Burckhardt Fischer

Ein Hauch von Wedgewood

T. war uns ins Haus geschneit, da sich kein anderer Platz für sie gefunden hatte. Sie begleitete eine Gruppe Austauschschüler, seit Jahren hatten wir dabei jeweils wenigstens einen Gast, Jungen zumeist, des internationalen Austauschs wegen, mühsame Kontakte.

T. aber sah mich und schenkte mir The catcher in the rhy.

T. kam dann jedes Jahr. Einmal brachte sie ein Mädchen mit, eine englische Pfarrerstochter. F. war lustig und lebensfroh, es war Trubel im Haus, und wir wurden gute Freunde sofort – T. hatte eine gute Wahl getroffen. Für mich..F. und ich gingen aus, ihr die Treffpunkte der Stadt zu zeigen: das neue Cafe im Herbartgang von dem Architekten Latta, der auch unser Haus gebaut. So begeistert angenommen von den Schülern, daß es kurz darauf pleite ging.
Dort trafen wir mit ihrer Gastschwester die Freundin von F. Eine Schönheit wie gedruckt, glattweg entsprungen aus Twen oder Gleichem. Ich ward ihr verfallen. Und ging fürderhin mit beiden aus.

Getraut habe ich mich nichts, und so hielt die Liebe gerad so lang. Ich reiste noch vor ihnen ab, denn Rudi Dutschke war niedergeschossen worden, an meinem Studienplatze, vor unserer Berliner Wohnung, beinah, und es galt dagegen aufzustehen.

Am letzten Tag aber war noch ein Besuch im Museum organisiert. Die Führung dauerte endlos. In der Gruppe befand sich auch die Tochter eines Lords, ständig umschwärmt von einem schmächtigen, bebrillten Engländer, dem wir sie zugehörig erachteten. Wir standen ein jeder auf einer der großen Bodenplatten, und ich bemerkte, daß meine locker war, und begann ein wenig und rhythmisch zu klappern, in den Vortrag hinein. Die Lady lachte, und wir begannen ein Duett, indigniert beäugt von den Umstehenden, F., meiner schönen Niederländerin, ihrer Gastschwester, dem schmächtigen Englishman. Zu recht, denn es endete in wilden Küssen hinter den Vitrinen, und so schieden meine verflossene Liebe und ich wortlos.

Auch einen Abschied von der Lady habe ich versäumt, denn ich musste zu BILD, meinen Genossen beim Steinewerfen zuzuschaun. Ich habe es nie geschafft, die Pflicht hintan zu stellen.


Ein, zwei Jahre später besuchte ich mit meiner langjährigen Wiederholungsfreundin K. ihre Tante in Amsterdam, die dort in einem wunderbaren Grachtenhaus Hof hielt, richtiger: Teestunde, mit Sherry, zur festgesetzten Zeit. K. nächtigte weisungsgemäß im Souterrain, mir blieb die Dachstube.

K. zeigte mir die Stadt, die ich so sehr liebte, ihre Geheimtipps. Auf dem Weg von der Genever-Kneipe zum De Bijnkorf mussten wir beiseite treten: uns begegnete eine lärmende Truppe von Klabouters, die dort, schrill und als Clowns geschminkt, hüpfend, johlend, trommelnd, Schellen schlagend eine Demonstration vollführte, vorneweg meine Printprinzessin, verwegen, frei und wiederum atemberaubend schön. Wir beide erstarrten, in der Bewegung, als unsere Blicke sich trafen, die Rassel nicht gerührt, einen Moment nur, um dann vorwärts geschoben zu werden in dem Trubel, hüpfend, oder aber ich, als Tourist. K. hakte sich unter bei mir.


T. besuchte meine Eltern weiterhin, etliche Jahre noch. Ich versuchte es einzurichten, sie auch dann zu treffen.

Eines Tages war ein Ausflug versprochen. Doch Tags zuvor brach die Kardanwelle meines alten Mercedes, und, um das Vorhaben dennoch realisieren zu können, ward ein Leihwagen genommen, ein ältlicher VW-Bus. Ich, ohne Erfahrung und mit noch frischem Führerschein, verlor die Kontrolle und streifte einen Baum rechts, einen Baum mit der linken Wagenseite, landete final im Graben. Meine Eltern, T., alle die im Fond gesessen, fanden sich da auf den Vordersitzen versammelt, und – ein wahres Wunder – außer dem Schrecken hatte nur mein Vater eine leichte Stauchung seines Daumens davongetragen. Eine Freundin meines Bruders hatte weniger Glück gehabt: nur wenig später starben ihre Großeltern, bei denen sie und ihre Zwillingsschwester lebten, und noch ein weiteres Familienmitglied bei einem ähnlichen crash, nur wenig weiter. Sie hat sich später das Leben genommen.

Noch Jahre später vermochte ich nämliche Unfallstelle nur mit gedrosseltem Tempo zu passieren: Blauhand


Als das Haus meiner Eltern heimgesucht wurde von Einbrechern, fast alle Erinnerungsstücke verloren, jammerte meine Mutter besonders, das von dem herrlichen Silber- und Porzellan- Gartenservice der Großeltern nur wenige Stücke geblieben, wo sie es doch so schön gefunden. Es war ein zierliches, wunderbar proportioniertes und fast vollständiges Picknickgeschirr aus dem Hause Wedgewood gewesen – nur der Korb fehlte schon.

T. übergab uns bei ihrem nächsten Besuch einen Ersatz, von Wedgewood: ein zart hellblaues Schälchen in Herzform, mir weißem Besatz. Meiner Mutter gefror die Miene ob diesem Kitsch.

T. vollführte diese Schenkung jedoch mit solch inbrünstigem Ernst, daß wir spürten, alle, es ist dies ein Abschied, ein Abschied für immer, von Herzen.

Alle Briefe, die ich T. noch schrieb, kamen zurück: ungeöffnet, ungelesen. Verschollen, sie.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.09.2023. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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