Diether Petter

Mit der Gräfin beim Emmentaler

Wenn man die Leute nicht beim Wort nehmen könne: was man denn sonst mit ihren Worten machen solle?, hatte Gregorius gefragt. Der Grieche hatte laut gelacht. "Sie zum Anlass nehmen, selbst zu reden! So dass es immer weiter geht, das Reden." (Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon)

Es ist jetzt halb acht Uhr morgens an diesem Dienstag der Karwoche. Es will einfach nicht Frühling werden. Man weiss nicht, wie das alles noch weitergehen und wie es enden soll.
Die Geschichte hatte schon vor einiger Zeit begonnen, hier, wo es jetzt, so kurz vor Ostern, noch immer wieder richtig schneit.
Es schneit hier allerdings nur jetzt, in diesem nachträglich geschriebenen Vorwort. Im eigentlichen Text wird dann von Schnee keine Rede mehr sein.
Dieser Schnee fällt in dicken Flocken und verleitet dazu, an eine Geschichte zurück zu denken. Wie alles begann und wie sich eins aus dem andern ergab und wie alles gar ein recht gutes und vorläufiges Ende nahm.
Darüber sollte ein Roman geschrieben werden, dachte ich, der nicht nur die besondere Qualität einer menschlichen Beziehung zum Gegenstand gehabt hätte, sondern auch deren Auswirkungen auf die Zeit danach.

***

Heute weiss ich, dass mir zum Beispiel die andächtige Handarbeit einer Frau manches Mal die gleiche Befriedigung zu verschaffen vermag wie etwa vollmundige Zuwendung. Und umgekehrt. Entscheidend ist doch immer, wie man selber in den entscheidenden Sekunden und Minuten ein- und aufgestellt ist, ohne letztlich festgelegt zu sein. Bestimmte Dinge kann man einfach nicht planen. Je mehr man es versucht, desto sicherer misslingen sie. Es braucht immer noch Elemente einer Überraschung. Man kann sich nicht selber kitzeln, aber dennoch überraschen.
Ich beginne also einfach zu schreiben und lasse auch durchaus meine Phantasie mit mir durchgehen. Nachdem ich ja früher meine beruflich aktiven Jahre damit verbracht hatte, gutes Geld mit dem Übersetzen eher langweiliger Texten zu verdienen, will ich nun alles einfach auf- und ausschreiben wie es mir gerade in den Sinn kommt, Erfindung und Wahrheit mitunter munter mischend. Mitunter munter mischend.

1
Wenn ich schlechte Laune habe, gehe ich gerne ins Café Franko. Das hilft zwar nicht, aber wenigstens weiss ich hinterher, dass meine Laune wirklich so schlecht war, dass auch Kaffee und Kuchen nicht geholfen haben.
Es gibt nur acht oder zehn Tische dort und in den Regalen an den Wänden stehen Hunderte von Kaffee- und Teesorten zum Verkauf. Ein französisches Elternpaar mit Tochter betritt den Laden, um zwei Dosen Chai-Tee zu kaufen. Haben die in Frankreich keinen Chai-Tee? Die meisten Franzosen, die über den Rhein nach Neuenburg kommen, kaufen hier bei Aldi, dm und Lidl ein. Und füllen ihre Einkaufswägen mit grösster Überzeugung und Zufriedenheit. So sollte es jedenfalls sein. Bei Franzosen weiss man das ja nie so genau. Sie neigen nämlich zum auch zum Grummeln. Französisch "grummeler", sprich grümmellee.
Kurz darauf betritt eine Brünette in Mantel, Jeans und Stiefeln das Café. Sie schaut sich erst einmal um. Wohin soll sie sich setzen? Ich tue so als ob ich sie nicht bemerke, bis sie dann an einem Tisch mir schräg gegenüber Platz nimmt, und zwar so, dass ich sie nicht unbedingt im Blickfeld haben und den Kopf etwas nach rechts drehen müsste, wenn ich sie sehen wollte.
Ich wollte aber nicht. Ich war, wie gesagt, schlecht gelaunt. Dass sie ganz gut aussah, gab ihr kein Recht zu der Annahme, dass ich mich automatisch für sie interessieren müsste. Sie hatte sich durch die Wahl ihres Platzes allerdings den Vorteil - oder zumindest die Möglichkeit - verschafft, mich ungeniert beobachten zu können, ohne dass ich es merken musste.
Ich merkte es aber. Sie beobachtete mich zwar nicht ununterbrochen, schaute jedoch jedes Mal woanders hin, wenn sie sich von mir ertappt fühlte. Eigentlich süss. Aber mir war nicht nach süss. Der Kuchen war süss, das reichte.
Ich hatte ihn fast aufgegessen, als sie ganz eindeutig in meine Richtung schaute und mich ansprach. "Entschuldigung," sagte sie, "darf ich mich mal eben zu Ihnen setzen?"
Klar, durfte sie. Sie stand auf, machte die zwei Schritte zu meinem Tisch und setzte sich an diesen, mir gegenüber und mich freundlich anlächelnd. Dieses Lächeln hatte sie erst jetzt aufgesetzt, es war aber ziemlich natürlich und fast warm. Ihre weiche Frisur passte gut zu ihren Augen, wollte mir scheinen.
"Entschuldigung, wenn ich Sie einfach so anspreche," sagte sie und liess eine kleine Pause folgen, die ich nicht füllte. Was würde jetzt kommen? Ich sah sie an und sie sah mich an.
"Sie finden das vielleicht blöd, ist es ja eigentlich auch. Sie kennen mich nicht und denken vielleicht sonstwas."
"Nicht dass ich es blöd finde oder schlechtes von Ihnen denke, ich bin einfach nur schlecht gelaunt heute. Tut mir leid, dafür können Sie ja nichts." Ich schaute ihr fest in die Augen und senkte dann den Blick auf den Teller mit dem Rest von meinem Apfelkuchen.
"Es ist mir sehr recht, dass Sie nicht auf Flirt eingestellt sind", fuhr sie fort, "dann können wir ja ganz normal reden, auch wenn es Ihnen nicht so gut geht. Vielleicht wollen Sie darüber reden? Ich höre Ihnen gerne zu."
"Nein, nein," sage ich, "erzählen Sie lieber von sich, ich kann auch gut zuhören. Ich heisse Thiery."
Sie dachte kurz nach und sagte dann: "Okay, ich heisse "Chantal". Ich sah Deine Zeitung hier, L'Alsace, und da dachte ich, dass Du vielleicht Franzose bist. Auf jeden Fall kannst Du Französisch und ich nicht. Ich wohne drüben im Elsass, in Bantzenheim, bei Chalampé."
"Das ist ja ein Katzensprung von hier. Ich bin oft im Elsass, zum Einkaufen oder Stunden geben."
Sie schaut mich etwas unsicher an.
"Stunden geben?"
"Ich habe jahrelang in Frankreich gelebt und unter anderem privat Deutschunterricht gegeben. Im Elsass gebe ich auch Französisch, für Deutsche."

2
Am Donnerstag darauf klingelte ich wie verabredet an ihrer Haustür in der Rue de la Chapelle. Es war fünf Uhr nachmittags, cinq heures l'après midi.. "Chantals" Häuschen hatte einen kleinen gepflegten Vorgarten und machte insgesamt einen friedlichen und freundlichen Eindruck.
Die Tür öffnete sich und sie stand vor mir. In einem nur flüchtig geschlossenen Hausmantel. Sehr sexy. Der Modus unseres Treffens war damit eindeutig vorgegeben. Wir brauchten nicht viel drumrum zu reden.
"Ah, c'était magnifique", sagte ich alsbald, "Du machst das so schön. Willst Du meine cinq-à-sept werden?" fragte ich. "Meine von fünf bis sieben?"
Sie schaut mich an, verzieht ein wenig den Mund und kullert die Augen: "Und was ist das?"
Das ist eine Geliebte für die Zeit zwischen Büroschluss um fünf und dem Abendessen daheim um sieben. Ich hab zwar nicht um fünf Büroschluss und muss auch nicht um sieben daheim sein. Aber die Zeit gefällt mir. Und Du gefällst mir. Wie Du mir grade die "Pfeife gemacht" hast, das war sensationell."
Sie kullert nochmal.
Wir tranken dann noch was und ich brachte ihr noch ein paar französische Wörter und Sätze bei. Ich war ja jetzt ihr Französischlehrer.
Gegen sieben verabschiedete ich mich, nachdem ich ihr diskret Scheine auf den Couchtisch gelegt hatte. Sie hatte es gesehen und nichts gesagt. Daraus schloss ich, dass sie finanziell einverstanden war.
"Bis nächsten Donnerstag um fünf?" fragte ich.
"Ja, gerne. Kannst auch jederzeit anrufen. Falls Du nicht kannst. Oder falls Dir schon früher danach ist."
"Okay, bis dann," sagte ich, die Tür hinter mir schliessend.

