Alex Horn

Apokalypse Zefix now

Es ist ein schöner sonniger Montagmorgen in ferner Zukunft.

Eigentlich ist jeder Tag schön. Der globalen Erderwärmung verdanken wir bereits in den frühen Morgenstunden eine Durchschnittstemperatur von wohligen 26.5 ° C.  Menschen wie mir, die Wärme lieben und schon immer ein Faible für Sauna hatten, denen kann es gar nicht warm genug sein. Die geschmolzenen Eismassen der Pole haben zwar manche Küstenregionen überflutet und unbewohnbar gemacht, dafür haben nun sehr viele Menschen direkten und traumhaften Meerblick, was die Immobilienpreise natürlich enorm in die Höhe stiegen lies.

Um Inselparadiese wie die Malediven ist es zwar echt schade, um manche ehemalige Teile der Niederlande und des Baltikums wiederrum nicht. So sagen zumindest einige böse Zungen hinter vorgehaltener Hand. Aber die Selben Leute konnten schon damals eher müder lächeln über zottelige und verwirrt schreiende Mädchen und Ökoaktivisten mit Klebstoff an den Fingern. Die satten Gewinne und die mächtigen Lobbyisten spielten ihr eignes Spiel. Die Einsätze waren enorm und das Ende kam nicht wirklich überraschend.

Nun ja, unsere Klimatechnik sowie nahezu endlose Energiereserven , gewonnen durch Fusionskraft ,machen den Alltag trotzt molligen 55°C  sehr erträglich und ja es gibt sogar noch Saunaanstalten.

Der biologische Weckautomat, welcher mittels Nanoimplantat direkt mit dem Gehirn über 25G Funknetz verbunden ist, sendet zunehmend stärker werdende und stechende Impulse in meinen Kopf, die mich nun endlich zum Aufstehen bewegen sollen. Also gut es hilft ja Nichts, denn auch in der fernen Zukunft ist Unpünktlichkeit bei der Arbeit ungern gesehen.

Für ein Frühstück mit der Familie reicht es natürlich mal wieder nicht, denn das halbstündlich und vollständig autonom fahrende Sammeltaxi fährt wie immer um 06:45 am Haltepunkt ab. Seit Abschaffung des Individualverkehrs nach dem großen Zusammenbruch und dem Versiegen der Ölvorräte ist ein Verpassen dieser Alternativen leider indiskutabel geworden.

Auf dem flachen Land hat da so Mancher seine echte Not und so einige Sozial-Credits verloren.

Ach ja, die Wertschätzung und der sozial-gesellschaftliche Status wird nun ganz fair und für Jeden nachvollziehbar mittels sog. Sozial-Credits abgebildet. Unzählige Sensoren und Computer sammeln und bewerten vollautomatisch Jede unserer Aktionen und verteilen nach strengen Tabellen und wissenschaftlichen Algorithmen positive wie negative Credits.

Pünktlichkeit, Ordnung und Sauberkeit, regelmäßige Arbeit, Familie, gesunde Ernährung etc.. Positiv.

Arbeitslosigkeit, Unpünktlichkeit, Rauschmittel etc..Negativ.

Je höher der Punktestand, desto mehr Vergünstigungen und Ansehen erhält man. Bei niedrigem Punktestand wird Einem schon mal der Zugang zu verschiedenen Bereichen des öffentlichen Lebens versagt und natürlich erhält man auch keine Vergünstigungen oder die Erlaubnis für Reisen. Stattdessen wird man in Optimierungszentren und zu Verbesserungsseminaren eingeladen. Die hartnäckigsten Verweigerer werden auch schon mal in Zwangshaft gesteckt und zur Reinigung Ihres „ Karma“ angehalten und verpflichtet. Zur Not auch durch mikrochirurgische Neukonditionierung.

Karma und Religion ist übrigens nur noch was für Hobbyaktivisten und Freizeit Yogis.

