Burckhardt Fischer

Von einem Baum

Meiner als glückselig empfundenen Kinderzeit hänge ich nach – offensichtlich mehr als andere Menschen zumeist. Dies trotz der Erinnerung an manches Mal übermächtige Erfordernisse, Anstrengungen die mich drücken bis heute, ein halbes Jahrhundert danach.


In dem Garten unserer alten Wohnung im Röwekamp in OL standen, wie es sich für einen städtischen Hausgarten der Jahrhundertwende gehörte, Obstbäume. Im vorderen Teil des Gartens waren – der Nähe zum Haus und der Belichtung wegen – die niedrigeren Sorten, alt und knorrig: links zwei Pflaumenbäume, rechts zwei Apfelbäume über jeweils Beerensträuchern, in Mitten ein Sauerkirschbaum, den meine Mutter erst gepflanzt hatte. Hinten standen riesige Obstbäume in voller Pracht: wiederum Apfelbäume, zwei Birnbäume.

Die herbstliche Ernte dieser Früchte gehörte zu den Höhepunkten des Jahres: noch heute schmelze ich dahin bei der milden, fruchtigen Süße einer reifen Guten Luise, man mußte Obacht geben auf Wespen. Die Birne, eine ganze Mahlzeit, habe ich viel größer in Erinnerung, als man sie heutzutage in Läden findet – selten nur noch.
Meine Brüder kletterten in unerreichbare Höhen, es füllten sich Bottiche und Wannen auf der Wiese inmitten der Bäume. Meine Aufgabe als Kleiner, als Spätgeborener war es, das Fallobst zu sammeln – solches unvermeidlich bei den Kletteraktionen, und für den sofortigen Verzehr freigegeben, ansonsten in den folgenden Tagen verarbeitet zu apple-pie, Hefeklössen mit Birnenkompott und ähnlichen Genüssen. Insbesondere aber durfte ich die gepflückte Ernte Frucht für Frucht entgegen nehmen aus dem Gerät: einem Beutel mit eisernem, gezahntem Ring an langer Stange, der mir von oben entgegen gestreckt wurde, sobald es sich lohnte.

Abends trugen die Brüder die Behälter in den Keller, und ich legte die Ernte mit Hilfe der Mutter auf lange Borde aus Leisten, einzeln und vorsichtig, damit die Früchte durchlüftet würden und im Falle von Fäulnis einander nicht anstecken sollten, bis hinein in die Dunkelheit. Den Winter über durften wir Kinder uns von den Äpfeln nehmen, ein jeder einen pro Tag, nur einen. C. vermochte nie, sich daran zu halten, und die von ihm, meinem Bruder, dafür empfangenen Strafen gemahnten mich, dieses Gebot niemals zu überschreiten. Manchmal, wenn ich es gewahr werde heute, zwinge ich mich, davon abzuweichen.


Auf den Ländereien, die ich erwarb, auch in sonstigen von mir geplanten Gärten, Landschaften, erschuf ich mir dieses verlorene Obst-Paradies erneut – ein jedes Mal in anderer Form, und zumeist eingesponnen auch in andere Themen, Formen, Düfte: erweitert.
So war beständiges Bedauern meiner Mutter, daß – neben der Sauerkirsche – eben Kirschen fehlten, und so habe ich bereits zweimal eine Piazza pflanzen lassen aus verschiedenen Kirschbäumen, die ein Dach bildeten über einem Platz, einer Fläche, im Frühjahr in weißer Blütenpracht explodierend, zur Ernte ein Schlaraffenland mit roten, gelben, schwarzen Früchten, zu denen man nur empor langen musste.

Im Oldenburgischen hatte ich gelernt, daß die Straßen zu Schnapsbrennereien mitunter gesäumt waren von Apfelbäumen, und im kargen Preußen fand ich tatsächlich noch lange Alleen vor. Man bedeutete mir, daß solches heute nicht mehr opportun sei wegen der Unordnung an den Straßen, wenn nicht mehr geerntet, sondern das herunter fallende Obst platt gefahren würde, zudem habe es Beschwerden gegeben, wenn Autos durch Früchte getroffen wurden. Ich beschloß daher, die Zufahrt auf meinem Grundstück vom Tor bis zur Garage, ein gerader Weg über fast das die ganze Grundstückstiefe zu einer Obstbaumallee zu machen – und zwar perspektivisch verstärkt beginnend mit den kleinsten Bäumen, dann größeren, um schließlich mit den größten zu enden und nur einen schmalen Spalt zu lassen für den Blick entlang des Weges aus meinem Atelier, das ich auf dieser Garage bauen wollte wie ein Nest.
Die Sorten wurden ergänzt um meine geliebte Mirabellen, um Kirschen, alle mir lieben Arten aus dem Garten meiner Kindheit wurden beschafft: mühsam zumeist schon. Nur eine Lücke blieb leer, harrte des Gastes, der fehlenden Sorte eben.