3
Jetzt ist es mir das alles schon ziemlich fremd. Ich habe solche Phantasien seltener. Ich habe wieder geheiratet, eine zwanzig Jahre jüngere Frau. Ich habe ein neues Gleichgewicht gefunden.
Ich habe Gefallen daran gefunden, auch Dinge zu tun, die nicht über sich hinausweisen, die nur den Augenblick wert sind, in dem sie stattfinden.
Wenn man ein Eis in Brunnen am Ufer des Vierwaldstätter Sees isst, dann ist das nicht schöner und bedeutender als ein Eis in Brunnen am Ufer des Vierwaldstätter Sees oder ein Pfund Kirschen an einem Baggersee zu essen. Man kann sich weder den See noch die Schweiz aneignen. Noch nicht einmal das Eis geschweige denn die Kirschen, so schnell ist es verzehrt, sind die Kerne ausgespuckt.
Und doch verzehren wir uns nach allerlei flüchtigen Genüssen.
"Wenn ich reich wäre, würde ich keineswegs um die Erde reisen. Zwar, das wäre ja gar nicht so übel. Aber ich sehe nichts Berauschendes dahinter, das Fremde flüchtig kennen zu lernen. Im allgemeinen würde ich es verschmähen, mich, wie man so sagt, weiter auszubilden. Mich würde eher die Tiefe, die Seele, als die Ferne und Weite locken. Das Naheliegende zu untersuchen würde mich reizen. Ich kaufte mir auch gar nichts. Ich würde mir keinen Besitz anschaffen." (Jakob von Gunten)

4
"Wenn Du Lust hast", sagte ich am Telefon, "können wir uns vorher im Bombastic in Müllheim treffen." Es war Mittwoch, der Tag vor unserem Treffen.
"Die haben durchgehend warme Küche. Da könnten wir eine Pizza essen oder was Du eben so magst. Ich lade Dich ein."
"Das ist lieb von Dir. Ich komme gerne. Und danach gehen wir dann zu mir?"
"Ja."
"Ich freue mich. Also dann bis morgen um vier. Und dann bin ich Deine  Cinq-à-sept."
Wir lachten beide.
"Très bien", sage ich. "Tu apprends vite. Du lernst schnell."

5
Abends schrieb ich in mein Tagebuch.
Zur Zeit lebe ich ziemlich oberflächlich. Ich versuche zwar, möglichst alles richtig oder wenigstens nicht allzu viel falsch zu machen, aber was heisst das schon!
Ich habe immer öfter das Klischee vom erfolglosen Schriftsteller vor Augen, der in älteren Filmen vor einer Schreibmaschine sitzt, bei der man direkt auf den eingespannten Papierbogen tippt. Der erfolglose Schriftsteller reisst dann immer wieder ein Blatt aus der Maschine, zerknüllt es und wirft es mitten ins Zimmer, auf den Boden oder, im besseren Fall, in den Papierkorb.
Ich werde mich einfach daran gewöhnen, mich so zu akzeptieren wie ich bin. Ein erfolgloser Schriftsteller. Unliebige Textpassagen nicht zerknüllen, sondern einfach LÖSCHEN. DELETE.
Andere sammeln Briefmarken oder bauen den Kölner Dom aus Streichhölzern nach. Üben jahrelang einen langweiligen Beruf aus, haben Ehestreit, fahren in überfüllte Urlaubsorte. Es gibt tausend Arten, seine Zeit zu verschwenden. Warum sollte ich nicht das Recht haben, meine Zeit als erfolgloser Schriftsteller zu verbringen? Ich kann es mir leisten, das sogar mit einer gewissen Hingabe zu tun. Das hat doch was!
Mit dem Schreiben ist es wie mit dem Sex. Wenn man einmal auf den Geschmack gekommen ist, braucht man es fast jeden Tag.

