Ann-Kristin Jacobs

Enten... auf dem Wasser

„Wenn ich obdachlos wäre“, denkt sie, während sie durch die Straßen ihrer Heimatstadt schlendert, vorbei an den düsteren Gleisen, die sich hinter den Heckensträuchern verbergen, „wo würde ich mir dann ein Nachtquartier suchen?“

„Und was“, überlegt sie und blickt gedanklich an sich herunter auf ihre weißen Turnschuhe, die blauen Jeans und hinauf zu ihrem roten Shirt unter der Steppweste, „was wäre mir von so großer Bedeutung, dass ich es niemals hergeben würde?“

Der Gedanke an eine Nacht im Freien ist für einen Moment romantisch, doch nur solange es sich um eine warme Nacht auf einer gemütlichen Decke unter dem hellen Mondschein handelt. Bei Minusgraden, kalter Nässe, Wind und wolkenverhangenem Himmel mag sie sich keine Nacht hier draußen vorstellen.

„Warum nur“, sinniert sie und verharrt für einen Augenblick, als wäre sie gerade aus einem leichten Schlaf erwacht und müsste sich kurz orientieren, „warum nur mache ich mir solche Gedanken?“

Sie fragt sich, ob andere Menschen manchmal auch so merkwürdige Gedankengänge haben oder ob nur sie allein von solch Wirrungen eingeholt wird. Sie verbannt die Obdachlosvorstellungen aus ihrem Kopf und schlendert weiter.

„Wenn ich nun morgen“, huscht plötzlich wieder eine Überlegung in ihren Kopf, „mit meinen Kollegen zu dem Seminar fahre und wir haben einen Unfall…“ Sie hält kurz inne. Sie fährt morgen mit zwei Kollegen zu einer Schulung, einer der Kollegen stellt seinen Privatwagen zur Verfügung.

„Was wird man denken“, nimmt sie ihren Gedanken wieder auf, „wenn wir tatsächlich einen Unfall haben und in der Zeitung steht, dass eine Frau (41) und zwei Männer (52 und 56) im Wagen des älteren Mannes verunfallt sind. Was wird man denken, in welcher Beziehung wir drei zueinander stehen?“

Sie denkt selbst oft darüber nach, wenn sie solche Meldungen liest. Dann fragt sie sich, wieso eine 19-Jährige mit einem 30-Jährigen unterwegs ist, wie sie miteinander in Verbindung stehen, was den 50-jährigen Mann mit der 34-jährigen Frau und dem 10-jährigen Kind verbindet, in welcher Beziehung die beiden 75-jährigen Männer zueinander stehen, wieso eine 48-jährige Frau zwei Jugendliche im Auto hat. Und sie fragt sich, ob auch andere Leute darüber nachdenken.

„Einmal nur nicht denken“, denkt sie. „Einmal nicht denken, einfach nur mit einem leeren Kopf durch die Gassen schlendern und nicht nachdenken, nicht grübeln, nicht zweifeln.“

Sie hat es mit Meditation versucht. Kurzzeitig erfolgreich, aber nur wenige Minuten, und schon ratterte der Gedankenzug wieder durch ihren Kopf. Wie ein nicht abstellbares Metronom, ein tropfender Wasserhahn, ein endloser Güterzug setzen sich Gedanken in ihr fest. Und hat sie einen Gedanken abgeschlossen, lauert schon der nächste. So ist es immer. Und immer wieder. Ohne Unterlass.

„Wären es wenigstens immer sinnvolle Gedanken“, überlegt sie, „doch manchmal ist es einfach so, als würde mein Kopf ohne Grund, ohne Sinn und Verstand arbeiten wollen. Wie ein Workaholic, der einfach nicht aufhören kann.“

Sie setzt sich auf eine Parkbank mit Blick auf den kleinen Stadtsee. Sechs Entenvögel schwimmen auf dem kleinen See, jeweils drei sehen sich ähnlich und sie fragt sich, ob es sich um verschiedene Gattungen handelt oder aber um verschiedene Geschlechter einer Gattung. Und sie fragt sich, wie diese Entenvögel wohl heißen. Die Enten schwimmen aufeinander zu, dann umeinander herum, plötzlich scheinen einige von ihnen aufeinander loszugehen, als würden sie sich bekämpfen.

