Ann-Kristin Jacobs

Lavendel

„Ich hatte dich schon lange besuchen wollen. Aber du weißt ja, wie das ist… Immer kommt irgendwas dazwischen.“

Ich gebe ihr die Blumen, die ich mitgebracht habe. Schweigend nimmt sie diese an. Tatsächlich war ich viel zu lange nicht hier.

„Warum ich jetzt hier bin?“ Einen Moment versuche ich, die richtigen Worte zu finden, aber dann rede ich doch einfach drauflos. „Ich glaube, ich brauche einfach ein offenes Ohr, vielleicht einen Ratschlag.“

Wieso rieche ich plötzlich Lavendel?

„Ich hätte gerne auch mit Opa gesprochen, aber er ist zu lange fort. Er kannte mich als Kind, doch hat er nicht mehr erlebt, wie ich erwachsen wurde.“

Einen Moment schweigen wir. Auch um uns herum ist es still. Mit einem verhaltenen Lächeln schaue ich zu ihr, spüre Tränen in meinen Augen. Einen Moment verschwimmt alles und ich kann sie kaum erkennen.

Sie braucht die Frage gar nicht stellen, ich antworte auch so: „Weißt du, mit meinen Eltern kann ich darüber nicht reden. Eltern wollen immer das Vernünftigste für ihr Kind. Aber das hilft mir gerade nicht. Darum bin ich bei dir. Großeltern wollen nicht das Vernünftigste, sondern das Beste.“

Ist das ein Lächeln? Ich blicke mich um, schaue an ihr vorbei und fühle mich in meine Kindheit zurückversetzt. Ich sehe und spüre die zarten Grashalme, die sich ihren Weg durch die dichte Moosdecke bahnen. Ich bestaune die Eichen und den Rhododendron, rieche den vertrauten Duft von all den Pflanzen der Heide.

Wo war doch gleich der Ameisenhaufen, den ich immer respektvoll beobachtet habe, wenn wir Opa besuchten?

Auf dem Baum über ihr setzt sich ein Rotkehlchen auf einen dünnen Zweig, schaut zu uns herab, dann lässt es sein Lied erklingen.

„Du musst gar nichts sagen, ich weiß schon, was du mir rätst. Danke. Für alles.“

Das Rotkehlchen fliegt weiter. Ich schenke ihr ein Lächeln. „Ich werde auf mein Herz hören. Danke.“

Ich drehe mich um, gehe langsam mit dem Blick in die hohen Kiefern unter Vogelgezwitscher den vertrauten Weg entlang.

„Warum ist Opa nicht mehr bei dir?“, flüstere ich, als ich den Waldfriedhof verlasse.


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.04.2023. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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Die Gedichte begleiten durch die vier Jahreszeiten und erzählen wie die Natur erwacht, blüht und welkt, wissen von reicher Ernte zu berichten. Der Spätsommer im Park, winterliche Gefilde oder Mailandschaften scheinen auf. Der Autor verwendet meist gereimte Zeilen, zeigt sich als Suchender, der neues Terrain entdecken möchte. Der Band spricht von den Zeiten der Liebe, zeigt enttäuschte Hoffnungen und die Spur der Einsamkeit. Wut und Trauer werden nicht ausgespart. Es dreht sich das Kaleidoskop der Emotionen. Der kritische Blick auf die Gesellschaft und sich selbst kommt zum Zuge. Kassandras Rufe sind zu hören. Zu guter Letzt würzt ein Kapitel Humor und Satire. So nimmt der Autor seine Zettelwirtschaft aufs Korn, ein hoffnungsloser Fall.

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