppe des Hauses, klingelten Sturm, warteten ungeduldig. Aber es dauerte eine Weile, bis eine ängstliche, piepsige Frauenstimme hinter der Haustür fragte, wer dort sei. Bei dem Wort „Kriminalpolizei“ wurde die Tür mit einem Ruck aufgezogen. Die Augen der Beamten gewöhnten sich nur langsam an das dämmrige Licht im langen Flur. Was sie dann allerdings sahen, ließ ihre Münder offen stehen. Vor ihnen stand eine bunte, große  sehr dicke Frau, wie ein Koloss. Die Männer  wichen kurz zurück, um dann mutig wieder einen Schritt nach vorn zu machen. „Sind Sie Frau Langsadd, Selma Langsadd ? Selma nickte und die Männer versuchten, an Elma vorbei in das Haus zu gelangen, aber das war nicht so einfach.

Selma mochte knapp 1,95 Meter groß sein und wog so um die zwei Zentner. Der massige Körper verdeckte den Blick in das Haus. Besonders auffällig waren Selmas karottenroten, krausen, langen Haare. Sie bedeckten ihre ausladende Oberweite. Sie trug eine Art Kittelzelt in einem grellen Sonnengelb. Das aus den roten, wirren Lockenhaaren heraus scheinende Gesicht war im Verhältnis zu den Körpermaßen erstaunlich klein, teigig und grau. Die Augenpartie war geschwollen, die grauen Augen nur halb geöffnet und ausdruckslos. Selma war in eine Alkoholwolke aus Gin und billigem Wein gehüllt. Der Geruch wurde verstärkt durch ein süßliches Parfüm. Die Kripobeamten war ja einiges gewöhnt, aber das war selbst für ihre Nasen starker Tobak. Trotzdem - die Männer kamen gleich zur Sache. Bei der Frage nach der Anzeige im Internet, nickte Selma kurz, starrte vor sich hin, blieb stumm. Die Beamten forderten Selma auf, sie auf das Revier zu begleiten und die Gruppe setzte sich in Richtung Straße in Bewegung. 

Einen Moment der Unruhe gab es noch, als den Beamten klar wurde, dass Selma nicht in das Polizeiauto passte. Es wurde ein Pickup angefordert, der auch wenig später an der Bordsteinkante hielt. Die Beamten besprachen sich kurz, und dann versuchten vier Hände unter Ächzen Selmas Füsse nach oben zu heben, während der Fahrer des Pickups auf der Lagefläche stand und sie an ihren Armen hochzog. Selma ließ alles mit sich geschehen.
Bei den dann folgenden stundenlangen Verhören auf der Polizeistation antwortete sie nach wie vor weder auf Fragen noch bat sie um etwas. Es gab Augenblicke, in denen sie leise vor sich hin summte und ihren massigen Körper vor und zurück wiegte. Bei manchen Fragen blitzten ihre Augen nur auf, starrten dann wieder gegen die in grauer Ölfarbe gestrichene Wand des kargen Verhörraumes.

Die Männer der SoKo hatten sich bei der Vernehmung abgewechselt. Sie waren Profis und kannten die Tricks, Jemanden zum Reden zu bringen. Sie hatten gedroht, geschmeichelt, das ganze Repertoire. Bei Selma hatte all ihre Routine versagt. Selma schwieg, ja sie hatte in den knapp acht Stunden kaum ihren Gesichtsausdruck verändert. Zum Ende der Nacht hin hatten sich die übermüdeten, genervten Beamten dann auf eine Ruhepause verständigt. Auch für Selma verlangten die Gesetze Pausen, aber es hatte sich keine Pritsche finden lassen, die Selma hätte tragen können. Irgendwann ließ man sie einfach auf dem Holzstuhl sitzen, dimmte die Lichtquelle, legte eine Decke um sie und stellte ein Glas Wasser auf den Tisch neben sie .

Während das Verhör für einige Stunden ruhte, hatten die diensthabenden Kollegen bei ihren Recherchen inzwischen eine merkwürdige Entdeckung gemacht. Sie hatten herausgefunden, dass Selma Langsadd, entgegen ihrer Internet-Anzeige, unverheiratet und keinen Mann hatte. Der Verdacht eines Mordplans an ihrem Ehemann war vomTisch. Es war kurz vor Mittag als die Beamten der SoKo nach einem nicht erholsamen Schlaf wieder im Polizeirevier 4 K erschienen. Die neuen Information der Kollegen, Selma Langsadd betreffend, brachte die Beamten nun wieder in Rage. Jetzt wollten sie es wissen. Hatten sie sich die vielen Stunden mit dieser Person umsonst um die Ohren geschlagen ? Mit hochroten, wütenden Gesichtern stürmten sie zum Verhörraum, rissen die Tür auf und machten Licht. Der süßliche Geruch Selmas nahm ihnen auch jetzt noch fast den Atem. Sie saß auf dem Stuhl, ihr Körper bebte und sie weinte lautlos.

Ihr Gesicht war tränenüberströmt, als sie den Beamten entgegenblinzelte. Aber die Beamten ließen sich nicht irritieren. Sie bauten sich vor Selma auf und hielten ihr die ausgedruckte Anzeige aus dem Internet vor die Nase. „Sie haben gar keinen Ehemann, Frau Langsadd, stimmt’s?“ Selma Langsadd schluchzte auf und nickte. Die Beamten sahen sich erwartungsvoll an und stießen nach: „Warum haben Sie diese Anzeige und den Mordauftrag aufgegeben, wenn Sie gar keinen Ehemann haben ? Jetzt ist die Zeit, antworten Sie endlich, Frau Langsadd.“ Selma hob langsam den Kopf, schluchzte, sah die Beamten aus traurigen Augen an und verblüffte mit einer klaren, weichen Stimme, als sie antwortete:

 „ Ich sehne mich nach Liebe, nach einem Mann, aber wer will schon so etwas wie mich? Und ein Killer macht doch alles, wenn es sein muss, dachte ich“.

 

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Angelika Güth).
Der Beitrag wurde von Angelika Güth auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.02.2023. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Die Autorin:

Bild von Angelika Güth

  Angelika Güth als Lieblingsautorin markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Post-Mortem-Kino von Paul Riedel



Ein Manager feiert einen neuen Meilenstein in seiner Karriere. Als er nach Hause kommt, erfährt er, dass seine Tante gestorben ist und die Bedeutung seiner beruflichen Erfolge schwindet dahin.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (2)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Trauriges / Verzweiflung" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Angelika Güth

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Eine Freundschaft in den 70igern von Angelika Güth (Briefe)
Vergewaltigung! von Peter Alexander Lutze (Trauriges / Verzweiflung)
Norderney macht kreativ von Rainer Tiemann (Zwischenmenschliches)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen