Haben Sie mal zehn Cent?
Dieser Mann sieht mich an, so als wäre alles bereits klar. Zehn Cent – da musst Du nichts überlegen. Was sind schon zehn Cent. Für zehn Cent kriegt man doch gar nichts mehr. Früher war das anders. Aber da gab es noch gar keine Cents. Zehn Pfennig kostete ein Brötchen. Aber heute kann man auf zehn Cent doch gut verzichten.
Und bei zehn Cent kann sogar ich generös sein. Zumal auch meine Frau neben mir saß. Sie würde meine Großzügigkeit lieben.
Wir waren gemeinsam hier. In diesem Café. In dem es die besten Torten zum besten Kaffee geben sollte. Hatte man uns erzählt und wir hatten es geglaubt. Meine Frau gräbt ihre Kuchengabel in die Flockensahnetorte, geschickt spaltet sie ein mundgerechtes Stück ab, fast schwebend lässt sie es ihren Lippen entgegensegeln. Meine Frau nimmt keine Notiz von diesem Mann. Genüsslich schließt sie ihren Mund und zieht die komplett flockensahnetortebefreite Kuchengabel wieder heraus. Ich ahne wie die Flockensahnetorte auf ihrer Zunge zerfließt. Und ich ahne auch, dass die Sache mit den zehn Cent einen Haken hat.
Meine Frau ist nämlich auch eine Sparfüchsin. Zum Beispiel beim Tanken: Tanke nie für einssiebenunddreißig, doch wenn Du einssiebenundzwanzig siehst: TANKE. Da sind sie schon, die zehn Cent und plötzlich gar nicht mehr so wertlos. Wieso sollte ich - so mir nichts dir nichts - diesem mir völlig fremden Mann das ganze wertvolle Geld in den Rachen schieben? Da wende ich mich doch lieber meinem Stück Sachertorte zu und ahne, wie es mir gleich auf der Zunge zerfließen wird.
Die zehn Cent! Unterbricht mich der Mann. Menschenskind, zehn Cent sind doch nichts wert, da kriegst Du nichts für, und wenn die in Deinem Portemonnaie fehlen, merkst Du es gar nicht. Nicht mal vom Gewicht her. Also – ich kann hier nicht stundenlang rumstehen und warten.
Ich denke, das ist doch seine Taktik, zehn Cent fordern, weil die jeder so einfach und leichtfertig heraus gibt und dann ab zum nächsten Tisch und wenn er genug hat, versäuft er sie doch sowieso.
Kommen Sie, fuhr der Mann fort, zehn Cent sind für mich auch nichts. Erst wenn ich eine ganze Stange davon hab lohnt es sich. Und ich sage Ihnen, der beste vom Wirt selbst ausgeschenkte, eisgekühlte Bommerlunder, den gibt es in der Brunnenschänke für zwei Euro und den will ich haben.
Schon bin ich interessiert. Wo ist denn die Brunnenschenke? Der beste vom Wirt selbst ausgeschenkte, eisgekühlte Bommerlunder, den ich kenne und der dazu noch der günstigste ist, den gibt es im Scharfen Eck. Der kostet aber zweifünfzig.
Weiß doch jeder, sagt er. Das Scharfe Eck hat doch Apothekerpreise. Die Brunnenschänke ist übrigens in der Walterstrasse.
Ach da, wo der EDEKA ist?
Nein, der Edeka ist in der Wernerstrasse. Wo auch der Tiefe Grund ist. Aber der hat keinen Bommerlunder. Also – vom EDEKA aus rechts in die Wilfriedstrasse, dann links in die Wolfganggasse, geradeaus zum Wilhelmplatz, dann in die Wenzelallee und schon ist da die Walterstrasse. Und damit der beste vom Wirt selbst ausgeschenkte, eisgekühlte Bommerlunder für sage und schreibe zwei Euro.
Da stößt mich meine Frau an. Gib ihm doch endlich die zehn Cent. Was sind schon zehn Cent. Für zehn Cent kriegt man doch gar nichts mehr. Früher war das anders. Aber da gab es noch gar keine Cents. Für zehn Pfennig kriegte man ein Brötchen…
Zu Ihnen komme ich gleich, unterbricht sie der Mann.
Also zücke ich mein Portemonnaie und zähle ihm zwanzig zehn Centstücke in die Hand. Natürlich bedankt er sich nicht. Natürlich verschwinden die gesamten zehn Cent Stücke flugs in seiner Hosentasche. Natürlich wendet er sich dann meiner Frau zu. Den Wortlaut kenne ich ja schon.
Haben Sie mal zehn Cent?
Wozu brauchen Sie jetzt noch zehn Cent, fragt meine Frau ihn direkt. Naja, sagt er, das Taxi zur Brunnenschänke kostet zehn Euro. Da können Sie sich ausrechnen, wie lange ich noch sammeln muss.
Also gibt ihm meine Frau die zehn Euro.
Am Nachbartisch behauptet er, das beste Chateau Briand der gesamten Umgebung gäbe es in der Brunnenschänke für Sage und Schreibe nur 35 Euro.
Danach ist es der Rotwein, natürlich ein Medoc, die Flasche für nur 49 Euro. Ich sehe, wie der Gast ihm einen Fünfzigeuroschein gibt. Ich sehe auch, wie er dem Gast 5 meiner Zehn-Cent-Stücke zurückgibt.
Das Gespräch am Folgetisch kann ich nicht mehr verstehen.
Aber bevor ich unsere Torten und Kaffees bezahle, wende ich mich mal an den Nachbartisch:
Haben Sie mal zehn Cent?
1
Alle Geigen dieser Welt spielten für sie. Sie schwebte, wie eine Feder. Walter Kotowski hatte sie angesprochen. Der, der bei Fortuna im Tor steht, der mit dem Oberkörper, dem jede Frau süchtig hinterhersieht, der, der das Gesicht hat, das jeder Visage einer Rasiercremereklame in Nichts nachsteht. Genau der, der hatte sie angesprochen. Unfassbar. Das wahre Glück. Mehr geht nicht. Ihre Mutter würde zetern. Schließlich ist Walter Kotowskis Vater nur Taxifahrer und sein Sohn würde auch nicht mehr werden, aber ihr toller Vater ist der Bankdirektor. Ja, sie würde an diesem Abend mit Walter Kotowski in die Brunnenschänke gehen. Und nach dem Bommerlunder würde es abgehen: küssen, inniglich, lang andauernd, vor all den anderen.
2
Er hasste es, sich zu rasieren. Er würde sich nur rasieren, wenn es nicht anders ging. So wie gestern. Für seinen Einsatz. Da mussten alle Barthaare weg, besonders diese kleinen Häkchen Haare. Notwendigerweise. Sonst wäre es schief gegangen. War es aber nicht. Vorbereitung ist eben die Basis der Durchführung. Atze war pünktlich, wie immer. Er hatte das Auto besorgt und sich auch fantastisch rasiert. Mit den niegelnagelneuen Damenstrumpfhosen aus dem DM, verstärkt, für unter zehn Euro und ein Paar reichte für sie beide und den Bankraub. Danach konnten sie die Damenstrumpfhosen ohne Laufmaschen wieder abnehmen. Sie waren für Marion, der Wirtin der Brunnenschänke und für einen Teil der Beute würden sie an diesem Abend Bommerlunder saufen.
3
Sie mussten es irgendwie schaffen, das Betrover wieder in Gang zu bringen. P4 hatte sie darauf getouchert. Keine fluktive Datenlage. Solange saßen sie fest. In einer längst vergangenen Zeit. Don Shellie, die einzige Menschin an Bord wurde ausgecrownt. Es ging nicht anders. Sie wusste nicht mehr, wann sie das letzte Mal auf der Erde war. Das Security-Cross-Down wurde gechatovert. So landete die Apollo TS 6541 für die Irdischen unbemerkt. Don Shellie beamte sich in die Mode der damaligen Zeit und stieg aus. Ihre Aufgabe war es schnellstmöglich den Energieträger QTVZ zu organisieren, um den Betrover wieder in Gang zu bringen. Sie wusste, wo sie ihn finden würde. In der Brunnenschänke. Damals nannte man den QTVZ noch Bommerlunder.