In der Zukunft hat man Religion ebenso wie Kriege als nicht lukrativ und nutzlos eingestuft. Da quasi Jeder von Jedem ein Kunde sein kann, macht es keinen Sinn diesen umzubringen. Auch der Glaube an Etwas Höheres und Unsichtbares erschien als wirt- und wissenschaftlich nicht messbar und uneffektiv. Folgerichtig wurde Glaube durch Kenn-und Stückzahlen ersetzt. Die vermutete Sinnentleerung der Menschheit , wurde durch straffe und fest definierte Lebens- Pläne ,sowie Rollenzuordnungen in der Gesellschaft aufgefüllt.

Nun aber schnell das Sammeltaxi ist da und signalisiert durch hektische blink-und pfeifftöne, dass man gefälligst ein- und aussteigen soll, damit es sofort weitergehen kann. Noch schnell ein markiger Werbespot an die Kabinendecke projiziert und los  . Während ich noch überlege was die Werbung mir gerade weiß machen wollte merke ich das auf meiner Smartwatch bereits der aktuelle Fahrtenpreis abgebucht worden ist, natürlich mit der alltäglichen Inflationserhöhung. Schöne effektive Zeiten. 

Als sich das Gefährt mit kontinuierlichen 42,5 km/h, welches als die optimale und beste Geschwindigkeit im Transportverkehr durch das Zentralministerium für Transportwesen per Dekret bestimmt worden ist, lautlos in die Gänge setzt, werde ich kurz melancholisch und denke an jene Zeit zurück als es noch stinkende und überfüllte Omnibusse gab. Diese waren meist zu spät, die alte Frau vor einem in der Warteschlange fand wie immer ihren Seniorenausweis nicht und der schlecht gelaunte nach Zigaretten und altem Döner riechende Busfahrer schimpfte wütend in sein Mikrofon, dass gefälligst nur vorne eingestiegen werden sollte.

Gerade als diese Vorstellung meine Mundwinkel leicht nach schräg oben hoben ploppte mit einem Klingelton das nächste Halteziel auf: „ ZGI-Region Süd“ ich war angekommen also schnell raus, noch kurz die nächste Werbeprojektion , und schon war das Gefährt mit exakt 42,5 km/h wieder weg.

In großen Leuchtlettern schimmerte ein „ Herzlich Willkommen im Zentralem Gesundheitsinstitut Region Süd“ über der Eingangshalle des 20 stöckigen Gebäudes.

Pünktlich um 07:15 passierte ich die Eingangstür und die Sensorstelle neben der Tür vermerkte knapp- „Anwesenheit-Kommen“. Durch die weitläufige und prachtvoll dekorierte Eingangshalle, welche einem vormals arabischen Luxushotel nachgeahmt worden ist, geht mein Weg vorbei an dem großen Rezeptionsempfangstresen, an welchem um diese Uhrzeit noch relativ wenig Publikumsverkehr herrscht, direkt auf die Glaslifte zu.

Die Wachdrohne verlangt mit freundlich aber bestimmter Stimme meinen Zugangsausweis. Nach kurzem Bioscan dann ein blechernes:  „ Zutritt erlaubt, Guten Morgen Manager 1“.

Ja in der Zukunft hat sich bewährt die Funktion, sowie eine Personennummer statt lästiger Namen zu verwenden. So ist sichergestellt, dass es keine Verwechselungen bei der Arbeit gibt. War ja auch eine Unart mit 3 Müller und 4 Schmidts zu arbeiten.

Der Glaslift öffnete sich und nach dem Manager 214 und Servicefrau 157 mit eingestiegen waren schloss er lautlos die Tür und setzte sich sanft in Bewegung. Für mehr als ein Guten Morgen reichte es nicht, da Manager 214 bereits im 2. OG aussteigen musste. Mit Servicefrau 157 fuhr ich noch bis ins 8 OG, dann verlies auch diese mich. Selbst im Jahr 2146 waren Gespräche in Aufzügen noch nicht regelhaft möglich. Irgendwie musste dieses soziale Schweigen genetisch programmiert sein, ebenso wie seltsame „ Aufzugsmusik“ sich über die Jahrhunderte durchzusetzen vermochte.