Von den Apfelbäumen im Röwekamp war einer gewesen, ein kleiner, der nur noch wenige Früchte trug: die wurden bei Seite gelegt, sofern sie überhaupt taugten zu anderem als apple-pie oder Mus, denn sie neigten zu harten schwarzem Schorf. Die jedoch, bei denen das warme, tiefe, leicht gestrichelte ROT ihrer Schale hinreichend überwog, wurden gehätschelt, gepflegt, abgerieben, denn zu Weihnachten kamen nur diese an den Baum, dienten als Gewicht, die Zweige so auseinander zu ziehen, daß gefahrlos die Lichter aufgesteckt werden, und es war dieses ein großes Ritual meines Vaters, ja: eine Wissenschaft. Ich dürfte die Stengel dieser Äpfel mit Schlaufen aus Zwirnsfaden versehen, mußte sie ihm zureichen am Morgen vor der Bescherung, nachdem am Abend zuvor die Weihnachtspyramide hatte aufgestellt werden müssen, mannshoch. Er, der kurz an seinem Zigarillo zog, den Kopf gering zur Seite geneigt, mit der genaueren Abschätzung wegen leicht zusammengekniffenen Augen die zur Auswahl ausgestellten Früchte taxierte, mal auf einen größeren, mal auf einen kleineren zeigte je nach örtlichem Bedarf am nämlichen Zweig, dem Hebelarm, der Ausladung. Wunderbar ausbalanciert: nur Kerzen, silberne Kugeln und ganz wenige rote, an der Spitze ein großer, kunstvoller Stern aus dem Erbe seiner Eltern, aus Goldpapier, und eben diese Äpfel, der ROTE BOERSDORFER.


Nicht zu finden, nirgendwo zu bekommen. Ich schrieb an alle Baumschulen der Republik, an die inzwischen aufkommenden Verbände ZUR RETTUNG DER STREUOBSTWIESEN, an Museumsdörfer, Landwirtschaftskammern: vergebens. Die Lücke blieb.
Ich hatte mich inzwischen größeren Flächen zugewandt, nach der Maueröffnung, Bilder zu malen um ihrer Schönheit, Ihrer selbst willen mit Häusern, Pflanzen, Tieren, nur im flüchtigen Moment dem Betrachter zugetan in immer neuer Ordnung, Formen, Farben, Bewegung, Gerüchen. Alles verloren. Ich bin ein Fossil, die Anderen sehen nicht, wollen nicht sehen wie ich.

Zur Abrundung dieses sentimentalen Arrangements benötigte ich Schafe, und eben die, die als Gipsmodelle auf der Grundplatte der väterlichen Pyramide weideten: Skudden. Kleine, wunderbar knuddelige Wollknäule, aussterbende Haustierrasse. Auf freundliche Vermittlung konnte ich welche im Museumsdorf Düppel erwerben, nicht weit von unserem Hof.
Es bedurfte mehrerer Annäherungen, bis der Leiter des Trägervereins, ein emeritierter Universitätsprofessor, das Vertrauen zu mir fasste, daß ich die Tiere haben sollte: ein braunschwarzer Bock, fünf weiße Damen mit kleinen bunten Farbtupfern: es sollte ein Mendelsches Experiment werden und ergab schließlich eine wunderbare bunte Herde, wo doch sonst auf REINE Farben hin selektiert wurde.

Bei einem der vorbereitenden Besuche stand ich am Rande der Gruppe um den Professor, betrübt, daß ich die auszumerzenden Böcklein nicht auch würde retten können, als ein landwirtschaftlicher Mitarbeiter herantrat, unterwürfig vor dem Professor dienerte und ihm, linkisch und berechnend grinsend, zu dick aufgetragen, einige kleine Baumschößlinge dar bot, nur jeweils gut zwei Handbreit hoch. Ein Strahlen ging über des Professors Gesicht, er unterbrach seinen Vortrag über sträflich unerledigte Arbeiten, nahm den schönsten, grössten der Schößlinge zart, zärtlich in seine Hände, wandte sich mir zu, warum ich ?, triumphierend: „Wissen Sie, was das ist?“

Der ROTE BOERSDORFER, antwortete ich, in einem Anflug von Schalk.

Der Professor erbleichte.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.09.2023. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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