Brigitte Waldner

Acht Jahre Haft für Siegfried und Kurt

Am 30. November 1958
trafen sich Siegfried, 19, Hilfsarbeiter,
und sein Spießgeselle Kurt, 22, Maurer,
im Autobus und vereinbarten,
in der Stadt „Mädchen zu suchen“.
Wie Siegfried eingestand, Kurt jedoch bestritt,
besprachen sie, gewalttätig zu werden.
Sie besuchten ein Gasthaus, tanzten
und brachten ihre Tänzerinnen heim,
ohne sich ihnen genähert zu haben.

Danach begegnete Kurt in der Bahnhofsstraße
der Christine H., einer 20-jährigen Landarbeiterin,
die ihren Anschlusszug nach Rothenthurn versäumt hatte
und den 8 km langen Heimweg zu Fuß antrat.
Er sprach das Mädchen an, ob er sie mit seinem Motorrad
das beim Bahnhof stünde, heimfahren sollte.
Das Mädchen nahm das Angebot an.
Dann kam Siegfried hinzu und sagte:
„Blödsinn, mein Wagen steht am Fratres!“
Das ist ein Berg im Norden der Stadt.
Sie gingen in Richtung Fratres und Siegfried ging voraus,
den Wagen zu holen.
Inzwischen versuchte Kurt, das Mädchen gefügig zu machen.
In diesem Moment kam Siegfried wieder zurück.
Als sich das Mädchen sträubte, mizukommen,
packten es die beiden Burschen und zerrten es weiter.
Dann zog Siegfried seinen „Tschinkel“ (Taschenveitel),
setzte ihn dem Mädchen an die Brust und Kurt schrie:
„Wenn d‘ net willst, schieß ich dich z’samm‘!“
Er hielt seinen Taschenkamm so in der Hand,
dass das Mädchen annehmen musste,
er hantiert mit einer Schusswaffe.

Kurt stieß das Mädchen zu Boden.
Beide vergingen sich in gemeinster Weise an ihr.
Trotz der Kälte zwangen sie es, sich völlig auszuziehen.
Siegfried durchwühlte danach Christines Handtasche
und raubte ihr Bargeld: ganze 7 Schilling, (das sind 51 Cent.)!
Siegfried riss Christines Armbanduhr herunter
und schenkte sie später seiner Frau,
der er erzählte, er habe sie im Autobus gefunden.

Am Heiligen Abend begegnete Siegfried in der Stadt
die 19-jährige Köchin Maria S., die gerade aus dem Autobus
ausgestiegen war.
Er täuschte ihr vor, in einer abgelegenen Straße am Fluss
würde ein Freund auf sie warten.
Als sie ablehnte, wendete er Gewalt an.
Er zerrte sie in das Finstere
und fügte ihr einen Schulterstich zu.
Als ein Motorrad vorbeifuhr,
ließ Siegfried kurz vom Opfer ab,
so konnte es flüchten.

Bei Gendarmerie und Gericht sagte Siegfried aus,
er sei von Kurt zur zweiten Gewalttat angestiftet worden.
Kurt habe ihm aus dem Dunkel Zeichen gegeben,
wann er zustechen sollte.
Da Kurt für die Tatzeit ein Alibi erbringen konnte,
gab Siegfried zu, ihn verleumdet zu haben,
damit Kurt nicht eine geringere Strafe bekäme als er.
Auch Kurt machte sich der Verleumdung schuldig.
Er unterstellte der Gendarmerie,
sein Protokoll gefälscht zu haben,
um ihn zu belasten.

In der gerichtlichen Hauptverhandlung vom 25. September 1959
war Siegfried rückhaltlos geständig,
Kurt nur im Tatsächlichen.
Er bemühte sich insbesondere, davon abzulenken,
dass er der Initiator der Verbrechen war.
Auch versuchte er, Unzurechnungsfähigkeit geltend zu machen.
Ein Gutachten wurde erforderlich.
Der Gerichtssachverständige erklärte ihn voll verantwortlich für die Tat,
wenn bei ihm auch schwacher bis mittelgradiger Schwachsinn
bei ausreichender praktischer Intelligenz vorliege.

Für den Fratresräuber Siegfried und seinen Spießgesellen Kurt
gab es für Notzucht, Raub, versuchte Notzucht und Verleumdung
je 8 Jahre Haft,
mit Dunkelhaft an jedem 30. November
und vierteljährlich hartes Lager.
Es war ein Verbrechen, das abgrundtiefe Einblicke
in die Verkommenheit zweier junger Menschen eröffnete,
eine Tat, die zwar ohne schwere Folgen für die Opfer blieb,
doch sowohl nach dem Strafgesetz,
wie auch nach dem gesunden Hausverstand,
ein Kapitalverbrechen darstellt.

Nachwort:
Kapitalverbrechen bin auch ich schon zum Opfer gefallen,
bei Siegfrieds Neffen und Sohn des Neffen,
und nicht nur einmal,
auch meine Vorfahren sind ihnen zum Opfer gefallen,
aber was soll ich erzählen?
Es glaubt ja kein Mensch etwas,
weil ihnen das keiner zutraut,
weil sie ein perfektes Doppelleben führen
und konsequent alle Taten immer leugnen
und ihre Opfer überall schlecht reden
und sich gegenseitig Alibis geben.
Das sind eiskalte Banditen,
die vor nichts zurückschrecken.

© Brigitte Waldner

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