Im 20.OG angekommen war es nun auch für mich an der Zeit auszusteigen. Den langen Flur zierte ein für mein Dafürhalten super hässlicher blaugrünlicher Teppichboden mit „ Firmenlogo“. Zu beiden Seiten lagen die Büros und jeweils am Ende des Flures sorgten große Panoramafenster für eine grandiose Aussicht und ausreichend Tageslicht. Leider musste dieses jedoch durch spezielle im Glas verbaute Filter gedämpft werden, so dass sich das Gebäude nicht zu sehr  aufheizte . Es herrschte daher ein stets unterschwellig vorhandener Rotton  im  gesamten Gebäude. Nun Teppich und das künstliche Licht sorgten für eine entsprechende Neutralisation. Empfindliche Menschen und andere Geschöpfe der Natur leiden bisweilen unter diesen Phänomenen, aber dank unserer fortgeschrittener Psychoneurowissenschaften gibt es auch hier ausreichend Linderung. Die Arbeitgeber locken außerdem mit Zusatzcredits wegen Arbeiten bei „ künstlichen Licht“ und beschweren darf ich mich schon gar nicht, denn wo kann man Gesundheit besser erlangen als in einem ZGI ?

Büro 7001/4 mein Arbeitsraum, schon wenige Schritte entfernt erkennt der Türsensor meine Anwesenheit und entriegelt mit einem Klackgeräusch die Tür. Nahezu mühlos gelingt mir nun das Öffnen, die automatische Türöffnungsfunktion habe ich aus nostalgischen Gründen bereits vor Jahren in meinem Benutzerprofil deaktiviert. Irgendwie tut es mir gut , Etwas anzufassen und noch selbst zu bewegen in dieser automatisierten Welt. Auch mein Schreibtisch ist eher eine Antiquität und besitzt sogar noch Schubladen. Ich nehme auf dem ergonomisch geformten Bürostuhl mit Massage-Lüftungs -und Wirbelsäulenunterstüzungsfunktion platz und starte mittels Gestensteuerung mein Arbeitsinterface. Sofort erscheint vor mir das holographische Laptop und meine künstliche ID-Assistentin, ich habe sie Emma getauft, begrüßt mich:

„ Lade Funktionen.. es liegen 65 wichtige Updates vor. Möchten Sie diese nun installieren ?“

Diese rhetorische Frage meiner PC-ID auch wenn sie noch so freundlich vorgetragen, erzeugt in mir Frust und Ärger. Nein natürlich wünsche ich dies nicht, aber es bleibt mir ja eh Nichts Anderes übrig, du blödes Ding denke ich und bestätige die Updatefunktion. Dieser Gefühlsausbruch bleibt meiner Smartwatch natürlich nicht verborgen, sofort quittiert diese mit einem Bioalarm: „ Achtung Stresspegel und Cortisol steigt, Beruhigung empfohlen.“ Der Stuhl auf welchem ich sitze geht in die Massagefunktion, das Licht wechselt in ein beschauliches Blau und das Soundsystem spielt Plätschergeräusche und Vogelgezwitscher ab. Rührend wie sich die Technik um mich sorgt.

Ich lasse mich tiefer in den Stuhl sinken und blicke aus meinem Panoramafenster auf den Vorplatz des Gebäudes. So langsam kommen immer mehr Leute und Transportkapseln an. Der Komplex erwacht zum Leben. Einige Vögel, ja die gibt es auch noch ziehen zügig vorbei und suchen schnell Schutz unter Bäumen und Dächern. Die wenigen Menschen im Freien tun es ihnen gleich. Die Sonne brennt nun erbarmungslos nieder, als ob sie uns einen Vorgeschmack von dem geben möchte was unserem Sonnensystem in einigen Milliarden Jahren unweigerlich droht.

Aber dann werden wir Alle wohl eh nicht mehr hier sein, es sei denn es gelingt unseren Forschern der Sektion G endlich unseren Verstand in ein großes Netzwerk zu laden, so könnten wir quasi ewig im Kollektiv leben. Die Vorstellung amüsiert mich, dann wäre ich vielleicht auch mal ein Update und würde mich nicht hochladen lassen wollen. Apropos meine Emma inzwischen wieder „ EWA- für Electronic wireless assistent“ kämpft verzweifelt mit eben diesen und meldet nun: „ Verbindung nicht möglich – Neustart !“.

Wenn doch Alles so einfach wäre, Reset und Neustart. Die Zeiterfassungseinheit in meinem Büro ermahnt mich, dass ich bereits seit 15min unproduktiv sei und es nun endlich los gehen müsse. Meine Smartwatch hingegen registriert fallende Cortisolspiegel und beendet das Wellnessprogramm.

Unfassbar wie die Maschinen unser Leben bestimmen, ganz ohne Gewalt und Atomkrieg, wie in alten Actionfilmen prophezeit, haben Apps, Updates und Sensoren friedlich aber bestimmt unsere Welt übernommen.

Dann fällt mein Blick auf den News-Screen. Hier flimmern quasi topaktuell die neusten Nachrichten rein. Das Wetter ist heiß bis zu 70°C, die Eurozone hat gerade mal wieder im Ranking gegen den Asiakomplex verloren, die Fußball-WM findet nächstes Jahr mal wieder in Pjöngjang statt. Die 3860 Staffel von DSDS beginnt in Plattling und der Pharmariese Biopfitec-Sanofis bringt sein neues Potenzmittel-Comfix II auf den Markt. Im Tierversuch konnte die Erektion von Meerkatzen auf 3h erhöht werden. Ein Luststeigerndes Pendant für Frauen wird ebenfalls erwartet.

EWA, die nun wieder Emma geworden ist meldet : „ Neustart erfolgreich. Lade Terminplan !“

Formulare, Anordnungen, Statistik, Tabellen, Meetings per Stream mit der Konzernzentrale in Ohio etc. pp.

Wie in Trance wische und gestikuliere ich mich durch die holographische Welt und erledige die anstehenden und angezeigten Termine und Aufgaben vor mir.  Nach einer kurzen Zeit meldet sich der Getränkeautomat und meint ich bräuchte einen Vitamintrunk. Dieses Zeug ist echt widerlich aber angeblich genau das Was mein Gehirn nun bräuchte laut Sensor. Also dann runter damit und weiter geht es mit der Arbeit. Mein Produktivitätslevel steigt auf 85 % verkündet die Zeiterfassungseinheit, 5% weniger als gestern um die gleiche Zeit, aber noch im grünen Bereich, daher schöne grüne Letter.

Gerade als die Pausenperiode beginnen sollte und alle Arbeitsgeräte kurzfristig in den Standbymodus schalten damit das menschliche Personal auch wirklich Pause machen kann, erregt ein kleiner blinkender Balken in meinem Terminplan meine Aufmerksamkeit.

„ Ungewöhnlicher Vorfall unbekannter Stufe“ steht da. Schnell verneine ich den Pausenmodus und öffne den Fall. Die Smartwatch wünscht hingegen Pause und schlägt mir ein Informationsvideo zum Thema Work-Life- Balance vor. Auch dieses lehne ich mit einer Wischbewegung meiner Hände ab. Der Fallbildschirm öffnet sich und ich erhalte eine kurze Beschreibung. Offenbar gibt es eine Kundenbeschwerde in einer Aufnahmestation. Das Servicepersonal kann den Fall aber aus irgendeinem Grund nicht lösen und hat den Sicherheitsalarm ausgelöst. Die Wächterroboter haben sofort den Bereich gesperrt und den Querulanten umstellt. Allerdings können sie aktuell wohl kein Gefährdungs-oder Problemprotokoll erstellen und ersuchen daher um menschliche Hilfe.

Die Meldekette ist bereits in vollem Gange und mehrere Casemanager sind bereits involviert jedoch bisher ohne Erfolg. So langsam erregt der Fall mein Interesse und ich denke als leitender Manager sollte ich doch mal persönlich nach dem Rechten sehen. Eine sehr willkommene Abwechselung im standardisierten Tagesablauf ist dies sowieso.

Naturgemäß sieht dass die Smartwatch anders und aktiviert erneut das Wellnessprogramm, diesmal breche ich das Geplätscher jedoch mit einer schnellen Handbewegung sofort ab. Sehr zum Unmut der beteiligten Geräte, welche fast schon vorwurfsvoll ihren Dienst mit den Worten: „ Abbruch“ beenden.

Der Gang zum Glaslift und die Fahrt in die entsprechende Abteilung vergehen wie im Flug. Wie ein kleines Kind vor dem Weihnachtsabend freue ich mich als sich die schweren Sicherheitstüren der abgeriegelten Abteilung endlich öffnen. Die Szene die sich vor meinen Augen danach abspielt könnte bizzarer nicht sein. 3 große Wachroboter befinden sich  in Reihe aufgestellt vor einem alten wild mit den Händen fuchtelnden Mann mit weißmeliertem dünnen Haupthaar und einem Gehstock. Sein kleiner aber doch deutlich hervortretender Bauch wird durch die zwei viel zu langen Hosenträger kaum gebändigt. Sein runzeliges Gesicht zieren zwei sehr buschige, aber durchaus gepflegt wirkende Augenbrauen sowie ein viel zu langer Schnauzbart.

2 Servicedamen stehen mit weit offenen Augen und Mündern da und erscheinen wie zu Salzsäulen erstarrt. Der Alte flucht zum herzerweichen:

 „ Hunsvereck di oladatschn nu a mal ! Die goibe Lissl brennt mi aufn Buckl draff das nima schee is..mei i hab an Durscht ! Verstehts ihr Blecheimer desa nida ? A Seila bra i etza sonst geht’s ma mitm oarsch aufs gbüsch  zua !“

Die Rhetorik des Kunden wird durch das universelle Sprachprogramm mehrfach nicht erkannt und die Maschinen antworten dem verärgerten Opa in allen erdenklichen Sprachen der Erde, was diesen nur noch wütender macht. Die Servicedamen rühren sich derweilen nicht vom Fleck   und bringen keinen Ton hervor.

Entfernten Vorfahren sei dank kann ich mit den Lauten des Alten etwas anfangen und trete durch die Roboterreihe auf ihn zu. Mit freundlicher Stimme begrüße ich ihn: „ Habe dere. A Seila ham da nidda. Aba i koa dir ahns bringa lassa.“ Kaum waren meine Worte verhallt, wurde der Alte ganz ruhig, senkte die Arme und stieß einen zufriedenen Seufzer aus.

Ruckartig riss er beide Arme und seinen Stock in die Höhe und gröllte aus vollem Halse: „ Endli a Gscheidaaaaa…“ weiter kam er nicht, denn die Roboter vermuteten einen Angriff und schossen sofort mit ihren Elektroschockern auf den Mann. Zuckend und gurgelnd schwankte dieser umher, dann fiel er mit weit aufgerissenen Augen wie ein Baumstamm nach hinten um und schlug donnernd mit dem Hinterkopf auf den blank polierten Boden auf. Seine dünne und schwache Kopfhaut platzte und sofort spritzte eine nicht unerhebliche Menge hellroten Blutes an die Wand . Sein Haar färbte sich rötlich  , die Servicedamen waren kurz vor einem Kollaps die Roboter meldeten stupide: „ Angriff abgewehrt !“

Gerade als der Blutsee um den Kopf des Alten beginnen wollte sich in Richtung Wand auszubreiten rauschten 2 Sanroboter um die Ecke und verödeten blitzschnell die Kopfplatzwunde mittels Elektrokauter. Nun noch schnell die Blutlache desinfiziert und aufgesaugt und schon waren die Sanis verschwunden. Natürlich buchten Sie dem Mann seine letzten 50 Credits ab.

Dies führte dazu, dass er sich nicht mehr in der Position befand , weiter in diesem ehrenwerten Gang zu liegen. Pflichtbewusst griffen die Wachhunde den weiterhin bewusstlosen Alten und schleppten ihn in Richtung Ausgang. Seinen Gehstock liesen sie ungeachtet liegen. Meinen Protest und meine Stoppbefehle ignorierten die Roboter konsequent und konterten meine Beschwerden und Hinweise ich sei doch der Manager 1 dieser Einrichtung, mit der immer gleichen Meldung: „ Sozialcredits nicht ausreichend, verlassen Sie den Bereich umgehend.“  Entsetzt schaute ich die beiden Servicedamen an und fragte diese: „ Können Sie nicht irgendwie helfen ?“  Servicedame 162 schüttelte wie ein Wackeldackel ihren Kopf, Servicedame 262 brachte wenigstens ein plumpes „ Nein“ hervor.

Entsetzt und leicht angewidert dreht ich mich um und schlurfte zurück in Richtung Aufzug. Bevor ich um die Ecke bog blökte Servicedame 262 mir hinterher: „ Wir sind doch nur für den Service da und nicht um zu helfen.“ Sie ordnete noch schnell ihr verrutschtes Dekolleté, warf den Kopf trotzig nach hinten, so dass ihr mahagoni- glänzendes schulterlanges Haar umherwirbelte. Kaum war die letzte Haarsträhne wieder geordnet, machte Sie auf der Stelle kehrt und stapfte davon.

Wie recht sie doch hatte.

Auf der Fahrt zurück in die oberste Etage versuchte ich mich zu erinnern, was ich eigentlich einmal machen wollte und was genau mein Beruf früher war. Manche sprachen von einer Art Berufung oder Gabe, Beides fehlte mir gerade irgendwie sehr. So stark und intensiv ich auch versuchte mein Gedächtnis zu durchforsten, mir wollte der Begriff einfach nicht einfallen. Das der Aufzug meinte er müsse mein Gemüt mit lustigen Melodien erhellen war ebenfalls nicht hilfreich. Die Smartwatch meldete erneut: „ Achtung hohes Stresslevel, Entspannung empfohlen.“

Bevor der Fahrstuhl auf Wellness umschaltete erreichten wir das 20. OG und ich konnte der Entspannung entfliehen. Im Büro angekommen ploppte sofort ein Messengerfenster im Raum auf. In großen Buchstaben prangerte der Satz „ Daheim ruft an“ im Raum. Obwohl ich wusste ,dass es sich um eine Standardmeldung handeln musste, hoffte ich ins geheim, dass ein menschliches Wesen anrufen würde mit dem ich das soeben erlebte sofort besprechen hätte können.

 Aber stattdessen war es meine Küche, welche mir nach Synchronisation mit dem Kühlschrank das Abendmenü vorstellen wollte und mich nach dem Getränk fragte. Verschiedene Säfte und Wässer wären im Angebot.  Energisch lehnte ich ab und öffnete das Zusatz-Menü, Unterpunkt- Alkohol. Nach mehrfachen Bestätigungen und Warnungen, dass Alkohol nicht gesund sei und 20 Strafcredits für mich bedeuten würde, konnte ich trotzdem ein Bier 0.5l auswählen. Den im Anschluss an die Bestellung empfohlenen Hinweisfilm der Gesundheitsbehörde zum Thema Alkohol lehnte ich dankend und ohne schlechtes Gewissen ab.

Zufriedener sank ich auf den Bürostuhl und plötzlich durchfuhr mich ein Geistesblitz. Der Name meines ursprünglichen Berufes fiel mir wieder ein, ja und noch besser ich wusste sogar einen Ort an welchem dieser Name ganz groß Stand. Zügig öffnete ich die Schublade in meinem Schreibtisch und holte ein vergilbtes Stück Papier ganz unten aus der Lade. Da Stand es in schwarzen nicht allzu großen Buchstaben der Schriftart „ Calibri“ – Approbation als Arzt.