6
"Hast Du heute noch was vor?" fragte ich meine ältere Dame, Waltraud.
"Nein", antwortete sie und schaute mich fragend an.
"Dann würde ich nachher noch gerne ein bisschen mit Dir spazieren fahren. Ist das okay für Dich?"
"Ja, gerne", antwortete sie, schaute noch immer ein wenig fragend und - warum auch immer - errötete ganz leicht und kurz. Vorher.
Sie war wirklich eine begnadete Bläserin! Sie machte es immer mit viel Andacht, Inbrunst und Hingabe. Während ich mich ihr hingab. Danach drehte ich sie sanft auf den Rücken und begann, mit Mund und Hand, es ihr gutgehen zu lassen.
Wir nahmen dann meinen Wagen, um auf der B3 Richtung Schweiz zu fahren. Bei Weil am Rhein nahmen wir den Grenzübergang nach Riehen und gingen dort in eine Pizzeria.
"Weisst Du, der Mensch", begann ich nach dem Studium der Speisekarte, "hat ja immer zwei Bestrebungen gleichzeitig. Einerseits die Kontinuität, also dass es immer weitergehen soll, und andererseits die Finalität, also dass es bald mal endet, dass ein Ziel erreicht wird. Das sind eigentlich zwei gegenläufige Bestrebungen, aber so ist das nun mal im Leben."
Sie schaute mich an ohne etwas zu sagen. Ich spürte, wie sie nachdachte.
"Sprich weiter", sagte sie.
"Du merkst es ja in diesem Moment selber. Einerseits möchtest Du, dass ich weiterrede, andererseits hoffst Du, dass ich mit meinen Erklärungen zu einem Ende komme."
"Schon klar", sagte sie mit einem freundlichen Lächeln.
"Manchmal weiss man gar nicht, was man sich grade mehr wünschen soll: dass es so weitergeht wie es ist oder dass es endet, damit etwas Neues beginnen kann. Wenn ich an die Beziehung zwischen Dir, "Chantal" und mir denke, an unsere erotische Dreiecksbeziehung, dann frage ich mich doch, wie lange das so weitergehen und wo das noch enden soll. Es dauert halt so lange wie es dauert, habe ich mir gesagt."
"Ich bin zur Zeit in so einer Art Schwebezustand. Alles ist irgendwie beliebig. Ich weiss meistens gar nicht, ob es mir grade eher gut oder eher schlecht geht. Es geht halt so irgendwie. Ist ja interessant, dass der Franzose meistens nur fragt, ob es geht und nicht, wie es geht. "Ca va? Geht's?" heisst die Frage und ebenso die Antwort. "Ca va! Es geht!"
Was die Gedanken betrifft, die mir dauernd durch den Kopf gehen, weiss ich oft nicht mehr, ob es wirklich meine Gedanken oder nur Gedankenspiele und sozusagen Zitate sind.
"Ich möchte, dass es so lange dauert wie es dauert", sagte ich.

7
Hallo Tagebuch!
"Chantal" ist ja ganz nett und der Sex mit ihr ist auch sehr gut. Aber wohin soll das führen? Alles kann sich von heute auf morgen ändern.
Manchmal frage ich mich, wo sich das wahre Leben abspielt. Immer habe ich alle paar Jahre ein neues Leben angefangen, bin umgezogen, habe Partnerin und Freunde gewechselt, aber nie irgendwo richtig dazugehört. Warum sollte sich das jetzt, auf einmal, ändern? Ist der erfolglose Versuch, mein jetziges Leben als konsequente Fortsetzung meines bisherigen zu verstehen, nicht gerade deswegen unlogisch, weil es in meinem Leben nie reine Fortsetzungen gegeben hat, jedenfalls nie über lange Zeiträume hinweg?
"Von tausend Erfahrungen, die wir machen, bringen wir höchstens eine zur Sprache. (...) Das Problem ist, dass wir keinen Überblick über unser Leben haben. Weder nach vorn noch nach hinten." Pascal Mercier
Ich einsamer Einzelgänger! Bin immer meinen eigenen Weg gegangen, wie man so sagt. Mit mir selber konnte ich schon immer kompromisslos sein, oft auch mit anderen, obwohl ich immer als der Nette und Freundliche erscheine, der ich auch sein möchte.
Wenn alle wüssten, was in meinem Kopf vorgeht! Welche Gespräche ich mit mir selber führe und was für skandalöse Gedanken ich mir ausdrücklich erlaube! Es sind ja nur Gedanken! Nur Gedanken? Abgründe sind es! Her mit dem Mantel des Schweigens!