4
Immer ist es das Gleiche. Schon an der Kasse im REWE dauerte viel zu lange. Dadurch hatte sie den Zug verpasst. Eigentlich kommt der immer zu spät. Diesmal aber nicht. Dafür hatte sie sich leider ein Brötchen am Bahnhof geleistet. Es war die Remoulade, die fetttriefend auf ihrer Bluse gelandet war, die sich partout mit Spucke nicht hatte entfernen lassen. Im Folgezug hatte auch noch ihr Chef gesessen und sie zu sich gewinkt. Dann hatte der geredet und geredet und mit seinen Händen gefuchtelt, mit denen er eigentlich seinen Coffee-to-go hätte halten sollen. Natürlich war der auf ihrer hellen Leinenhose gelandet. Er wollte alles wieder gut machen, heute Abend in der Brunnenschänke würde er alle Bommerlunder für sie zahlen.
5
Komm, sagt meine Frau. Ich hatte mich gerade auf dem Sofa niedergelassen. Schon die Fernbedienung in der Hand. Glücklicherweise saß der Kronkorken noch auf dem Hals der Bierflasche. Was ist, frage ich. Na, komm schon, bestimmt sie, heute Abend gehen wir in die Brunnenschänke. Sie trägt ihren wasserabweisenden Sportanzug, mit dem sie niemals in die Brunnenschänke gehen würde. Sie folgt meinem Blick. Alles hat seinen Grund, sagt sie. Lass uns morgen gehen, sage ich und greife Bierkanne und Flaschenöffner. Nein, sagt sie, heute zahlt mein Chef in der Brunnenschänke alle meine Bommerlunder und alle Deine Bommerlunder. Ich hoffe, es passt viel bei Dir rein und wenn mein Chef überläuft, tröpfelt es einfach von meinem superwasserabweisenden Sportanzug ab.
6
10 Jahre Brunnenschänke, das musste einfach gefeiert werden. Meine Frau und ich drängten uns an den Tisch ihres mit seiner Goldcard winkenden Chef’s. Von dort sahen wir das Fernsehteam. Marion, die Wirtin sprach in die Kameras: Black Friday – nur heute 30% auf jeden Bommerlunder! Voller Genuss für 2 €! Ich konnte es nicht glauben. 2 € kostete der hier jeden Tag. An was soll man da noch glauben. Selbst der Black Friday ist Fake. Aber keine Sorge. Ständig standen frisch gekühlte Bommerlunder vor mir. Marion bekam noch niegelnagelneue Damenstrumpfhosen von Ede und Atze geschenkt. Ehe die beiden an dem knutschenden Knäuel aus Bankdirektortochter und Torwart vorbei von der Polizei abgeführt wurden. Und dann kam sie. Diese wunderschöne Frau, wie aus einer anderen Welt. Sie füllte sich ordentlich Bommerlunder in ein merkwürdiges Gefäß. Dann sah sie uns und rief überschwänglich: Meine Ururgroßeltern, gab uns einen Kuss und verschwand wieder. Tatsächlich hatte sie eine gewisse Ähnlichkeit mit meiner Frau und ihrem Chef. Als mir das klar wurde, wollte ich nicht mehr in der Brunnenschänke bleiben. Beim Ausgang hielt mich Marion, die Wirtin auf. Sie hätte noch was. Ein Paket von Ede und Atze für mich. Also stolperte ich abgefüllt mit Unmengen an Bommerlunder und diesem Paket nach Hause, wo wir von da an in Saus und Braus lebten und niemals mehr Bommerlunder tranken. Vorheriger TitelNächster TitelDie Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Bernhard Dickhut).
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.05.2023.
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