Genau Arzt, Heiler oder Helfer. Aber nun waren wir ja nur mehr für den Service da. Wie konnte dies passieren und Was ist wohl mit dem Alten geschehen ? Musste er wie die alten Zeiten einfach weg?   Noch bevor ich mir weiter Gedanken machen konnte, über heilen, helfen, die alte Zeit und Sozialcredits, meldete sich die Zeiterfassungseinheit und verkündete knapp: „15:45 Ende der Arbeitszeit, verlassen Sie das Gebäude.“

Erschöpft trottet ich in Richtung Ausgang, durch die prächtige Halle, vorbei an der Rezeption und den vielen wartenden Kunden. Die Sensoreinheit meldete schnell noch: „ Anwesenheit- Gehen- 500 Credits verdient- schönen Abend“ und schon war ich auf dem Vorplatz. Inzwischen herrschten erträgliche 35 °C . Im rechten Augenwinkel erspähte ich die Service-und Entsorgungseinheiten, welche wie immer pünktlich am Müllterminal andockten. Unter lauten pfeiff-piep und anderen Warntönen versuchten die Transporter den für mich viel zu umständlich anmutenden Andockvorgang zu beenden.  Abrupt blieb der Transporter stehen und quittierte den Abbruchvorgang mit einem: „ Dies ist ein automatisches Entsorgungssystem, bitte machen Sie den Weg frei.“ Nun erblickte ich zwischen Transporter und Rampe, den Alten von gerade eben, wild umhergestikulieren und schimpfend.: „ Zefix halleluja, ned a ma lauffa lassa se ona. I hobs ja glei du Sau-hundsverecker.“ Dann grunzte er weiter in sein Handy: „ Jo etza kumm holts mi nimma widda geh i da nei, a Krankes-Zentrum is des, und a Seila hams a ned.“

So merkwürdig die Szene auch anmuten mochte, so bezeichnend war sie doch für diese Zeit. Das Menschliche und oft Unzulängliche hatte keinen Platz in dieser Welt und musste der nüchternen Effektivität der Technik weichen.

Durchaus betrübt aber auch amüsiert ob des kautzigen Opas erhöhte ich meine Schrittzahl, denn  das nächste Sammeltaxi war schon in der Anfahrt. Den obligatorischen Werbespot ignorierte ich vollends und lies mich auf der viel zu weichen Sitzbank des Fahrzeuges nieder. Die Smartwatch bewertete meinen Zustand nun mit einem 90% tigen Fitnessquotient.

Na dann ist ja Alles in Bester Ordnung und ich freue mich schon auf das Bier . Wohlwissend, dass dies meine Sozialcredits und mein Fitnesslevel nicht verbessern wird.

 

 Prosit auf die Zukunft !

 

Von A. Horn(03/23)  gewidmet meiner Familie

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.03.2023. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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Dieses Buch ist ein Teil meines Lebens, das ich schrieb, als ich gerade mein zweites Kind verloren hatte. Bis dahin war mir unbegreiflich, warum es gerade immer mich traf, dieses viele Pech und Unglück. Mir alles von der Seele zu schreiben, war eine große Erleichterung für mich, zu vergleichen mit einer Therapie. Es half mir einfach . In dem Moment , als ich alles Erlebte niederschrieb, durchlebte ich zwar alles noch einmal und es schmerzte, doch ich hatte mir alles von der Seele geschrieben und fühlte mich erleichtert. Genau dieses Gefühl, möchte ich an Leser heranbringen, die auch vom Pech verfolgt sind, damit sie sehen, das es trotzdem doch immer weiter geht im Leben. Ebenso möchte ich es an Menschen heranbringen, die nicht soviel Pech im Leben hatten, aber sich gar nicht mit anderen Sorgen von Fremden belasten wollen. Und wenn es nur ein einfaches Gespräch oder ein guter Rat ist, das hilft schon sehr viel.

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