8
"Hallo "Chantal!""
"Na Du. Wie geht's?"
""Chantal", wir fahr'n nach Thann."
"Und was machen wir da?"
"Na, frühstücken! Prendre le petit déj."
Thann kannte ich bis dahin nur von einem kurzen Abstecher dorthin. Abstecher? Nun, es wurde niemand abgestochen, ich war einfach mal nach dort gefahren. Einen sehr guten Sandwich an einem Tisch auf dem Trottoir vor einer Patisserie gegessen.
Ich nahm Chantal in Bantzenheim an Bord meines PT Cruiser und fuhr mit ihr über Ottmarsheim und die A36 nach Thann.
"Weisst Du eigentlich", fragte ich sie während der Fahrt, "dass Du in meinem neuen Roman vorkommst?"
Sie wusste es natürlich nicht, das war ja auch nur eine rhetorische Frage von mir.
"Ah ja? Und als was?"
"Als Erfindung", antwortete ich.
Wir fanden tatsächlich die Patisserie wieder und ich wollte das Gleiche wie beim letzten Mal, einen Sandwich au thon. "Chantal" wollte das gleiche wie ich, zum ersten Mal. Sandwich mit Thunfisch. In Thann.

9
Auf einer Party eines Fernsehkochs aus dem Rheinland, der sich hier in Badenweiler angesiedelt hatte, lernte ich dann Waltraud, die Gräfin, kennen.
"Sind Sie auch einer der neuen Männer, die angeblich so gerne kochen?" fragte sie mich während eines Tanzes.
"Ob ich ein neuer Mann bin? Das würde ich selber gerne wissen."
"Sie lassen sich doch lieber bekochen als selber am Herd zu stehen, stimmt's?"
"Das kann ich nicht leugnen."
"Darf ich Sie nächstes Mal einladen, wenn der Herr Lächter bei mir kocht?"
"Das wäre mir eine grosse Ehre, gnädige Frau."
"Ach, lassen Sie doch die gnädige Frau."
Wir tauschten unsere Vornamen aus, setzten uns an einen Tisch, an dem noch zwei Plätze frei waren, und liessen uns innerlich nicht mehr aus den Augen. So empfand ich es jedenfalls.
Nach einer Weile nahm ich wie zufällig das Gespräch wieder auf.
"Falls Sie in der kommenden Woche noch einen Abend frei haben, würde ich Sie gerne mal zum Essen einladen. Vielleicht gefällt es Ihnen im Römerbad?"
"Das finde ich ja nett."
"Ich würde Sie gerne abholen. Wann passt es Ihnen?"
"Donnerstag?"
Sie war mir von Anfang an sympathisch gewesen und ich hatte das Gefühl, dass auch sie mich mochte. Wie ich später erfuhr, hatte sie bis dahin von mir nur gewusst, dass ich Schriftsteller und nicht ganz unvermögend war. Der "Schriftsteller" hatte ihr sicher einen gewissen Kick gegeben, während ihr die Tatsache, dass ich wohl kaum nur hinter ihrem Geld her sein konnte, sicher eher eine gewisse Beruhigung verschaffte.
Beim Essen im Römerbad waren wir beide ziemlich entspannt und angeregt zugleich. Sie erwähnte en passant ihren vor mehreren Jahren verstorbenen Ehemann und ich verstand, dass sie sich ziemlich einsam fühlte. Was nicht unbedingt zu ihrem Naturell passte. Irgendwie hatte sie wohl nichts zu verlieren und schien mir bereit, auch noch Dinge zu riskieren, von denen man nicht im Voraus wissen konnte, wie sie ausgehen würden.
Als wir beim Dessert und Kaffee angelangt waren, machte ich ihr einen Vorschlag.
"Sollen wir uns morgen am Thuner See weiter unterhalten?"

