Hans K. Reiter

Mörder ohne Rechenschaft

Guten Tag! Sie kennen mich nicht? Nein, die meisten kennen mich nicht. Nur wenige. Und die mich kennen, auch nur dem Namen nach. Wissen tun sie von mir nichts.

Ich bin ein Mörder, ein Mörder ohne Rechenschaft.

 

Meine sehr verehrten Leser:innen, heute ist so ein Tag. Jeder soll zu seinem Recht kommen, deshalb nochmal von vorne.

Meine sehr verehrten Leser (w/m/d).

Ja, so ist’s richtig. Ich meine, so habe ich Sie richtig angesprochen. Jeder (w/m/d) unter Ihnen soll und wird in meinen Vortrag eingebunden. Jedes Geschlecht wird sich wiederfinden. Zur Vereinfachung kürze ich allerdings ab. Ich beschränke mich auf m/w/d, ausgesprochen em, we, de, anstelle von männlich, weiblich und divers. Ich denke, Sie sind damit einverstanden.

 

Sehen Sie, würde ich Sie nur mit dem üblich verwendeten „Doppelpunkt und innen“ ansprechen, hätte ich alle Diversen unter Ihnen diskriminiert. Sie stimmen mir sicher zu, dass Sie solches zurecht nicht von mir erwarten dürfen.

 

Ich werde einige Passagen aus meinem neuen Roman vorlesen. Selbstverständlich habe ich die gleichen Regeln auch dort angewandt. Wo kämen wir hin, wenn in der fiktionalen Schilderung von Geschichten nicht das gleiche Recht gälte. Unsere Pflicht als Schriftsteller, em, we, de, ist es, dieses Recht mit allen Mitteln durchzusetzen.

 

Siebzehn Monate habe ich an meinem neuen Roman gearbeitet. Es war nicht immer einfach, die Recherchen oft kompliziert und verwickelt. Manches Geschick war erforderlich, um Türen zu öffnen, die den meisten Menschen verschlossen sind. Ich wollte und musste dahinter blicken. Nur so war es mir möglich, in schonungsloser Offenheit darüber zu berichten, was so lange verborgen war.

 

Mein Roman ist eine auf Tatsachen gebaute Fiktion. Lange habe ich nach dem richtigen Titel gesucht.

Verführer im Dunklen ist die Geschichte der unheiligen, jedoch auf vermeintlicher Heiligkeit beruhenden Allianz unserer Kirchenführer in der Vergangenheit und Gegenwart.

 

Vorwort

„Es sind zu viele verehrter Pater Emilio. Wir sind zu viele! Müssen wir uns nicht stellen, endlich den Schleier herunterziehen! Der Öffentlichkeit nichts mehr vormachen? Sie aufklären..., über unsere Nöte?“

„Unsere Nöte, mein Sohn? Und was ist mit den Nöten, Sorgen und Verzweiflung der anderen? Jenen Schafen Gottes, die durch unser Fehlverhalten in einen Strudel immerwährender Konflikte gerissen wurden? Deren Leben wir für alle Zeiten auf dem Gewissen, ja, zerstört haben?“

„Aber die Beichte, verehrter Pater Emilio, die Beichte...?“

„Die Beichte, mein Sohn, macht uns nicht frei von irdischer Schuld.“

 

Kapitel 1

Ein angenehmer Frühlingstag, denkt er. Das flutende Licht der Morgensonne nimmt ihn gefangen und führt seine Gedanken in jene angenehme Welt der Illusion. Als er jedoch ins Freie tritt, zerbirst diese Blase und augenblicklich malträtiert bittere Kälte jeden ungeschützten Fleck seiner Haut. Nase, Ohren, Gesicht und Hände, ja, besonders die Hände.

 

Liebe, verehrte Zuhörer, em, we, de, meine Geschichte öffnet Ihnen den Weg in die Welt der Sorglosigkeit, in der zahlreiche sogenannte Seelsorger leben. Sie sollen erfahren, warum sie unbeschwert tun und treiben können, was sie tatsächlich unfassbar tun und treiben.

Ihre Sorge um die anvertrauten Seelen ist unangemessen, oft grausam. Sie sorgen nicht, sondern zerstören.

 

Freilich mögen Sie einwenden, es gibt so viele Bereiche des Lebens, in den Experten, em, we, de, Politiker, em, we, de, Influencer, em, we, de, Wissenschaftler, em, we, de, und andere beständig eingreifen. Nehme wir exemplarisch die gegenwärtige Klimahysterie.

 

...nun sehen Sie anhand der genannten Beispiele, wie unsere Wissenschaftler, em, we, de, fortwährend, gerade wie’s passt, interpretiert und deren Forschungsergebnisse fälschlich missbraucht werden.

Wissenschaftliche Ergebnisse werden dem Gefühl, der Logik des Bauches untergeordnet, ja, unterworfen. So kommt es, dass Kohle, Gas und Holz, den Vorrang erhalten und Kernenergie ausgemustert wird. Folgt man jedoch den Wissenschaftlern, em, we, de, hätte es gerade umgekehrt sein müssen.

Es mag genügend Gründe geben, unsere Energieversorgung nicht weiter mittels Kernenergie zu betreiben, steht das Klima jedoch an erster Stelle, ist es die falsche Entscheidung, sie einzustellen.

 

Meine lieben Besucher, em, we, de, zurück zu meinem Roman, in dem ich einen Sprung vollziehe und Sie mit hineinnehme in den Vollzug einer Heiligen Messe.

...wir, liebe Gläubige, em, we, de, im Herrn, wollen nunmehr der Predigt folgen, die sich heute an die verirrten Schafe richtet, von denen der Herr sagt, jeder, der an das Himmelreich glaubt, ist willkommen im Reich Gottes.

 

Sehen Sie, ein Roman ist eine Fiktion und darf ungehindert Hürden überspringen, Dinge zusammenfassen, simplifizieren und vieles mehr. Die Wirklichkeit tut das nicht.

Die Wirklichkeit ist wie sie ist. Sie ist vielleicht sogar anders, als wir sie wahrnehmen. Jeder, me, we, de, für sich, individuell. Niemand vermag zu sagen, wie seine gegenwärtige Vorstellung von anderen wahrgenommen wird. Vorstellen findet im Kopf statt. Das wussten schon die alten Philosophen, em, we, de, und die neuen wissen es auch.

 

Im Roman haben wir erfahren, wie der Geistliche in der Predigt seinen Zuhörern, em, we, de, erklärt, warum verirrte Seelen auch Teil des Reich Gottes sind.

Verirrt...! Gehören wir nicht alle dazu? Die Bürger, em, we, de, eines Landes, die Bewohner, em, we, de, einer Region, die Mitglieder einer Familie. Ob Handwerker, em, we, de, Akademiker, em, we, de, Arbeitslose, Schüler, em, we, de, alle zählen dazu.

Als ich kürzlich im Branchenbuch nach einem Klempner, em, we, de, suchte und keinen fand, der für mich Zeit gehabt hätte, verstand ich den Ausdruck „verirrte Schafe“ völlig neu.

 

Zwei Stunden später...

 

Liebe Damen, Herren und Diverse, ich bedanke mich sehr für Ihre Aufmerksamkeit und Ihr geduldiges Eindringen in neue, tiefere Sphären unseres Empfindens und Denkens.

 

Zum Schluss möchte ich Ihnen noch ein Geständnis machen.

Mein Roman, wie Sie feststellen werden, sollten Sie ihn kaufen, was ich natürlich hoffe, ist nicht, ich betone, nicht, so geschrieben, wie hier von mir vorgestellt. Hätte ich mich im Buch ausgedrückt, wie hier vorgegeben, Sie würden es nicht kaufen oder nach wenigen Seiten weglegen.

Es ist der Lesefluss! Hindernisse behindern die Aufnahme des Geschriebenen in unser Gedächtnis. Vorstellungen, Imaginationen werden verzerrt. Sie entwickeln ein anderes als das vom Schriftsteller beabsichtigte Bild.


Hätte ich es trotzdem getan, wäre ich zum Mörder ohne Rechenschaft geworden. Zum Mörder am Lesefluss, den man, weil nicht justiziabel, für seine Tat nicht zur Rechenschaft ziehen kann.

 

Seien Sie bitte deshalb behutsam mit Ihrem Urteil, wenn jemand nicht so schreibt, wie manche ihnen glauben machen wollen, dass es das Gebot der Stunde sei.

Guten Abend und einen angenehmen Weg nach Hause!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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