Horst Radmacher

Reiner Zufall

Einer der bekanntesten Zufälle der Geschichte erzählt die Legende von der Entdeckung der Schwerkraft, in der Sir Isaac Newton angeblich einen Apfel vom Baum herunterfallen sah, unter dem er zu diesem Zeitpunkt weilte, rein zufällig. Ein möglicher Zusammenhang zwischen Fügung und Zufällen bei historischen Ereignissen wie bei diesem Beispiel, war das Thema, zu dem die Philosophiestudentin Hannah Renner ein Essay erarbeiten sollte. Hannah, esoterisch überhaupt nicht inspiriert, behagte dieses Thema nicht, sie glaubte nicht an Wege des Schicksals, sondern ging eher davon aus, dass das Leben sich entlang vieler Zufälligkeiten entwickelt.

Ihr albanischer Studienfreund, Neven Ciric, bekannt für sein Faible für Palindrome, also Wörter, die vor- und rückwärts gelesen gleichlautend sind, ebenso wie für seinen Lieblings-Palindrom-Satz, 'Nie solo sein', stimmte Hannah nachdenklich, als er sie in diesem Zusammenhang auf vermeintliche Zufälle in ihrem Leben hinwies, die sie bislang so nicht wahrgenommen hatte. War es wirklich reiner Zufall, dass ihr Vor- und Nachname aus je einem Palindrom besteht. Neven Ciric, auf den dies auch zutrifft, fragte sie bezüglich der Namen ihrer Eltern. Aha, also Otto und Anna Renner, mit deren aktuellem Berufsstatus: Rentner! Ganz zufällig, solch eine Anhäufung von Palindromen in einer Familie? Alles nur Unfug, Hannah? Die wurde aber erst so richtig stutzig, als sie an den Geburtsort ihrer Mutter und den ihres Vaters dachte, Saas bei Bayreuth, während ihr Vater aus Niedersachsen stammt, aus dem Ort Hammah an der Unterelbe. Geboren wurde er am 5.5.55 im Haus Auf der Höh, Nr. 22 beim Wechsel der Gezeiten, als die Ebbe einsetzte, genau um 13:31. Und was ist mit deinem eigenen Geburtsdatum, Hannah? Der 20.02.2002? Und mit dem deines Neffen Ede, am 02.02.2020? Vermutlich auch nur Zufälle, aber alle in einer Familie? Und da war noch mehr. Zum Beispiel das in der vom Wassersport begeisterten Familie bevorzugte Sportgerät: Kajak. Und weiter: Dass Menschen Vögel gernhaben, ist verbreitet. Aber dass die Vogelliebhaber der Familie Renner ausnahmslos alle nur die Großvögel Uhu oder Ara in ihrer Voliere halten, das kann doch kein Zufall sein. Bei weiteren Rückblicken in das Familienleben stellte sich heraus, dass das Lieblingsnaschwerk beider Elternteile, unabhängig voneinander, in deren Kindertagen das Fruchtgummi Maoam gewesen war. Später, sie hatten ihre Musikvorliebe vom Pop der Gruppe Abba in Richtung klassische Musik verlagert, zu ihrem Lieblingskomponisten Max Reger, bevorzugten sie beide als Nascherei das Fruchtbonbon Sugus. Dann, mit Anfang zwanzig, kam für sie als ideale Lebensform nur eine in Frage: die Ehe. Ihre Hochzeitsreise führte sie nach Kreta. Von dort brachten sie ihren Lieblingswein in einem größeren Behälter mit, in einem Retsinakanister. Und überhaupt, das Reisen blieb ihre Passion. Nachdem sie mehrmals auf Kreta gewesen waren, wurde Uganda das favorisierte Reiseziel, bis dessen damaliger Diktator, Idi Amin, ihnen den Aufenthalt in diesem Land durch seine Schreckensherrschaft vermieste. Hannah war von all diesen Palindromen im Dunstkreis ihrer Familie verblüfft.

Um was sollte es sich jedoch handeln, wenn nicht um Zufälle, aber in dieser Anhäufung? Hannah besprach dies mit ihrer Mutter. Die fand dies zwar auch auffällig, maß diesen Dingen aber keine besondere Bedeutung bei. Anna Renner war weit entfernt von Thesen einer das Schicksal bestimmenden Hand. Gut, sie könne sich noch an Wasch- und Scheuermittel wie Omo ober Ata erinnern, die von ihrer Mutter Irmgard, von deren Enkeln immer nur Immi genannt, häufig benutzt wurden, aber die könnte sie nicht mehr über weitere Auffälligkeiten fragen, die ist ja seit Jahren tot. Das, was Freund Neven thematisch angestoßen hatte, verwirrte Hannah zusehends. Es waren zu viele der rein zufällig auftretenden Palindrome. Sie beendete die inzwischen lästige Suche nach weiteren eventuellen Zusammenhängen solcher abstrusen Inzidenzfälle, als sie entsetzt feststellen musste, wie bei ihr Beethovens 5. Symphonie als Palindrom zum Ohrwurm wurde: TATARATAT!

Die Ausarbeitung für die Arbeit zum Thema Zufall und Bestimmung lehnte sie nachträglich ab. Um auf andere Gedanken zu kommen, reiste sie nach England. Dies war zwar das Heimatland von Sir Isaac Newton, mit dem für sie diese zermürbenden Faktensuche begonnen hatte, aber sie hatte sich dort schon in früheren Zeiten außerordentlich wohlgefühlt. Bereits nach wenigen Tagen hatte sie zu den skurrilen Verknüpfungstheorien um ihre Familieherum Abstand gewonnen. Sie lebte frei und unbeschwert in einem kleinen Städtchen in den East Midlands in der Grafschaft Lincolnshire. Hannah war inzwischen so entspannt, dass ihr entgangen war, dass der Name dieses Ortes, Terret, ebenso ein Palindrom war wie der Name, ihres dortigen Freundes Bob Redder, der zudem in seiner Freizeit leidenschaftlich gerne mit seinem Kayak unterwegs war. Die zwei unternahmen häufig inspirierende Ausflüge in die nähere Umgebung. Eine ihrer Touren führte sie in das Städtchen Woolsthorpe-by-Colsterworth. Hier führte Bob seine Freundin an den Ort, an dem Sir Isaac Newton angeblich, rein zufällig, hinter das Geheimnis der Schwerkraft gekommen sein sollte.

Die Menschen in Lincolnshire wussten schon damals, dass Isaac Newton das Gesetz der Gravitation bereits vorher erkannt hatte. Das Narrativ vom herunterfallenden Apfel erschien dem Schelm Isaac aber interessanter, als es die schlichte Verkündung einer physikalischen Erkenntnis gewesen wäre, außerdem schätzte er einen Gag auf hohem Level sehr. Er wusste, die Leute mögen so etwas. Belegt ist eigentlich nur, Isaac Newton kam zum besagten Apfelbaum mit seinem Reittier, das er neben dem Baum an einem Reliefpfeiler befestigte. Als Hannah von dieser Geschichte erfuhr, sowie dass eine Urahnin Bobs, eine gewisse Eve Tillit, dem Wissenschaftler seinerzeit das Grundstück mit dem Apfelbaum verkauft hatte, das vorher ihrer Tante Minim
gehört hatte, kommentierte sie dies vergnügt mit einem erstaunten WOW.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.09.2023. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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