10
Die Geschichte, wie ich sie mir schon einmal ausgedacht und mit deren Niederschrift ich schon einmal begonnen hatte. War sie dabei, real zu werden?
Sie handelte von einer reichen Witwe, die sich einen zwanzig oder dreissig Jahre jüngeren Lover zulegte, einen Schriftsteller, mit dem sie sich zeigen konnte und der bis dahin eher arm, einsam und unentdeckt gewesen war. Eine Geschichte, die ich noch nicht zu Ende geschrieben hatte. Wurde Waltraud real? Steuerte ich in eine sich selbst erfüllende Prophezeiung? Oder geschah alles nur in  meiner Phantasie?
Noch lange danach, wenn ich manchmal an Waltraud zurückdachte oder ein Foto von ihr sah, konnte mich das noch immer erregen. Die Augen, der Mund, der Gedanke an die Momente, in denen sie, ohne sich selber auszuziehen, meinen "Kleinen", wie sie ihn nannte, so lange mit ihrer Hand, ihrer Zunge und ihrem Mund bediente, bis es mir kam. Ich schaute an die Decke oder, wenn ich stand, aus dem Fenster, bis ich schliesslich die Augen schloss und alles passieren liess.
Ich wusste, sie machte das nur für mich. "Einmal in der Woche", dachte sie, während sie ihren Mund sanft über meinen Steinharten stülpte und ihn ihre zärtliche Zunge spüren liess. "Ein- bis zweimal die Woche braucht er das und soll er es auch haben. Ich mache das so gerne, er hat so einen schönen Penis. Jetzt ist er ganz prall und richtig hart. Mal sehen, wie lange er geniessen kann, bevor er kommt. Ich glaube, er ist gleich soweit. Jetzt spüre ich, dass er kommt. Ah, das ist schön, ja, ja, lass Dich gehen, lass es einfach kommen!"
Nie zuvor hatte ich eine Frau gekannt, die allein lebte und ihre Bücher auf vier Zimmer verteilt hatte. Im Wohnzimmer hatte sie die Bildbände, klassische Literatur und Kulturgeschichte in der Bücherwand, im Büro die Lexika, Wörterbücher und Sprachkurse, in der Küche ein Regal mit Kochbüchern, Party-Tips und Rezeptsammlungen und im Schlafzimmer eins mit Bettlektüre.
Wenn sie mich einer ihrer Freundinnen vorstellte, dann immer als "so eine Art Stiefsohn". Es war ihr egal ob die das glaubten oder nicht, meinte sie. "Ich möchte dich nur um eins bitten. Versuche nicht, eine von ihnen irgendwie anzumachen oder gar zu verführen. Du kannst dir gerne eine jüngere Geliebte leisten, aber halte es bitte vor meinen Freundinnen geheim, denn ich möchte mich nur ungern blamieren.

11
Am Thunersee übernachteten wir in einem schönen Hotel eines Freundes, den ich vor Jahren mal als ebenfalls Schreibenden kennengelernt hatte.
"Na, was macht die Literatur?" fragte ich ihn.
"Ich schreibe am dritten Roman."
"Na prima. Darf ich Dir meine Gräfin vorstellen?"
"Angenehm", sagte er und reichte ihr die Hand.
"Das ist mein dichtender Emmentaler", stellte ich ihn ihr vor. "Er hat uns ein Zimmer reserviert und einen Tisch auf der Terrasse."
"Das ist ja schön, ich habe richtigen Hunger", meinte meine Gräfin.
Nach einem ausgiebigen Znüni war es dann kurz nach zehni, als wir auf unser Zimmer gingen. Ich öffnete die Balkontür und schaute auf den abendlichen See hinaus, während sie mir einen Arm um die Hüfte legte und die andere Hand auf den Reissverschluss der Hose. Sie bewegte ihre Hand nur ganz leicht und zärtlich bis versonnen streichelnd, so dass sie alsbald meine Härte zu spüren bekam.
"Darf ich?" fragte sie mit geschlossenen Augen, während ich weiter auf den See hinaus blickte und ihr mit den Händen leicht übers Haar strich.
"Ja, natürlich", sagte ich, worauf sie den neben ihr stehenden Stuhl zu sich heranzog, um sich vor mich hin zu setzen. Langsam öffnete sie Reissverschluss und Gürtel, die sich etwa in Höhe ihres Gesichts befanden, und schob mir die Hose samt Boxershort nach unten, so dass mein hartes Ding sich endlich an der frischen Luft befand, wenn auch nicht lange.
Sie nahm es in die Hand und schob es sich sanft in ihren Mund. Mit letzterem machte sie nun die zärtlichsten Bewegungen, und zwar ziemlich lange, bis sich mein Samen in ihren Mund ergoss, den sie gar manches mal auch beherzt schluckte.

12
Dieses Buch hier ist wie das richtige Leben. Trotz einiger Lichtblicke weiss man oft nicht, was das ganze soll. Man weiss auch nicht, wie es enden wird. Nur dass es enden wird. Es gibt bessere und schlechtere Passagen. Eigentlich geht es immer nur um Frauen und Liebe, um Glauben und Sex. Und um Philosophie. Um undefinierbare Seelenzustände und Befindlichkeiten. Um Hoffnungen, Erwartungen und Enttäuschungen. Um Blabla und Beziehungsgeschichten. Und der Leser mag es bereits ahnen, was ich im Moment ganz deutlich spüre, aber nicht unbedingt als Makel empfinde, nämlich diese Geschichte hat irgendwie kein richtiges
Ende
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.08.2023. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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