„Warum“, fragt sie sich, „verhalten sie sich so? Sind es Männchen, die um die Weibchen buhlen? Sind es verschiedene Gattungen, die aufeinander losgehen, um ihr Revier zu schützen?“

Sie öffnet eine App auf ihrem Mobiltelefon, kann über die Eingabe besonderer Merkmale die Gattung schnell herausfinden. Gänsesäger. Tatsächlich drei Männchen und drei Weibchen. „Ob sie schon jeweils ihre Partner gefunden haben, oder aber tatsächlich gerade balzen?“ Wieder arbeitet ihr Kopf.

„Kann ich denn“, denkt sie, während sie das Schauspiel auf dem Wasser fixiert und die Verhältnisse zu erkennen versucht, „nicht einfach nur den Anblick von Enten auf dem Wasser genießen?“

„Gänsesäger“, korrigiert sie gleich ihr Kopf, „nicht einfach nur Enten. Und es ist der Stadtsee, nicht bloß Wasser.“

„Wenn mein Kopf ach so schlau ist“, denkt sie und schüttelt selbigen, „warum treffe ich meine Entscheidungen immer mit dem Bauch? Warum höre ich dann nicht auf meinen Verstand, wenn er sich doch ständig zu Wort meldet.“

Mittlerweile kristallisieren sich die Pärchen der Gänsesäger heraus und sie fragt sich, ob wohl alle mit dem Ergebnis zufrieden sind. „Oder musste vielleicht jemand zurückstecken und sich nun nur mit der zweiten Wahl abgeben?“

Pärchenweise schwimmen die Gänsesäger über den Stadtsee. Einen Moment nur will sie den Augenblick auskosten und gedankenleer die Entenvögel betrachten.

„Du musst noch einkaufen“, meldet sich plötzlich wieder ein Gedanke, „in einer halben Stunde schließt die Drogerie.“

Sie bleibt sitzen.

„Eigentlich sind es nur noch fünfundzwanzig Minuten. Und das Shampoo reicht nur noch für eine Haarwäsche.“

Sie will nicht aufstehen. Ihr Blick bleibt an den Enten auf dem Wasser hängen.

„Gänsesäger! Stadtsee! Und zur Drogerie sind es fünf Minuten, bleiben also nur noch zwanzig bis Ladenschluss!“

Sie lehnt sich zurück, schließt die Augen.

„Zwanzig Minuten!“

Sie spürt den warmen Wind in ihrem Gesicht. Ein Lächeln umspielt ihre Mundwinkel.

„Achtzehn!“

Vorsichtig blinzelt sie, blickt in den blauen Himmel. Ein paar weiße Wölkchen sind zu sehen.

Es ist so still. Sie wendet ihren Blick auf den Stadtsee. Sie hört nichts.

Sie lächelt und betrachtet sie, die Enten… auf dem Wasser.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.03.2023. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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„Krachen, Scheppern und dann gewaltiger Lärm, als ein schwerer Gegenstand an die Wand geworfen wurde. Oh verdammt, die Verrückte spielte drüben in der Küche schon wieder ihr absolutes Lieblingsspiel – Geister vertreiben. Gleich würde sie hierher ins Wohnzimmer stürzen, wo ich versuchte, in Ruhe meine Hausaufgaben zu machen. Und dann würde sie mir wieder lang und breit erklären, welches Gespenst gerade versucht hatte, durch die Wand zu gehen und sie anzugreifen. Ich hasste sie! Ich hasste dieses Weib aus ganzem Herzen!“ Die 13-jährige Eva lebt in einer nach außen hin heilen, kleinbürgerlichen Familie. Hinter der geschlossenen Tür herrscht Tag für Tag eine Hölle aus psychischer und physischer Gewalt durch die psychopathische Mutter und den egomanischen Vater. Verzweifelt versucht sie, sich daraus zu befreien. Vergebens - bis ihr ein altes Buch in die Hände fällt. Als letzten Ausweg beschwört sie daraus einen Teufel. Er bietet ihr seine Hilfe an. Aber sein Preis ist hoch...

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