Burckhardt Fischer

Das Dampfmaschinenprinzip

Meine Mutter erzählte aus ihrem Leben, daß sie, als sie zur Schule ging dort lernte, eine Dampfmaschine könne etwa 13 % der in ihr verfeuerten Energie als Kraft nutzbar machen für den jeweiligen Zweck.

Meine Mutter, die eine kluge Frau war, beherzigte Entsprechendes für das ganze Leben – eine darüber hinausreichende Erwartung ist vermessen. Die Erfahrung lehrt: so ganz falsch ist dieses nicht!

Meine Mutter arbeitete schließlich als Lehrerin und war von dem etablierten Mädchengymnasium des Städtchens gewechselt an eine Frauen-Fachschule, in einen Zweig des sozusagen zweiten Bildungsweges – der engagierteren Schülerinnen wegen, wie sie sagte, die ihre Chance dort suchten zu nutzen, manchmal. Dreizehn Prozent eben, in etwa.

Neben der zu Zeiten bonfazionösen Verköstigung der Familie, wenn meine Mutter aus den examina der Koch-Klassen ganze Menüs erwarb und heimschleppte, bildeten die jährlichen Schulaufführungen ihrer Klassen unter der Regie meiner Mutter einen Höhepunkt in meinem Leben, denen ich zumeist mehrfach beiwohnen durfte auch während der Proben, zunächst mangels besserer Unterbringungsmöglichkeiten für den Spätgeborenen, zunehmend aber auch – entsprechend Bedarf und Möglichkeiten – mit kleinen Hilfen bei Requisite und sonstigen Zuarbeiten, so daß ich Teil haben konnte und von den Mädchen aufgenommen wurde in ihre Gaucklertruppe, mehr oder weniger, und welches jeweils mit der schwierigen Festlegung verbunden war, den größten meinen Schwarm zu bestimmen und anzuhimmeln im jeweiligen Jahr. Ich nehme an, meine Vorliebe für große Frauen hat sich dort entwickelt in Relation zu mir damals noch kleinen Mann, die altersmäßige Zielgruppe ist wohl eher entsprechend geblieben, fürchte ich. Auf jeden Fall ein Hang zum Warten in den Kulissen, für den eigenen Auftritt, der nicht vorgesehen Nicht kompetent und zu feige – Professor Unrat läßt grüßen, unerfüllt, verhängnisvoll.

In meiner Schule, zu meiner Zeit bestimmt überwiegend noch von einer Generation frustrierter Kriegsheimkehrer – ausgebrannt, müde und alt, und vereinzelt nichts weniger als losgelöst von den Ideen vergangener Tage in unterschiedlicher Couleur – hatte man sich eingerichtet im Dünkel der Elite, des humanistischen Gymnasiums, des örtlichen. Dort gab es solcherlei Bemühungen und solches Niveau nicht, oder es drang nicht durch zu uns Schülern, oder nur selten. Nur eine knappe halbe Generation später ging mein Neffe mit Begeisterung auf nämliche Schule, in der ein neuer Geist zu herrschen schien für kurze Frist.
In der 7. oder 8. Klasse hielt uns ein Herr Balzer Deutsch-Unterricht mit Gedichten von Paul Celan, Todesfuge: zu viel, zu schwer, belastend, der Unterricht als ein Projekt. Die Klasse war verrufen ob ihrer Bösartigkeiten und fehlender Disziplin, insbesondere aber Interessenlosigkeit, der junge Lehrer aber erreichte uns mit beharrlicher Überzeugung, einige, vielleicht vier oder fünf unter damals siebenundzwanzig: über der Quote bis hin zur Begeisterung, die übrigen wenigstens kooperierend. Es ist dies – mit Ausnahme einer Stunde bei dem unglücklichen Zeichenlehrer Willy Behrends, dem wir keine Chance ließen, leider – meine einzige positive Erinnerung an diese Schulzeit, aus der ich bis heute Mitleid schöpfe für die gequälte Kreatur, Wahrnehmung von Geschichte und Verantwortung darin an der eigenen, auch an der ererbten, Achtung vor der Beherrschung des Wortes, Ansporn zur Auseinandersetzung.

Herr Balzer ward nach einem Jahr abschiedslos versetzt worden unbekannten Ziels – dem Gerücht nach wegen Nichteinhaltung des Lehrplans. Ich rutschte in den Zensuren binnen eines Jahres von EINS auf VIER – dies sei nicht zulässig, behauptete meine Mutter – bei einem Lehrer, von dem das ondit ging, er habe die Inhalte seiner Schulstunden, seines Unterrichtes auf Flaschen gezogen, und der nichts duldete außerhalb seines Planes. Bis unsere Klasse eine kleine Aufführung probieren durfte mit eigenem Text innerhalb des gegebenen kindischen Themas und nur innerhalb unseres Klassenraumes. Ich aber gewann den ersten Preis, mit listiger Hilfe meiner Mutter bei Text und Regie, und ward von da an in Ruhe gelassen wenigstens an dieser Front.

Bei einem Klassentreffen erinnerten sich dieses Balzerschen Unterrichts mein Freund Martin und ich, von allen. Es war die Quote, exakt.

 

Nach Mutters Tod konnte ich das Haus der Eltern nicht halten. Als ich an diesen Ort fuhr, über alles geliebt, um das Urteil zu vollstrecken, das Verdikt der Brüder, gegen mich, die Räumung in geordnete Bahnen zu lenken, fand ich vor, inmitten des Raumes, einen Berg von Papier, Fotos, Dokumenten. Zwanzig Jahre hatte Mutter, nachdem sie verwitwet war, alle Unterlagen geordnet, die die Familie, die Vorfahren, die alten Beziehungen betrafen, Fotos beschriftet, Personen benannt. Zwanzig Jahre war ich ihr zur Hand gegangen, wenn es sich ergab, wenn Materialien benötigt wurden. Wir hatten es geborgen in den großen, geheimnisvollen Schubladen des großväterlichen Sekretärs, der nunmehr einen Liebhaber gefunden: Bruder Nimmersatt war zuvor gekommen.

So blieb von ihrer Arbeit nur ein geringer Teil, bei mir zu bewahren, und in meinem Herzen. Die Quote.


Zwei Aufführungen der Frauenfachschule in Oldenburg ~ 1958 (James Dean, Kommödchen) / der elterliche Sekretär

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.10.2023. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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